Vergewaltigte Camperin bei Bonn "Ich traue niemandem mehr"

Wegen der Vergewaltigung auf der Bonner Siegaue steht Eric X. erneut vor Gericht - das Strafmaß muss neu verhandelt werden. Zum Auftakt schildern die Betroffenen, wie schlecht es ihnen bis heute geht.

Eric X. vor Gericht
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Eric X. vor Gericht

Von Christian Parth, Bonn


Man werde ihm ein brennendes Kreuz vor die Kanzlei stellen und ihm einen Baseballschläger durch die Fresse ziehen: "Wie kommen Sie dazu, ein solches Tier zu verteidigen?" Monatelang hat Martin Mörsdorf Drohungen erhalten, per Mail, SMS und WhatsApp, weil er die Pflichtverteidigung des inzwischen verurteilten Vergewaltigers Eric X. übernommen hatte. Als er schließlich einen Brief erhielt, den der anonyme Verfasser mit "Heil Hitler" schloss, erstattete er Strafanzeige. Die Ermittlungen verliefen ergebnislos, das Verfahren wurde eingestellt.

Der Prozess im Fall der Vergewaltigung auf der Bonner Siegaue aber geht in eine neue Runde. Der aus Ghana geflüchtete X. war wegen schwerer Vergewaltigung und schwerer räuberischer Erpressung im Oktober vergangenen Jahres zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Eric X., der vor dem Bonner Landgericht oft wütete, brüllte, seine Opfer verhöhnte und sich laut Mörsdorf bis heute für unschuldig hält, beantragte entgegen anwaltlichem Rat die Revision. Tatsächlich hob der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil im Juni teilweise auf. Die Karlsruher Richter sehen zwar die Täterschaft als erwiesen an, äußerten aber erhebliche Zweifel an der Schuldfähigkeit.

Der BGH warf dem Bonner Landgericht vor, die kombinierte Persönlichkeitsstörung des Täters nicht ausreichend gewürdigt zu haben. X. sei dissoziativ, narzisstisch, emotional instabil, ein Borderliner. Das Bonner Gericht muss nun in neuer Besetzung ein neues Strafmaß verhandeln.

Zelle angezündet

Gestützt von zwei Justizbeamten betritt Eric X. am Dienstagmorgen den Saal. Sein Rücken ist gekrümmt, an Händen und Füßen ist er gefesselt. 30 Jahre sei er nun Richter, sagt der Vorsitzende Klaus Reinhoff, aber noch nie habe er einen Angeklagten mit einer solchen Fesselung vorführen lassen. "Es tut mir leid, aber meine Aufgabe ist es auch, die Verfahrensbeteiligten zu schützen", sagt er zu Eric X.

Gegenüber der Anklagebank hat Nahlah Saimeh Platz genommen. Die 52 Jahre alte Psychiaterin ist eine Kapazität im Bereich der forensischen Begutachtung. Auch im Prozess um das sogenannte Horrorhaus in Höxter ist Saimeh im Einsatz. Nun soll sie beurteilen, wie es um den Geisteszustand von Eric X. bestellt ist. Ihre Expertise wird für das Strafmaß entscheidend sein.

In der JVA Köln galt X. als schwieriger Insasse. Immer wieder hatte er Probleme mit den Wärtern. Schließlich zündete er seine Zelle im Hochsicherheitstrakt an und lag eine Woche im künstlichen Koma. 23 Prozent seiner Haut waren verbrannt. Er wurde operiert, kam ins Gefängnis nach Bielefeld. Bald verlegte man ihn in die psychiatrische Abteilung des Gefängniskrankenhauses Fröndenberg, wo er noch heute untergebracht ist.

Zerstörte Schicksale

Zu den bedrückendsten Momenten dieses Prozessauftakts gehören die persönlichen Erklärungen der beiden Opfer, die das Gericht auf Antrag der Nebenklage verliest. Es ist eine Geschichte, die von zerstörten Schicksalen erzählt; von zwei Menschen, die verzweifelt versuchen, die Finsternis zu verlassen, die sie seit der Tat umgibt.

Das Geschehen habe sie zu einem anderen Menschen werden lassen, schreibt die zum Tatzeitpunkt 23 Jahre alte Studentin. Die Fröhlichkeit, das Lachen, die Freude seien aus ihr gewichen. Stattdessen leide sie noch immer unter Angstzuständen und Panikattacken. "Man bekommt sein Leben nicht innerhalb eines Jahres wieder auf die Reihe, wenn es in dieser Weise ruiniert wurde."

Damals, in der Nacht zum 2. April 2017, kampierte die Studentin mit ihrem Freund auf den Bonner Siegauen. Plötzlich stand Eric X. vor dem Zelt und schnitt es mit einer 80 Zentimeter langen Astsäge auf. Zuerst verlangte er Geld und nahm die Musikbox, die ihm die beiden anboten. Dann sagte er mehrfach: "Come out bitch. I wanna fuck you."

In Todespanik folgte die Studentin ihm schließlich, legte sich ins Gras, X. vergewaltigte sie. Ihr Freund blieb im Zelt zurück, weil sie es von ihm verlangte, um Schlimmeres zu verhindern. Er verständigte die Polizei.

"Ich möchte einfach mein früheres Leben zurückhaben"

Nach der Tat setzten die psychischen Qualen ein: Panikattacken, Angstzustände, Albträume. Die Therapeuten bescheinigten beiden eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Studentin zog zu ihrem Freund, der im Ausland studierte und arbeitete. Doch auch dort ging alles schief. Der damals 27-Jährige konnte wegen des Erlebten seinen Job nicht mehr ausüben, seine aussichtsreiche Karriere als Ingenieur bei einem großen deutschen Unternehmen, die bislang vorbildlich verlaufen war, war dahin.

Der Spott, der in den sozialen Netzwerken und Onlineforen über ihn ausgegossen worden war, weil er angeblich zu feige gewesen sei, seiner Freundin zu helfen, hätten ihm schwer zugesetzt.

Gemeinsam zogen sie schließlich zurück in die süddeutsche Heimat, doch selbst in gewohnter Umgebung hätten sie sich nicht mehr sicher gefühlt. Aus Angst haben beide überall Pfefferspray deponiert: In der Wohnung, im Auto, in der Hosentasche. "Ich traue niemandem mehr, selbst wenn ich wollte", schreibt die Geschädigte.

Von Angst und Paranoia getrieben seien sie schließlich in die Dachgeschosswohnung eines Aussiedler-Hofs geflüchtet, wo sie noch immer leben. Doch das sei nur eine "illusionierte Sicherheit", eine "konstruierte heile Welt". Auch in der dörflichen Abgeschiedenheit würde sie gerade in der Nacht jeder Schritt, jedes Geräusch wieder in Panik versetzen.

Als sie im Juni dieses Jahres über die Entscheidung des BGH unterrichtet wurden, sei erneut eine Welt zusammengebrochen. "Wenn ich gleichzeitig heulen und kotzen könnte, würde ich es tun", schreibt die junge Frau und entschuldigt sich für die Ausdrucksweise. Sie schließt mit dem Satz: "Ich möchte einfach mein früheres Leben zurückhaben. Mit freundlichen Grüßen."

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