Bombenalarm in Deutschland Im Griff des Terrors

Gleich drei Mal innerhalb von 20 Stunden wurden Bahnhöfe wegen großangelegter Fahndungen oder Bombendrohungen abgeriegelt. Sämtliche Einsätze gingen glimpflich aus, dennoch warnt Innenminster Schäuble: "So nah war die Bedrohung noch nie."

Kiel/Koblenz/Hamburg - Während die Deutschen üblicherweise den Terrorismus aus der Distanz beobachten, rückt er heute bedenklich nahe, gleich drei Mal: Am frühen Morgen herrscht am Kieler Bahnhof in Deutschlands Norden Ausnahmezustand. Das Gelände ist hermetisch abgeriegelt, die Polizei im Großeinsatz. Sie fahndet nach einem der mutmaßlichen Terroristen, die Ende Juli am Hauptbahnhof Köln zwei Kofferbomben in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz deponierten. Zwei niedliche gelb-grüne Elektrowecker, Marke "Little Star", sollten die tödliche Fracht zünden und Dutzende Menschen in den Tod reißen. Nur ein technischer Fehler hatte eine Explosion mit verheerenden Folgen verhindert.

Gegen 4 Uhr wird auf dem Kieler Bahnhofsgelände ein 21-jähriger Libanese festgenommen. Der Festgenommene ist ein in Kiel lebender Student - und gleichzeitig der Mann, der auf den Fahndungsvideos das Fußballtrikot mit der schwarzen "13" trägt, der Nummer des Fußballstars Ballack. Es habe Hinweise darauf gegeben, dass der Mann mit den Vornamen Youssef Mohammed sich noch in der Nacht zum Samstag aus Kiel absetzen wollte, sagt Bundesanwältin Harms. Für sie steht auf Grund von DNA-Spuren fest, dass es sich bei dem Festgenommenen um einen der beiden Kofferbomber handelt. Nach dem zweiten Tatverdächtigen wird nach Angaben der Bundesanwaltschaft auf Hochtouren gefahndet.

Trotz des Fahndungserfolges wollen die Ermittler die Deutschen nicht in Sicherheit wiegen. Der BKA-Chef Jörg Ziercke warnte, dass die Gefahr eines Anschlags weiter bestehe - der zweite Verdächtige ist schließlich noch auf der Flucht. Es sei offen, ob die handwerklichen Fehler beim Bombenbau inzwischen korrigiert worden seien "und womöglich eine neue Bombe im Bau ist". Zudem sei unklar, ob der Festgenommene Teil eines Netzwerkes sei und ob es einen Zusammenhang zu den Anschlägen in London und Madrid gebe.

Bombenalarm in Hamburg und Koblenz

Die Sicherheitskräfte sind gewarnt, und sie lösen Alarm aus: Am Nachmittag wird in Koblenz ein herrenloser Koffer in einem Regionalexpress entdeckt. Der betroffene Waggon wird nach Angaben eines Polizeisprechers abgekoppelt und auf einen abgelegenen Güterbahnhof gebracht. Dort soll er von Fachleuten untersucht werden. Der Bahnhof wird wegen des Fundes kurzzeitig gesperrt. Wenig später kann die Polizei aber Entwarnung geben.

Am Abend die nächste Bombendrohung: Gegen 17 Uhr 50 wird der Hamburger Hauptbahnhof komplett abgeriegelt. "Wir haben einen anonymen Anruf erhalten", berichtet Polizeisprecher Andreas Schöpflin. "Diesen Anruf haben wir sehr ernst genommen und sorgfältig geprüft." Ob es sich um einen üblichen Telefonscherz oder ein erstzunehmendes Attentat handelt ist vorab nicht einzuschätzen. Das gesamte Gebäude wird evakuiert, das umliegende Gelände gesichert. Die Polizei startet einen Großeinsatz und sucht den Bahnhof detailliert ab.

Für die Reisenden sind die Folgen ähnlich wie in Kiel und Koblenz. Sie müssen warten. Züge dürfen nicht fahren oder müssen ihre Fahrt vorzeitig beenden. Erst rund zwei Stunden nach der Bombendrohung gibt die Polizei in Hamburg Entwarnung. Der Bahnbetrieb wird wieder aufgenommen. "Wir stellen jetzt wieder Züge bereit. Allerdings muss weiterhin mit Verspätungen gerechnet werden", heißt es bei der Bahn.

Schäuble: "So nah war die Bedrohung noch nie"

Angesichts der gehäuften Terrordrohungen zu Beginn des Wochenendes bezeichnete Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Sicherheitslage in Deutschland als "ungewöhnlich ernst" bezeichnet. "So nah war die Bedrohung noch nie", sagte der CDU-Politiker am Samstagabend im ZDF- " heute-journal". Wie viele potenzielle Terroristen in Deutschland lebten, sei völlig unklar. "Wir wissen gar nicht, wen wir hier alles noch haben", erklärte Schäuble.

Als Konsequenz müssten nun die Sicherheitsbestimmungen verschärft werden. So müsse die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden in Deutschland und auch mit ausländischen Nachrichtendiensten verbessert werden. "Wir müssen jetzt die Anti-Terror-Datei zu Stande bringen", forderte Schäuble. Er sei sich aber sicher, dass dies im September geschehen werde. Die Datei soll den Informationsaustausch zwischen Polizei und Geheimdiensten verbessern.

Schäuble verlangte erneut eine Ausweitung der Videoüberwachung in Bahnhöfen. Die Festnahme des mutmaßlichen Bombenlegers in Kiel gehe auch auf die Videoaufnahmen am Kölner Hauptbahnhof zurück. "Ich bin froh, dass die Deutsche Bahn jetzt weitere Kameras einrichtet."

fok/dpa/AP/ddp/

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