Bluttat nach Justizpanne Der Mörder, den keiner aufhielt

Tödlicher Justizskandal: Erol P., der Frau und Tochter auf offener Straße in Mönchengladbach erschoss, wurde bereits per Haftbefehl gesucht. Doch niemand wusste davon: Der Haftbefehl fehlte im Fahndungssystem der Polizei. Der Richter ließ den 39-Jährigen frei - mit fatalen Folgen.

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Hamburg - Für 10 Uhr war am vergangenen Freitag der Termin im Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt angesetzt. Familienrichter Peter M. sollte zwischen dem Ehepaar P. das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder regeln. Rukiye P. hatte sich vor zweieinhalb Jahren von ihrem gewalttätigen Mann Erol P. getrennt.

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Was Richter M. nicht wusste: Der in den Niederlanden gemeldete Türke wurde seit drei Wochen per Haftbefehl gesucht. Der 39-Jährige soll seine eigene Schwägerin vergewaltigt haben. Dennoch erschien er selbstbewusst im Gerichtssaal - ein Schock für die völlig verängstigte Rukiye P. und ihre drei Kinder im Alter von neun, 13 und 19 Jahren.

"Meine Mandantin hatte seit einer Woche nichts von ihm gehört, was ungewöhnlich war, weil er sie täglich belästigte. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass er erscheint, weil wir gehört hatten, er sei in Holland", sagt Rechtsanwältin Gülsen Celebi SPIEGEL ONLINE.

Erol P. habe "ganz ruhig" in dem Verhandlungssaal gesessen, erinnert sich die Düsseldorfer Juristin. "Er machte fast einen seriösen Eindruck." Er gab sich scheinbar Mühe, den Richter zu beeindrucken, denn es ging neben dem Sorgerecht auch um das Gewaltschutzgesetz. "Wir haben den Antrag gestellt, dass er sich meiner Mandantin nicht auf 500 Meter nähern, sie nicht mehr anrufen darf und vor allem aufhören soll, sie zu beschimpfen und zu schlagen. Das volle Programm eben", so Gülsen Celebi. Die 35-jährige Anwältin vertritt in erster Linie muslimische Frauen. "Ich habe tagtäglich mit gewalttätigen Ehemännern zu tun."

Die Familienrechtlerin legt dem Richter vor Beginn der Anhörung ein Schreiben vor, das belegt, dass gegen Erol P. ein Strafverfahren läuft und ein Haftbefehl gegen ihn aussteht. Der Richter versucht, die Staatsanwaltschaft zu informieren. Doch die zuständige Staatsanwältin ist in einer Sitzung. Eine Vertretung bestätigt ihm den Haftbefehl und verspricht, die Polizei zu alarmieren.

"Ihr lügt!", ruft Erol P. - und bleibt gelassen

Gülsen Celebi versucht, den Beginn der Verhandlung zu verzögern und das Eintreffen der Polizei abzuwarten. Doch niemand kommt, der Richter eröffnet um 10.30 Uhr die Sitzung. Er hört die Kinder an, dann die Eltern. Als Erol P. vorgeworfen wird, er belästige seine Frau in übelster Art und Weise, ruft dieser: "Ihr lügt!" Es gehe ihm nur um seine Kinder, nicht um deren Mutter.

"Eine völlig normale Auseinandersetzung, wenn es ums Familienrecht geht", bewertet die Anwältin das Verhalten des dreifachen Vaters und betont: "Er war nicht aggressiv oder so." Richter M. erklärt um 11.30 Uhr, am 23. März werde er sein Urteil verkünden. Ende der Sitzung.

Da die Polizei noch immer nicht erschienen ist, gehen Rukiye P. und ihre Anwältin davon aus, dass die Polizei draußen auf Erol P. warten würde, "um den Kindern den Anblick zu ersparen, wie ihr Vater verhaftet wird." Umso größer ist ihre Überraschung, als dieser vor dem Justizgebäude in seinen Wagen steigt und davon braust - als freier Mann.

