Prozess gegen Ex-Mafiaboss Bostons brutalster Gangster

Er hat geraubt, erpresst - und soll mindestens 19 Morde begangen haben: In Boston wird Ex-Mafiaboss James Bulger, genannt "Whitey", der Prozess gemacht. Der 83-Jährige war den Behörden erst 2011 ins Netz gegangen. Mit auf der Anklagebank sitzt indirekt das FBI, das ihn jahrelang beschützte.

AP

Von , New York


Der erste Mord war eine Verwechslung. So jedenfalls erzählen sie es einem in Boston: 1971 habe der Gangster Jimmy Bulger seinen Rivalen Paulie McGonagle aus dem Weg räumen wollen. Also habe er ihn erschossen, durchs Autofenster, direkt zwischen die Augen. Erst dann habe er bemerkt, dass das gar nicht Paulie war - sondern Paulies Bruder Donald.

Es ist vielsagend, dass Donald McGonagle nur eine Fußnote ist im Sensationsprozess gegen Bulger, der diese Woche in Boston beginnt. Er steht nicht mal auf der Liste der 19 Morde, die dem späteren Bostoner Mafiapaten zur Last gelegt werden. Paulie dagegen ist dort nun verewigt: Er verschwand 1974, seine verscharrte Leiche fand sich 26 Jahre später.

James Joseph Bulger, genannt "Whitey", gehört zur Geschichte Bostons wie Bohnen und die Pilgerväter. Jahrzehnte nach seiner Schreckensherrschaft als einer der brutalsten Mafiosi der US-Geschichte steht der heute 83-Jährige nun endlich vor Gericht. Eine reichlich späte Aufarbeitung: Bis 2011 lebte Bulger unbehelligt als Pensionär in Südkalifornien.

Der wohl letzte große US-Mafiaprozess beginnt an diesem Dienstag mit der Auswahl der Geschworenen, ab kommenden Montag dann folgen die Eröffnungsplädoyers. Das moderne John Joseph Moakley Courthouse, in dem der Prozess stattfindet, ist dafür zur Festung ausgebaut worden - nicht nur wegen Hunderten Schaulustigen, die zu erwarten sind.

Wie Al Capone in Chicago und John Gotti in New York

Dem "Boston Globe" schaudert jetzt noch vor Bulgers "außerordentlichem Terrorregime". Mord, Drogenhandel, Erpressung, Geldwäsche, Raub, illegaler Waffenbesitz, organisiertes Verbrechen: Die 32 Tatbestände, umrissen in einer 111-seitigen Anklage, reicht den beiden berühmtesten US-Mafiosi leicht das Wasser, Al Capone in Chicago und John Gotti in New York.

Doch ebenso spektakulär waren Bulgers Flucht, seine Jahre als Rentner im kalifornischen Idyll und schließlich seine Festnahme. Das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld betrug zwei Millionen Dollar - auf der "Most Wanted"-Fahndungsliste des FBI nur übertroffen von Qaida-Chef Osama bin Laden. Die Ironie daran: Das FBI selbst hat Bulger jahrzehntelang beschützt.

Von 1975 bis 1990 stand Bulger als Informant im Sold des FBI. Eine Hand wusch die andere: Der frühere Agent John Connolly, der Bulger persönlich engagiert haben will, wurde 2002 und 2005 unter anderem wegen Mordes zu insgesamt 50 Jahren Haft verurteilt. Er hatte Bulger bei vielen Taten geholfen und seine Flucht gedeckt.

Der Prozess dürfte also auch für das FBI zum peinlichen Spektakel werden. 2004 nannte der Kontrollausschuss im US-Repräsentantenhaus die Zusammenarbeit der Behörde mit Bulger "einen der größten Fälle von Versagen in der Geschichte der Bundespolizei".

Filmreifer Werdegang

Bulgers Story füllt Bücher. Er diente als Vorbild für Jack Nicholsons Gangster in Martin Scorceses Thriller "Departed - Unter Feinden". Zwei weitere Filmprojekte sind in Arbeit, darunter eins mit Matt Damon als Bulger.

Bulgers Werdegang ist in der Tat filmreif. Der Sohn eines Hafenarbeiters schloss sich nach der Air Force der berüchtigten Winter Hill Gang in South Boston an und landete so erstmals im Gefängnis, davon eine Zeitlang in Alcatraz. 1974 stieg er mit Stephen "Rifleman" Flemmi, seiner rechten Hand, zum Chef der Bande auf.

