Urteil gegen Vergewaltiger Eric X. Täter ohne Empathie

Das Urteil gegen Eric X. ist ein wenig gemildert worden: Zehn Jahre muss er wegen der Vergewaltigung in der Bonner Siegaue in Haft. Trotz harter Worte fanden die Richter Umstände, die für den Angeklagten sprachen.

Eric X. vor Gericht
DPA

Eric X. vor Gericht

Von Christian Parth, Bonn


Eine Strafe habe eine klare Bestimmung: Sie soll ein gerechter Schuldausgleich sein. Gleich mehrfach sagte Richter Klaus Reinhoff am Freitagmittag diesen Satz. Es wirkte beinahe so, als wolle er den Zuschauern im Saal deutlich machen, warum ein Gericht oftmals anders entscheiden muss, als es die Öffentlichkeit erwartet.

Kurz zuvor hatte der Vorsitzende das neue Urteil im Fall der Vergewaltigung in der Bonner Siegaue verkündet. Statt elfeinhalb Jahren muss Erix X. nur zehn Jahre in Haft. Dass eine Empörung über die niedriger ausgefallene Strafe ausblieb, hatte vor allem mit der besonnen vorgetragenen Begründung des Richters zu tun.

Wie in den Prozesstagen zuvor, wurde der 32-jährige X. mit Fesseln an Händen und Füßen in den Gerichtssaal geführt. Sein Körper ist gekrümmt von den schweren Verbrennungen, die er sich selbst zugefügt hatte, als er angeblich aus Frust seine Zelle in der JVA Köln angezündet hatte.

In der Nacht zum 2. April 2017 war Eric X. über die Bonner Siegaue geschlendert und hatte dabei ein campendes Pärchen entdeckt. Mit einer Astsäge schlitzte er das Zelt auf, erbeutete zunächst sechs Euro und eine Musikbox und vergewaltigte anschließend die Studentin. Das Bonner Landgericht verurteilte ihn wegen besonders schwerer Vergewaltigung und besonders schwerer räuberischer Erpressung im vergangenen Jahr zu elfeinhalb Jahren Haft.

"Nachhaltig geschädigt"

X. beantragte gegen den Rat seines eigenen Anwalts Revision. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil teilweise auf. Die Karlsruher Richter waren der Meinung, dass die Persönlichkeitsstörung und die seelische Abartigkeit, die ihm ein erster Gutachter bescheinigt hatte, nicht ausreichend gewürdigt worden sei. Im neu angesetzten Verfahren kam eine zweite Gutachterin zu dem Schluss, dass X. zwar dissoziale und psychopathische Züge aufweise, von einer Persönlichkeitsstörung aber könne keine Rede sein. X. sei ein "psychisch gesunder Mann", befand sie.

Richter Reinhoff zeichnete nun ein beinahe vernichtendes Charakterbild des Angeklagten. Eric X. sei ein Mann, der in der Lage sei, "seine Interessen rücksichtslos durchzusetzen und ohne Reue zu leben". Er habe sein Opfer in dieser Nacht gedemütigt, weil er sie als "bitch" beschimpfte und sie in Anwesenheit ihres Freundes vergewaltigte. "Durch die Art der Tatbegehung haben Sie jegliche Empathie für andere vermissen lassen", sagte Reinhoff mit ruhiger Stimme. "Sie haben das Leben zweier Menschen nachhaltig geschädigt."

Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten in ihren Plädoyers die Bestätigung der erstinstanzlichen Haftstrafe gefordert. In der Höhe aber wollte Richter Reinhoff nicht folgen. Auf der Suche nach einem gerechten Urteil habe die Kammer strafmildernde Umstände berücksichtigen müssen: Die Tat habe der Mann aus Ghana spontan begangen, "aus einer momentanen Laune heraus". X. habe nicht erwartet, dass Frauen hierzulande einfach in der Öffentlichkeit zelten, da dies in seiner Heimat unüblich sei.

Die Beute im Wert von 125 Euro sei als gering einzustufen. Zudem sei X. Ersttäter, als Ausländer ohne nennenswerte Deutschkenntnisse besonders "haftempfindlich", auch sein schlechter Gesundheitszustand sei in die Strafbemessung eingeflossen. Dass X. die Tat bis heute leugne, könne ihm wiederum nicht zu seinem Nachtteil ausgelegt werden. "Das ist sein gutes Recht als Angeklagter."

Verteidiger rechnet mit Abschiebung

Nebenklage-Vertreterin Gudrun Roth zeigte sich von dem Urteil kaum überrascht. "Wir leben - Gott sei Dank - in einem Rechtsstaat. Dem Opfer hilft die Strafe ohnehin nicht." Verteidiger Martin Mörsdorf lobte die Begründung des Richters. "Wir haben sehr viele kluge Worte gehört", sagte er. Dennoch hätte er sich gewünscht, dass sein Mandant schon im ersten Prozess gestanden und sich bei den Opfern entschuldigt hätte. "Auf diese Weise hätten wir das alles deutlich verkürzen können."

Mörsdorf geht davon aus, das X. die Hälfte der Haftstrafe in Deutschland verbüßen und anschließend nach Italien abgeschoben werde, dem Land der Erstregistrierung als Flüchtling.

X. hatte sich in seinem letzten Wort als gläubiger Christ bezeichnet. Das wollte Reinhoff so nicht stehen lassen. "Wie lässt sich eine solche Tat mit dem christlichen Glauben und dem Grundsatz der Nächstenliebe in Einklang bringen", fragte er den Angeklagten. Dann gab er ihm einen Rat mit auf den Weg zurück in die Zelle. Er solle sich nun mit der Tat auseinandersetzen, damit er zu verstehen lerne, was er diesen beiden Menschen angetan habe.



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.