Prozess um Säureanschlag Bolschoi-Startänzer entschuldigt sich bei Opfer

Der künstlerische Leiter des Moskauer Bolschoi-Balletts hat im Prozess um den Säureanschlag auf ihn ausgesagt. Sergej Filin berichtete von Warnungen vor Intrigen. Der mutmaßliche Drahtzieher der Tat entschuldigte sich bei ihm, beteuerte aber seine Unschuld.

Bolschoi-Ballettchef Filin: "Das Leben aller Menschen, die mir nahestehen, hat sich verändert"
DPA

Bolschoi-Ballettchef Filin: "Das Leben aller Menschen, die mir nahestehen, hat sich verändert"


Moskau - Nach dem Säureanschlag auf den Ballettchef des Moskauer Bolschoi-Theaters hat sich der mutmaßliche Auftraggeber vor Gericht beim schwer verletzten Opfer Sergej Filin entschuldigt. "Ich streite nicht die moralische Verantwortung ab", sagte der angeklagte Startänzer Pawel Dmitritschenko bei der ersten Zeugenaussage Filins. Aber er sei nicht in die konkrete Planung der brutalen Attacke eingebunden gewesen, beteuerte er der Agentur Interfax zufolge.

Dmitritschenko soll aus persönlichen Gründen die Attacke im Januar in Auftrag gegeben haben, bei der Filins Gesicht und vor allem seine Augen stark verätzt worden waren. Der Ballettchef, der auch in Aachen mehrmals operiert werden musste, fordert Schadensersatz. "Das Leben aller Menschen, die mir nahestehen, hat sich verändert. Ich habe mein Augenlicht verloren, ich kann meine Kinder nicht mehr sehen", sagte Filin. "Die Hauptmotive für den Angriff sind natürlich Neid und Feindschaft."

Vor dem Angriff sei er vor Intrigen Dmitritschenkos gewarnt worden, sagte Filin, er könne den Tätern und Hintermännern des Angriffs "niemals verzeihen". Der Ballettchef trug einen dunklen Anzug mit hohem Kragen und eine abgedunkelte Brille. "Ihm wurde geraten, Stress zu vermeiden", sagte seine Anwältin Natalia Schukowa vor der Anhörung. Er habe aber darauf bestanden, dem Gericht alle Fragen zu beantworten. Der Richter bot Filin an, Pausen einzulegen. Ein Arzt überwachte seinen Gesundheitszustand.

Aufgeheiztes Klima am Theater

Neben Dmitritschenko sind auch der mutmaßliche Täter sowie ein Helfer wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Ihnen drohen jeweils bis zu zwölf Jahre Haft. Der Tänzer hatte in der vergangenen Woche seine Unschuld beteuert. Er habe niemals gewollt, dass Filin so schwer verletzt werde. Die Ermittler vermuten, dass der Tänzer mit dem künstlerischen Leiter wegen der Vergabe von Rollen für sich und seine damalige Freundin über Kreuz lag und ihn deshalb schwer verletzen wollte.

Filin wies nun Anschuldigungen zurück, dass die Karriere von Tänzerinnen in seinem Bett entschieden würden. Er war in der Nacht des Angriffs in Begleitung von Bolschois neuem Star Olga Smirnowa gesehen worden, bestritt aber, eine Affäre mit ihr gehabt zu haben. Er behandle alle Tänzerinnen gleich, versicherte Filin, ihre Karriere richte sich strikt nach ihrem Talent. So sei seine Frau nach wie vor einfaches Mitglied der Balletttruppe, obwohl er schon seit zehn Jahren eine Beziehung mit ihr habe.

Nach der Säureattacke war eine Reihe von Intrigen und Affären aufgeflogen. Im Juni entließ die Theaterleitung mit Nikolai Ziskaridse einen ihrer bekanntesten Solotänzer. Sie warf ihm vor, für ein aufgeheiztes Klima im Ensemble verantwortlich zu sein, das zu dem Säureanschlag geführt habe. Im Juli musste Bolschoi-Chef Anatoli Iksanow nach 13 Jahren gehen.

wit/dpa/AFP

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