Vor den tödlichen Schüssen wählt Derya P. noch die 110

Gülsen Celebi begleitet ihre eingeschüchterte Mandantin zu deren Auto und rät ihr, sofort die Polizei zu rufen, sollte Erol P. vor ihrer Wohnung auftauchen. Eiligst fährt Rukiye P. mit ihren drei Kindern nach Hause in die Frankenstraße. Dort lauert bereits ihr Ehemann. Er steigt aus seinem Wagen, tritt auf seine Frau zu und schießt ihr in den Kopf. Danach packt er die gemeinsame Tochter Derya an den Haaren, blickt ihr in die Augen und schießt auch ihr in den Kopf. Die 19-Jährige hatte noch über ihr Handy die 110 wählen können. Ihre beiden jüngeren Geschwister können sich gerade noch vor dem um sich schießenden Vater verstecken. Die Schwester im Hausflur, ihr Bruder hinter einem parkenden Auto.

Rechtsanwältin Gülsen Celebi: "Tagtäglich mit gewalttätigen Ehemännern zu tun"
DPA

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Die 38 Jahre alte Ehefrau ist sofort tot. Ihre Tochter Derya stirbt im Rettungshubschrauber auf dem Weg in die Notaufnahme. Nach einem kurzen Fluchtversuch stellt sich Erol P. nach einer Stunde der Polizei.

"Diese Morde hätten verhindert werden können, wenn ein per Haftbefehl gesuchter Gewalttäter nicht als freier Mann aus dem Gerichtssaal spaziert wäre", erhebt Gülsen Celebi schwere Vorwürfe. "Wäre der Haftbefehl im Polizeicomputer eingetragen worden oder hätte zumindest der Richter den Mann vor Ort verhaften lassen, würden die beiden Frauen noch leben."

Doch der Haftbefehl, der bereits am 15. Februar vom Amtsgericht Mönchengladbach erlassen worden war, war nicht ins Fahndungssystem der Polizei eingespeist worden. "Bis zur Tat hatten wir keine Kenntnis von dem Haftbefehl und erst recht kein Ersuchen, ihn zu vollstrecken", so ein Polizeisprecher.

"Der Fall wird ganz besonders sorgfältig geprüft"

Hätte denn der Richter Erol P. festnehmen lassen können? "Selbstverständlich", sagt Gülsen Celebi. "Er hätte nur die Wachtmeisterei im Haus benachrichtigen müssen." Die Staatsanwaltschaft will sich dazu nicht äußern. "Das muss jetzt alles im Einzelnen geklärt werden", sagt Joachim Banke, Sprecher des Landgerichts Mönchengladbach, SPIEGEL ONLINE. In Zivilsachen sei es jedenfalls nicht gängig, dass vor einer Anhörung wie in diesem Fall ein Strafregisterauszug eingeholt werde.

"Die Staatsanwaltschaft Krefeld prüft nun, ob jemandem deswegen ein strafrechtlicher Vorwurf gemacht werden muss", so der Gerichtssprecher. Es seien Vorermittlungen aufgenommen worden, die Akten lägen bereits vor, so ein Sprecher der Krefelder Staatsanwaltschaft. Der Fall werde "ganz besonders sorgfältig" geprüft.

Rukiye P. soll auf Wunsch ihrer Familie gemeinsam mit ihrer Tochter Derya in ihrem Heimatort Kayseri in Zentralanatolien bestattet werden. Verwandte haben die Leichen der Opfer bereits überführt. Für die beiden hinterbliebenen Kinder hat Gülsen Celebi Polizeischutz und psychologische Betreuung veranlasst. "Sie sind in großer Gefahr. Man muss damit rechnen, dass sie von der Familie ihres Vaters entführt werden", so die Juristin.

Es hatte Rukiye P. Überwindung gekostet, sich von ihrem brutalen Ehemann zu trennen. Sie ahnte, dass er ihr das Leben zur Hölle machen werde. Und er tat es. Fast drei Jahre lang verfolgte er sie, manchmal rund um die Uhr, fing sie ab, bedrängte sie, schlug auf sie ein. Immer wieder suchte die 38-Jährige Schutz in Frauenhäusern. Einmal alarmierte sie die Polizei, als er die Familie eingesperrt hatte. "Er konnte und wollte sich mit der Trennung nicht abfinden", sagte ein Polizeisprecher. Das Verfahren wegen Freiheitsberaubung und häuslicher Gewalt sei dann jedoch eingestellt worden.

Immer wieder drohte Erol P. damit, sich umzubringen, wenn seine Frau nicht zu ihm zurückkäme. Am Ende war ihm sein eigenes Leben wohl doch wichtiger.



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