Als Frauenheld bekannt und als Killer gefürchtet, prahlte Bulger während der Bandenkriege der siebziger und achtziger Jahre, nur anderen Kriminellen nachzustellen. Doch fielen ihm laut Anklage auch viele Unschuldige zum Opfer.

Etwa Flemmis Geliebte Debra Davis und Deborah Hussey, die Freundin eines anderen Gangsters: Beide soll Bulger erwürgt haben. Roger Wheeler, ein Millionär, der Bulger auf die Schliche gekommen war, starb ebenso im Kugelhagel wie Michael Donahue, ein Bauarbeiter, der zufällig mit im Auto saß, als Bulgers Männer einen anderen Mord begangen.

Die meisten Komplizen sind längst verurteilt oder tot. Nur Bulger fehlt noch, als letztes Puzzlestück.

14,3 Millionen im Lotto gewonnen

Allein die Tatorte wären der "Sopranos" würdig: eine Garage, ein Küchentisch, eine Telefonzelle, ein Golfclub. Viele Leichen fanden sich erst nach Jahren, in einem Fall im Kofferraum eines Cadillac am Airport Miami. Andere sind bis heute nicht aufgetaucht.

Bulger und Flemmi lebten lange in Saus und Braus. So reisten sie, wie Ex-Kumpan Kevin Weeks es später in seinen Memoiren beschrieb, oft an die Riviera: "Manchmal nahmen sie Mädchen mit, manchmal fuhren sie alleine."

Das alles hätte Bulger aber auch ohne Mord und Totschlag erreichen können: 1991 gewann er mit drei Freunden auch noch im Lotto - 14,3 Millionen Dollar. "Er hat Anspruch darauf wie jeder andere", erklärte die Lottogesellschaft.

Das Geld ermöglichte es Bulger dann offenbar auch, unterzutauchen. 1995 war das FBI kurz davor, ihn endlich zu verhaften. Doch Connolly warnte ihn. Bulger floh noch am selben Abend.

16 Jahre blieb er verschwunden. Die meiste Zeit, so würde sich herausstellen, verbrachte er mit seiner Geliebten Catherine Greig in Santa Monica - als "Charlie und Carol Gasko". Greig war übrigens die Schwägerin von Bulgers mutmaßlichem Mordopfer Paulie McGonagle.

Panne bei "Aktenzeichen XY … ungelöst"

Sie lebten in einer Mietwohnung, für 1145 Dollar im Monat. Bulger flog zum Zocken nach Las Vegas und kehrte nach Darstellung der Staatsanwaltschaft sogar einmal "bis an die Zähne bewaffnet" nach Boston zurück, um "eine alte Rechnung zu begleichen". Er wurde in London gesichtet und in San Diego, wo er 2006 ins Kino gegangen sein soll - zu einer Vorstellung von "Departed - Unter Feinden".

2008 lief Bulgers Fall auch bei "Aktenzeichen XY … ungelöst". Der Mann und die Frau, die dort als Bulger und Greig im Bild erschienen, entpuppten sich als harmlose Touristen.

Erst als das FBI vor zwei Jahren einen neuen Anlauf startete, schnappte es Bulger. Nach einem Tipp ließ sich das Pärchen am 22. Juni 2011 ohne Widerstand festnehmen. In ihrer Wohnung fanden sich 822.198 Dollar in der Wand versteckt - und ein Waffenarsenal.

Greig wurde voriges Jahr wegen Beihilfe zu acht Jahren verurteilt. Bulger könnte jedoch für den Rest seines Lebens hinter Gitter landen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung wollen fast 160 Zeugen in den Stand rufen - darunter viele einstige Mitwisser, Flemmi und Bulger selbst. Das alles dürfte bis September dauern.

Zwei weitere Mordverfahren gegen Bulger stehen in Florida und Oklahoma an. Beide US-Bundesstaaten praktizieren die Todesstrafe.

