Vergewaltigte Camperin bei Bonn Eric X., ein "psychisch gesunder Mann"

War Eric X. voll schuldfähig, als er auf der Bonner Siegaue eine Frau vergewaltigte? Im Prozess am Landgericht Bonn gibt eine Gutachterin eine eindeutige Antwort.

Eric X. im Bonner Landgericht (Archivfoto)
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Eric X. im Bonner Landgericht (Archivfoto)

Von Christian Parth, Bonn


Auftritte der Gutachterin Nahlah Saimeh gelten vor Gericht als Ereignis. Die Expertin für forensische Psychiatrie spricht mit beachtlicher Klarheit, ihre Analysen sind präzise, wie etwa beim Prozess zum "Horrorhaus von Höxter" zu sehen war.

Nun trug die 52-Jährige am Bonner Landgericht vor, wie sie den Geisteszustand von Eric X. bewertet. Er vergewaltigte im April 2017 im Naturschutzgebiet Bonner Siegauen eine Frau im Beisein ihres Freundes. Dafür wurde er im Oktober vergangenen Jahres zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Der Flüchtling aus Ghana wollte das nicht hinnehmen und hatte mit seiner Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) teilweise Erfolg. Die Karlsruher Richter waren der Meinung, das Bonner Landgericht habe die angebliche Persönlichkeitsstörung von X. nicht ausreichend gewürdigt. Der Gutachter aus der ersten Instanz hatte dem 32-Jährigen unter anderem eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gepaart mit einer Borderline-Erkrankung bescheinigt.

Allerdings hatte er trotz dieser Diagnose keine verminderte Schuldfähigkeit feststellen können. X. sei bei der Tat im Vollbesitz seiner Steuerungsfähigkeit gewesen. Dies wiederum bezweifelte der Bundesgerichtshof und gab den Fall an das Landgericht zurück - mit der Maßgabe, den Zustand von X. und das Strafmaß neu zu prüfen.

"Prinzenhafte Kindheit in umsorgter Umgebung"

Den ersten Auftrag übernahm Saimeh. Ihr Ergebnis überrascht vor dem Hintergrund der BGH-Entscheidung: X. weise keinerlei Anzeichen für eine Persönlichkeitsstörung auf, so die Gutachterin. Es mangle ihm zwar deutlich an Empathie, er habe narzisstische und psychopathische Züge, aber nicht in einem krankhaften Ausmaß. X. sei ein "psychisch gesunder Mann". Von verminderter Schuldfähigkeit könne daher keine Rede sein.

Drei Stunden hatte Saimeh mit X. geredet. Dabei habe sie einen stets ruhigen und manierlichen Gefangenen erlebt, berichtet sie. Die Gutachterin arbeitete sich tief in die Kindheit von X. und die ghanaische Kultur ein. X., einziger Sohn eines Dorfkönigs und Kakaoplantagenbesitzers, sei in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, habe eine "prinzenhafte Kindheit in umsorgter Umgebung" genossen.

Nahlah Saimeh (Archivfoto aus dem Landgericht Paderborn)
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Nahlah Saimeh (Archivfoto aus dem Landgericht Paderborn)

Saimeh trägt vor: Neun Töchter hatte der Vater mit seiner ersten Frau gezeugt. Dann nahm er sich eine weitere Ehepartnerin und Eric kam zur Welt. Er sei der ganze Stolz des Vaters gewesen, der Stammhalter, der eines Tages die Plantage übernehmen sollte.

X. besuchte ein Internat, in dem ihm auch Personal zu Diensten stand. Saimeh bezeichnet ihn als gebildeten Mann, gut erzogen, der sehr gutes Englisch spreche. X. sei kein Narzisst, wie der Gutachter im ersten Prozess angenommen habe. Sondern ein Mann, dessen Selbstwert aufgrund seiner gesellschaftlichen Sonderstellung lediglich narzisstisch unterfüttert worden sei. Dieses Klassenbewusstsein habe ihm später Konflikte eingebracht. Etwa in der Kölner Justizvollzugsanstalt, wo er seine Zelle angezündet hatte, laut Saimeh aus Frust darüber, dass er den Richter nicht habe sprechen dürfen.

Mit 800 Euro in der Tasche über das Mittelmeer

Mit dem Tod des Patriarchen nämlich seien auch die Privilegien des Sohnes erloschen. Die eifersüchtigen Halbschwestern trachteten nach dem Erbe. Es kam zu einer Auseinandersetzung mit einem Schwager, den er im Streit erschlug. Danach sei es zu einer "strukturellen Deformation des Lebenslaufs" gekommen.

X. war nicht mehr der angesehene Sohn, sondern ein junger Mann auf der Flucht, den es zunächst nach Libyen verschlug und der dann mit 800 Euro in der Tasche mit einem vollbesetzten Schlauchboot das Mittelmeer überquerte, kurz vor dem Kentern gerettet wurde und schließlich in einer Flüchtlingsunterkunft in St. Augustin bei Bonn landete. Es sei eine "Zeit der sozialen Isolation" gewesen, schildert Saimeh.

"Das Gutachten ist von deutlicher Klarheit"

Sie sprach mit X. auch über sein Frauenbild. Er habe auf Nachfrage betont, er respektiere sexuelle Selbstbestimmung, Vergewaltigung sei für ihn als Christ eine Straftat. An diesem Punkt tut sich ein Widerspruch auf, den auch Saimeh nicht aufzuklären vermochte: Obwohl X. die Tat trotz positiver DNA-Analyse noch immer bestreitet, habe er ihr erzählt, dass er sich sehr über das Opfer gewundert habe. Wie könne eine anständige Frau nachts auf einer Wiese campieren, habe er sich gefragt. In Ghana gebe es so etwas nicht.

X. habe aus dem für ihn "kulturell fremdartigen Setting" auf der Siegaue geschlossen, dass die Frau wohl "verwahrlost" sein müsse. Obschon er gewusst habe, dass es eigentlich falsch sei, habe X. entschieden, Sex zu bekommen, auch gegen den Willen der Frau. Sein Motiv sei banal gewesen, sagt Saimeh und zitiert den Satz, den X. unmittelbar vor der Tat seinem vor Todesangst zitternden Opfer zurief: "I wanna fuck you." Die Gutachterin kommt zu dem nüchternen Ergebnis: "Er hätte die Tat ebenso lassen können, wie er sie begangen hat."

Eric X.' Pflichtverteidiger Martin Mörsdorf zeigte sich vom Vortrag Saimehs verblüfft. "Das Gutachten überrascht mich schon ein kleines bisschen, aber es ist von deutlicher Klarheit." Dennoch sei sein Mandant ein gebrochener Mann. In seinem Plädoyer, das für kommenden Freitag geplant ist, werde er jedenfalls eine Herabsetzung des Strafmaßes fordern.


Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Formulierung "Revisionsprozess" im Vorspann korrigiert.

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