Bluttat von Eislingen Mord in gutem Hause

Wie wurde der Sonnyboy zum Mordverdächtigen? Andreas H. soll mit einem Freund zusammen seine komplette Familie im schwäbischen Eislingen ausgelöscht haben. Der 18-Jährige schweigt, die Polizei vernimmt nun weitere Zeugen - doch die Suche nach dem Tatmotiv stockt.

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Hamburg - Selbst die, die ihn zu schießen lehrten, sind nun entsetzt und fassungslos. Ihr "Sonnyboy" soll sie an der Nase herumgeführt, ihnen "monatelang den netten, hilfsbereiten Kameraden vorgespielt" und dann eine "bestialische" Tat begangen haben, klagt die Schützengilde Eislingen auf ihrer Internet-Seite. Ans Telefon geht man bei den Waffenliebhabern gerade ungern, was soll man auch sagen?

Frederik B., 19, und sein Freund Andreas H., 18, waren Mitglieder des besagten Schützenvereins. Nach Erkenntnissen der Polizei haben sie H.s gesamte vierköpfige Familie ausgelöscht. Und sie haben sehr wahrscheinlich bei einem Einbruch in ihr eigenes Vereinsheim im vergangenen Oktober insgesamt 18 Pistolen und Gewehre entwendet, darunter nach offiziellen Angaben auch die beiden Mordwaffen der Marken Hämmerli und Ruger, Kaliber 22.

Handstreichartig haben die Einbrecher damit auch die Behauptungen zahlreicher Sicherheitsexperten widerlegt, wonach es sicherer sei, wenn Schützen ihre Sportgeräte nicht mit nach Hause nähmen, sondern diese etwa in Vereinsheimen zentral aufbewahrt würden. Von wegen - offenkundig bleibt jedweder Lagerungsort von Waffen unsicher.

Eineinhalb Wochen ist es nun her, dass Hansjürgen, 57, Else, 55, Ann-Christin, 24, und Annemarie H., 22, in der Maisonettewohnung ihres Hauses im baden-württembergischen Eislingen mit 30 Schüssen getötet wurden. Zunächst erschienen die Hintergründe der schrecklichen Bluttat rätselhaft, doch dann verstrickte sich der Sohn der Familie, der zunächst sogar noch die Polizei gerufen hatte, in Widersprüche. Am Ostersamstag erließ ein Richter Haftbefehl gegen ihn und seinen Freund Frederik B.

"Wir waren das zusammen"

"Wir waren das zusammen", gestand der Freund inzwischen laut Polizei. Demnach hat er sich über seinen Anwalt schriftlich zum Geschehen geäußert und den Vierfachmord eingeräumt. Unklar bleibt dennoch, warum die jungen Männer getötet haben sollen. "Wir haben noch keine Erkenntnisse zu ihrem Motiv", sagte der Göppinger Polizeisprecher Rudi Bauer SPIEGEL ONLINE.

Bei der Staatsanwaltschaft Ulm lässt man immerhin durchblicken, dass die Ermittler durchaus "Überlegungen" und "Hypothesen" zum Hintergrund der Morde haben, wie Staatsanwalt Michael Bischofberger SPIEGEL ONLINE sagte. Zur Veröffentlichung seien diese "Spekulationen" gleichwohl noch nicht geeignet. "Wir müssen unsere Ermittlungen jetzt fortführen und werden sie sogar noch weiter ausdehnen."

Demnach sollen weitere Personen aus dem Umfeld der Opfer und der Täter befragt werden, um das Motiv zu bestimmen. Es geht offenbar vor allem darum, die Mitschüler der Verdächtigen aus dem Schulzentrum Öde in Göppingen zu vernehmen. Unterdessen werden die Tatwaffen und die beiden verwendeten Schalldämpfer beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden untersucht. Letztere stammen nach Angaben der Ermittler nicht aus den Beständen des Schützenvereins. "Die Ergebnisse des BKA liegen uns noch nicht vor", sagte Bischofberger.

