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Anschlag in Boston Bomben sollen per Eieruhr gezündet worden sein

Wer legte die beiden Bomben beim Boston-Marathon? Forensiker untersuchen jedes noch so kleine Fragment vom Tatort. Wie die "New York Times" berichtet, sollen bei den Sprengsätzen handelsübliche Eieruhren als Zünder verwendet worden sein.

Boston - Die Ermittler des FBI stehen unter immensem Druck. Nach den Bombenanschlägen von Boston ist das nationale Selbstbewusstsein erschüttert. Erneut regiert die Angst, ein Schuldiger muss ausfindig gemacht werden, so bald wie möglich. Präsident Obama sprach von einem Terrorakt. Noch aber ist die Frage, ob ein Einzeltäter, ein sogenannter einsamer Wolf, oder eine Organisation am Werke war, ungeklärt.

Fest steht bisher, dass die Bomben, die drei Menschen töteten und mehr als 170 verletzten, in schwarzen Nylon-Taschen an die Tatorte geschleppt wurden. Gebaut wurden die primitiven Sprengsätze aus Schnellkochtöpfen, die mit Nägeln, Kugellagern und Schwarzpulver gefüllt waren.

Wie die "New York Times" am Mittwoch unter Berufung auf einen Behördensprecher berichtet, sollen die Bomben nicht ferngezündet worden sein, sondern mithilfe üblicherweise in der Küche benutzter Eieruhren. Hunderte Spurensucher sind derzeit damit beschäftigt, Bombenreste und Fragmente am Tatort zu sichern und zu analysieren. Spezialisten der FBI-Academy in Quantico, Virginia, versuchen derzeit, aus den gefundenen Teilen, darunter eine Platine, die Bombe zu rekonstruieren.

"Die Nadel ist da"

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Anschlag in Boston: Primitiver Sprengsatz

Foto: REUTERS/ JTTF Boston

"Man sucht nach einer Nadel im Heuhaufen, aber die Nadel ist da", sagte der Sprengstoffexperte Roy Parker dem "Boston Globe". "Wenn du lange genug suchst, bleibst du dran. Dies ist kein unlösbares Verbrechen."

Die erste der Bomben explodierte auf dem Boden nahe der Ziellinie auf der Boylston Street gegenüber einer Tribüne, auf der noch kurz zuvor Würdenträger wie der Gouverneur Deval Patrick gesessen hatten. Der zweite Sprengsatz wurde etwa 90 Meter entfernt deponiert, vor einem Restaurant.

Anhand der gefundenen Fragmente geht man davon aus, dass beide Bomben aus Sechs-Liter-Schnellkochtöpfen gefertigt wurden. Man versucht nun, das Fabrikat ausfindig zu machen und dadurch vielleicht Information über den Käufer zu erlangen. Laut "New York Times" produziert der spanische Küchengerätehersteller Fagor entsprechende Töpfe mit dem Aufdruck "6L". Etwa 50.000 solcher Töpfe werden demnach jedes Jahr in die USA exportiert.

"Der Schnellkochtopf ist die effektivste Methode"

Experten schätzen, dass die Attentäter von Spezialisten gebrieft wurden, zumindest semiprofessionell zu Werk gingen. Vielleicht nicht in der Lage, eine Autobombe zu konstruieren, aber zu mehr fähig als dem Basteln eines Molotow-Cocktails. Wie eine solche Bombe gebaut wird, war im Internet bereits 2010 auf einer englischsprachigen Qaida-Webseite zu lesen. "Der Schnellkochtopf ist die effektivste Methode", hieß es in dem Aritkel "Bau eine Bombe in der Küche deiner Mutter".

Die Anleitung soll bei den versuchten Bombenanschlägen am Times Square im selben Jahr zur Anwendung gekommen sein. Auch in Afghanistan, Indien und Nepal kam sie zum Einsatz. Die vier algerischen Islamisten, die im Dezember 2000 eine Bombe auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt zünden wollten, hatten sich einen pakistanischen Dampfkochtopf aus Aluminium bestellt, der bei einer Explosion in besonders kleine Teile zersplittert wäre. Das US-Heimatschutzministerium warnte schon 2004 vor der Verwendung von Schnellkochtöpfen beim Bau von Terrorwaffen.

Weil sich bisher keine Organisation zu den Anschlägen in Boston bekannt hat, ist es möglich, dass ein Einzeltäter oder eine sehr kleine Gruppe am Werk war. "Das macht die Verfolgung sehr viel schwieriger", sagte Terrorismus-Experte Bruce Hoffman von der Georgetown University der "New York Times". "Wenn wir Terroristen schnappen, dann in der Regel, weil sie Teil einer Verschwörung sind und miteinander kommunizieren."

Die durch die Explosionen herausgeschleuderten Metallteile verletzten 176 Menschen, von denen noch immer 24 in Lebensgefahr schweben. Die Bomben waren am Montag um 14.50 Uhr Ortszeit in einem Abstand von 12 Sekunden nahe der Ziellinie explodiert.

In Ermangelung anderer Varianten setzen die Ermittler derzeit bei der Aufklärung auf die Mitarbeit der Bevölkerung. "Die Person, die dies getan hat, ist jemandes Freund, Nachbar oder Verwandter", sagte FBI-Special-Agent Richard DesLauriers. "Die Kooperation der Öffentlichkeit wird eine zentrale Rolle spielen." Die wichtigste Frage ist: Wer deponierte die schwarzen Nylon-Taschen auf dem Bürgersteig der Boylston Street in Boston? Tausende privater Videoaufnahmen und Fotos werden derzeit gesichtet.

Mehr als 2000 Hinweise sind bereits bei den Ermittlern eingegangen. Mit Hilfe von Gesichtserkennungsprogrammen wollen Terrorabwehrexperten abgebildete Personen identifizieren. "Wir planen, jede einzelne Aufnahme von jedem Video zu sichten, um festzustellen, wer sich in der Region aufgehalten hat", sagte Polizeisprecher Edward Davis auf einer Presskonferenz. Eine Mammutaufgabe, gehörte das Zentrum von Boston doch gestern zu den meistfotografierten Orten des Landes.

ala/dpa