Urteil gegen Walid S. "Wer so agiert, der weiß, was er anrichten kann"

Sechs Jahre muss Walid S. nach einer Prügelattacke wegen versuchten Totschlags ins Gefängnis. Über dem Prozess schwebte immer auch ein früheres Verfahren gegen den 23-Jährigen.

Walid S. im Mai 2017 mit seinem Verteidiger vor dem Bonner Landgericht: Mehrfach verurteilt wegen Gewaltdelikten
Oliver Berg/DPA

Walid S. im Mai 2017 mit seinem Verteidiger vor dem Bonner Landgericht: Mehrfach verurteilt wegen Gewaltdelikten

Von Christian Parth, Bonn


Züge der Erlösung legen sich über das Gesicht von Denise P. Sechs Jahre muss Walid S. unter anderem wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung hinter Gitter. "Ich bin froh, dass er jetzt eine Zeit lang von der Bildfläche verschwindet und nicht noch mehr Unheil anrichten kann", sagt sie. Auch wenn der Tod ihres Sohnes damit nicht gesühnt sei.

Für Denise P. ist Walid S. inzwischen zu einer Schicksalsfigur geworden. Vor zwei Jahren saß der Italiener mit marokkanischen Wurzeln schon einmal vor dem Bonner Landgericht. Er war der Hauptangeklagte im Verfahren um den Tod von Niklas P., der niedergeschlagen wurde und dann regungslos am Boden liegend einen wuchtigen Tritt gegen den Kopf einstecken musste. An der Schuld von Walid S. blieben Zweifel, er wurde freigesprochen.

Auch im jetzigen Verfahren gegen S. bildete ein Tritt gegen den Kopf den Kern der Anklage. Bei einem nächtlichen Streit in der Nähe des Bonner Hauptbahnhofs am 10. Februar dieses Jahres wurde eines der Opfer zunächst niedergeschlagen. Das Bonner Landgericht sieht es als erwiesen an, dass Walid S. den am Boden liegenden 26-Jährigen anschließend zweimal gegen den Kopf getreten hatte. Das Opfer erlitt eine Gehirnerschütterung, einen doppelten Oberkieferbruch und eine Fraktur des Jochbeins.

Walid S. habe den Tod vermutlich nicht gewollt, aber ihn doch billigend in Kauf genommen, sagte der Vorsitzende Richter Josef Janßen. Ein solcher Tritt sei vergleichbar mit einem Auto, das mit 36 km/h einen Menschen anfährt, der dann mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe knallt, wiederholt Janßen die Bewertung eines Sachverständigen. "Wer so agiert, der weiß, was er anrichten kann", sagt Janßen.

Randale im Schnellrestaurant

Mit den sechs Jahren, die S. nun im Gefängnis verbüßen muss, ahndet die Kammer noch eine weitere Tat. Etwa vier Wochen vor dem versuchten Totschlag hatte er in der Bonner Innenstadt in einem Schnellrestaurant randaliert. Die Polizei hatte ihn nach einer Verfolgungsjagd am Boden fixiert. S. habe um sich geschlagen, nach der Waffe eines Beamten gegriffen, einen Polizisten verletzt und wüste Beleidigungen ausgestoßen.

Auch wenn der Richter gleich am ersten Prozesstag eindringlich davor gewarnt hatte, das jetzige Verfahren mit dem Fall Niklas zu vermischen, so war es doch der noch immer nicht geklärte Tod des Schülers, der über dieser Verhandlung schwebte. Die Tat hatte nicht nur Mutter Denise P. und die Familie erschüttert. In ganz Deutschland wurde damals wieder einmal über Jugendgewalt diskutiert.

Walid S. wurde in der öffentlichen Debatte zum Inbegriff eines Tätertyps, der ohne Skrupel zuschlägt und auch ohne Zögern zutritt, wenn sein Opfer längst schutz- und wehrlos auf dem Boden liegt. Und der, obwohl er als Intensivtäter geführt wird und immer wieder mit ähnlichen Delikten strafrechtlich in Erscheinung tritt, von der Justiz womöglich zu lange zu viel Milde erfährt.

In seinem Prolog zur Urteilsbegründung will Janßen dieses Bild zurechtzurücken. S. sei vorverurteilt worden, sagt der Richter. "Dieser Fall hat überhaupt nichts Besonderes. Weder was die Tat betrifft, noch den Täter", sagt er. Janßen kann seine Erregung kaum verbergen. Gemessen an anderen Verfahren sei das nicht mehr als "ein Feld-, Wald- und Wiesen-Prozess". Er habe hier schon mit ganz anderen Leuten mit ganz anderer "deliktischer Vita" zu tun gehabt. Damit sorgt er für Stirnrunzeln bei den Zuschauern.

Dann knöpft sich Janßen den Angeklagten vor. Er sei jemand, bei dem in Sachen Gewalt "die Bremsen gelockert sind", sagt er. Jemand, der auch aus nichtigen Gründen zuschlage, vermutlich auch deshalb, weil S. als Kind selbst Gewalt durch den Vater erfahren habe. Drei einschlägige Verurteilungen hat er vorzuweisen. In allen Fällen habe er unvermittelt zugeschlagen, und immer ins Gesicht, führt der Vorsitzende aus.

Ob die letzte Verurteilung zu 50 Tagessätzen durch das Amtsgericht Siegburg im September 2018 "zu wenig" gewesen sei, wolle er nicht bewerten. Doch schwingt in seinen Worten mit, dass man schon damals womöglich hätte härter durchgreifen können. Immerhin hatte S. zu diesem Zeitpunkt bereits ein ordentliches Sanktionsprogramm hinter sich: Sozialstunden, U-Haft, Anti-Gewalt-Training - nichts davon zeigte Wirkung.

Ein Richter als Zeuge

Dass der Tod von Niklas P. dann doch eine erhebliche Rolle im jetzigen Verfahren spielte, dafür hatte Janßen letztlich selbst gesorgt. Am vergangenen Donnerstag lud er kurzfristig den Richter als Zeugen, der damals das Verfahren im Fall Niklas geführt hatte.

Durch die Ladung des Kollegen wollte der Vorsitzende dem Angeklagten offenbar noch einmal vor Augen führen, dass er allein durch das Niklas-Verfahren habe wissen müssen, was ein Fußtritt gegen den Kopf bewirken kann. Damit, so deutete es Verteidiger Martin Kretschmer, habe Janßen die Weichen für das Urteil stellen wollen.

Gleich nach der Entscheidung kündigte Kretschmer Rechtsmittel an. "Es gibt gute Gründe, dass der Bundesgerichtshof die Revision zulässt", sagt er. Für einen versuchten Totschlag jedenfalls reiche Janßens Begründung nicht. "Da wollte jemand ein Zeichen setzen."

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