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gandhiforever 04.06.2013
1. Ob Mafia oder NSU oder
Zitat von sysopAPEr geraubt, erpresst - und mindestens 19 Morde begangen: In Boston wird Ex-Mafiaboss James Bulger, genannt "Whitey", jetzt der Prozess gemacht. Der heute 83-Jährige war den Behörden erst 2011 ins Netz gegangen. Mit auf der Anklagebank sitzt indirekt das FBI, das ihn jahrelang beschützte. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/boston-prozess-gegen-james-whitey-bulger-beginnt-a-903634.html
Es ist schon merkwuerdig, wie da unter dem Mantel Staatsschuetzer mit Kriminellen zusammengearbeitet wird. Wer mit Kriminellen zusammenarbeitet, wird selbst kriminell.
Stelzi 04.06.2013
2. Pauschaler Quatsch
Zitat von gandhiforeverEs ist schon merkwuerdig, wie da unter dem Mantel Staatsschuetzer mit Kriminellen zusammengearbeitet wird. Wer mit Kriminellen zusammenarbeitet, wird selbst kriminell.
Das ist natürlich pauschaler Quatsch. Das FBI kann immerhin Erfolge vorweisen, und die Idee mit hochrangigen Spitzeln gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen, ist unbestritten erfolgreich. Du machst hier den Fehler Kriminelle die ausschliesslich Geld und Macht im Sinn haben, mit ideologisch verblendeten Terroristen in einen Topf zu schmeissen. Bei letzteren sollte man sich solche Spielchen fürwahr sehr genau überlegen, wie das über die Jahre immer wieder gezeigte Totalversagen des Verfassungsschutzes beweist. Aber schauen wir wieder über den Teich und was sehen wir? Ähnliches Vorgehen bei islamistischen Terroristen: Man ködert sie mit gefälschten Anschlagsplänen und zieht sie dann rechtzeitig und sicher aus dem Verkehr. Wenn mans richtig macht, funktioniert es und wieder sind ein paar potentielle (auch die Absicht und die zur Tat vorbereitenden Handlungen sind schliesslich strafbar) Terroristen hinter Schloss und Riegel. Da kann der deutsche Volzugsapparat noch viel von den US Kollegen lernen.
w b a 04.06.2013
3. Agent Provocateur.....?
.....Gott sei dank in Deutschland immer noch eine Straftat
hdudeck 04.06.2013
4. Schwachsinn,
Zitat von StelziDas ist natürlich pauschaler Quatsch. Das FBI kann immerhin Erfolge vorweisen, und die Idee mit hochrangigen Spitzeln gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen, ist unbestritten erfolgreich. Du machst hier den Fehler Kriminelle die ausschliesslich Geld und Macht im Sinn haben, mit ideologisch verblendeten Terroristen in einen Topf zu schmeissen. Bei letzteren sollte man sich solche Spielchen fürwahr sehr genau überlegen, wie das über die Jahre immer wieder gezeigte Totalversagen des Verfassungsschutzes beweist. Aber schauen wir wieder über den Teich und was sehen wir? Ähnliches Vorgehen bei islamistischen Terroristen: Man ködert sie mit gefälschten Anschlagsplänen und zieht sie dann rechtzeitig und sicher aus dem Verkehr. Wenn mans richtig macht, funktioniert es und wieder sind ein paar potentielle (auch die Absicht und die zur Tat vorbereitenden Handlungen sind schliesslich strafbar) Terroristen hinter Schloss und Riegel. Da kann der deutsche Volzugsapparat noch viel von den US Kollegen lernen.
wer andere zu Straftaten verleitet oder sogar anstiftet macht sich selber strafbar. Vielleicht nicht vor dem Gesetz (wie in den USA), aber zumindest moralisch. Spitzel und Provokatuere haben immer eine Bringschuld um ihre Existens (und den Verdienst daraus) zu rechtfertigen. Da werden dann mal schnell geplante Taten konstruiert und entsprechen den Bespitzelten untergeschoben. Wenn eine Gesellschaft (Staat) das noetig hat, ist sie nichts Wert. Der Staat soll Taten verhindern, nicht provozieren oder produzieren. Bei lauter Eifer wird dann mal schnell ein "richtiger" Taeter uebersehen, weil alle so beschaeftigt sind, eine "moegliche" Straftat zu preparieren anstatt nach einer tatsaechlich geplanten ausschau zu halten. Was Sie wollen, ist etwas wie die Stasi bzw Gestapo, wo jeder verdaechtigt und bespitztet wurde und beim kleinsten Anzeichen von "nicht Linientreue" entsprechen "bearbeitet" wurde.
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