Die "Bild"-Zeitung orakelte in ihrer Dienstagausgabe, Eifersucht auf seine erfolgreichen Schwestern habe Andreas H. möglicherweise "in den Wahnsinn getrieben". Zwischen dem Vater und seinem Sohn sei es immer häufiger zu Streitigkeiten gekommen. Hansjürgen H. habe dem 18-Jährigen dabei die beiden ebenfalls noch zuhause wohnenden Schwestern als Vorbilder vorgehalten.

War es so? Die Ermittler wollten sich dazu nicht äußern.

Eine harmonische Familie

Nach allem, was man bislang über die Familie weiß, ging es bei den H.s gutbürgerlich und eher harmonisch zu: der Vater Heilpraktiker und aktiv in der Gemeinde, die Mutter Lehrerin und Sopranistin im Kirchenchor, die beiden Töchter, hübsch, aufgeschlossen, intelligent. Beide studierten. Zu Weihnachten schrieb Hansjürgen H. seinen Freunden einen Brief, in dem es hieß: "Mit unseren eigenen Kindern sind wir sehr gesegnet. Alle sind gesund und machen uns viel Freude."

Und auch der mutmaßliche Vierfachmörder Andreas H. erscheint nicht der verhaltensauffällige und adoleszenskriselnde Sonderling gewesen zu sein wie etwa der Amokschütze aus dem nahen Winnenden, Tim Kretschmer. H. schloss die Realschule der 20.000-Einwohner-Stadt mit einer Auszeichnung ab und besuchte gemeinsam mit Frederik B., der ebenfalls aus gutem Hause stammt, das Wirtschaftsgymnasium in Göppingen.

Andreas sei "ein unglaublich reflektierter Mensch für seine 18 Jahre, sehr beliebt, sehr integriert, mittendrin, ohne sich in den Vordergrund zu spielen", sagte der Direktor der Schule, Werner Stepanek, der "Welt am Sonntag". H. und sein mutmaßlicher Komplize B., der mit der Familie seines Freundes auch schon gemeinsam verreist war, seien "von Lehrern, Schülern, Jungs, Mädchen" anerkannt gewesen. Er habe keine Erklärung, sagte der Pädagoge, und "stehe dem Wahnsinn völlig hilflos gegenüber".

Der 18-Jährige H. engagierte sich nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Zeitungen in der evangelischen Kirche und in der DLRG-Ortsgruppe. Im vergangenen Sommer pilgerte er mit einem Freund auf dem Jakobsweg und hielt später über seine spirituellen Erfahrungen einen Dia-Vortrag in der Eislinger Luthergemeinde.

Auf einem Zettel, der vor dem Haus der Familie abgelegt wurde, stand laut "FAZ": "Wir sorgen uns um dich. Wir sind für dich da. (...) Deine dich liebenden Mädels."

"Seichter Trost"

Und dennoch soll genau dieser gläubige, engagierte und beliebte junge Mann seine Eltern und Schwestern erschossen haben. Nach Erkenntnissen der Ermittler töteten Andreas H. und Frederik B. am Gründonnerstagabend zunächst die 22 und 24 Jahre alten Frauen, die fernsahen. Anschließend sollen sich die mutmaßlichen Täter seelenruhig in einer Gaststätte mit Hansjürgen und Else H. unterhalten und diese dann später in der Wohnung ebenfalls kaltblütig ermordet haben.

Wie wurde also der Mustersohn zum Mordverdächtigen? Diese Frage beschäftigt nicht nur Polizisten und Reporter, sondern auch die Menschen in Eislingen und Umgebung. Die Pfarrerin der Lutherkirche, Kathinka Korn, warnte jedoch vor übereilten Antworten auf eben diese Frage: "Das ist gerade das Schwerste, zu verzichten auf den seichten Trost, den vorschnelle Antworten gewähren, und der Unbeantwortbarkeit solcher Fragen standzuhalten", sagte sie in ihrer Predigt.

Andreas H., der zum Tatgeschehen noch immer schweigt, hatte an der Beisetzung seiner Familie teilnehmen wollen. Ein Richter lehnte dies ab.

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