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14. November 2013, 11:13 Uhr

Prozess gegen US-Mafioso Whitey Bulger

Die Gepeinigten von Boston

Aus Boston berichtet

Der Bostoner Gangster Whitey Bulger war einer der berüchtigtsten Kriminellen der USA - des elffachen Mordes schuldig gesprochen erwartet er sein Strafmaß. Nun kamen die Hinterbliebenen seiner Opfer zu Wort, voller Hass, Trauer, Rachegefühle.

Dass ihr Vater ermordet worden war, erfuhr Kathleen Connors aus der Zeitung. Am 13. Juni 1975 erschien der "Boston Globe" mit einem großen Foto auf der Titelseite: Eddie Connors, in einer Telefonzelle von Schüssen durchsiebt. Der Telefonhörer baumelte noch über seiner blutigen, fast zweigeteilten Leiche.

"Können Sie sich vorstellen, wie das ist?", fragt Connors, die damals noch ein Kind war und jetzt Nichols heißt. Sie zittert, muss sich aufstützen, als sie im Saal 19 des Bostoner US-Bezirksgerichts die Stimme erhebt. Links kauert der Mann, der ihren Vater erschoss und nun, mehr als 38 Jahre später, endlich seiner Strafe zugeführt wird: Gangsterboss und Massenmörder James "Whitey" Bulger, heute 84, ein tattriger Greis.

Er würdigt sie keines Blickes, nestelt nur mit einem Stift und an seiner orangefarbenen Häftlingsuniform herum. "Ich habe Mr. Bulger wenig zu sagen", beendet Nichols ihren emotionalen Auftritt. "Er ist ein alter Mann, der im Gefängnis sterben wird und sich danach einem höheren Richterspruch beugen muss."

Als letztes Kapitel im Bostoner Sensationsprozess gegen Bulger, einer der brutalsten Kriminellen der US-Geschichte, kamen am Mittwoch die Angehörigen seiner Mordopfer zu Wort. Solche "Victim Impact Statements" sind üblich. Sie sollen dem Gericht die Straffindung erleichtern, indem sie die Schwere der Tat mit Schicksalen illustrieren. Als ob daran Zweifel bestünden.

Zugleich versprechen sie den Hinterbliebenen einen Hauch dessen, was die Amerikaner als "closure" bezeichnen: Schluss, aus, Strich drunter. Dass das eine Illusion ist, zeigt sich auch in Boston - in verzweifelten Szenen, wie sie sich so nur selten abspielen.

Bulger, der langjährige irische "Pate" Bostons, wurde im August des elffachen Mordes für schuldig befunden, als Killer oder Komplize. Acht weitere Morde wollten ihm die Geschworenen allerdings am Ende doch nicht anhängen, selbst nach 15 Monaten zähen Prozesses. Trotzdem erlaubt Richterin Denise Casper auch diesen Angehörigen ein letztes Wort, bevor sie an diesem Donnerstag das Strafmaß verkünden wird - lebenslänglich, zweifellos.

"Es war unglaublich niederschmetternd"

Einer nach dem anderen treten die Angehörigen vor, ergraut, weißhaarig. Stundenlang standen sie draußen Schlange, viele in Anzug und Krawatte, um dem Gericht Respekt zu zollen. Mal lesen sie ihre Worte stockend vom Blatt, mal reden sie frei, aus ihren Worten spricht großer Kummer.

Zerrüttete Familien, zerstörte Kindheiten, ruinierte Existenzen: Die Folgen der Schreckensherrschaft Bulgers wirken bis heute nach. Bulger regierte Bostons Unterwelt, bevor er 1994 abtauchte, um erst 2011 in Kalifornien enttarnt zu werden. "Es war unglaublich niederschmetternd", sagt Patrick Callahan über den Tod seines Vaters John, der 1982 auf Bulgers Anordnung hin ermordet wurde.

Nichols berichtet von Psychotherapie, Suizidversuchen und dem "Stigma des Mordes, das nur die Opferfamilien kennen". Sicher, ihr Vater war kein Heiliger, er war ein Gangster wie Bulger, doch "der Mord beraubte ihn der Gelegenheit, sich noch einmal zu ändern".

Die meisten Opfer Bulgers waren ihrerseits Täter. Al Notarangeli, ein rivalisierender Gangster, wurde 1973 erschossen - eine der Taten, die Bulger erfolgreich abstreiten konnte. Notarangelis Sohn Tommy beschreibt Al als gütigen Mann, der ihm das Angeln beibrachte.

Bulger sagt nur ein einziges Wort

"Mein Vater war kein Pfadfinder, aber er war ein besserer Mann, als du je sein wirst", sagt auch Sean McGonagle mit Wut in der Stimme. Bulger erschoss Paul McGonagle im November 1974. Der elektrische Stuhl "wäre zu einfach" für einen "Satan" wie Bulger, sagt der Sohn - stattdessen möge er in der Zelle "jeden Tag ein bisschen sterben".

Andere greifen offen das FBI an, das Bulger jahrzehntelang als Informant gedeckt und bei vielen Morden tatenlos zugeschaut hatte: "Whitey Bulger hat meinen Mann, Michael Donahue, umgebracht, und ein korrupter FBI-Agent hat es zugelassen", klagt Patricia Donahue.

"Dieser Mann erzeugt so viel Hass in mir", schluchzt Steven Davis, dessen Schwester Debrah nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft 1981 von Bulger erwürgt wurde. "Ich würde ihn am liebsten eigenhändig erdrosseln." Nicht mal da rührt sich Bulger.

Zuletzt gibt die Richterin auch ihm die Chance, sich zu äußern. Ob er noch etwas sagen möchte? Knarrend steht Bulger auf, blickt ins Leere und spricht dann nur ein Wort, das einzige bei dieser Anhörung: "Nein."

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