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Bombenanschlag in Boston USA streiten über Terrorschutz

Die Situation in den USA bleibt nach dem Anschlag in Boston angespannt. Die Suche nach den Bombenlegern läuft auf Hochtouren, ein Politiker erhält einen Giftbrief, Flüge werden nach vermeintlichem Terroralarm umgeleitet. Erneut müssen Politiker den Bürgern klarmachen: Absolute Sicherheit gibt es nicht.

Nach einem Anschlag demonstriert Amerika gern, dass die Sicherheitskräfte wachsam sind. Auch diesmal wieder: In Boston patrouilliert die Nationalgarde, New Yorks Times Square wimmelt vor Streifenwagen, in Los Angeles spielen die Dodgers unter Polizeischutz, in Washington wächst die Schutzzone um das Weiße Haus.

Der Sicherheitsapparat stellt seine Stärke zur Schau. Als wolle er die Tragödie von Boston im Nachhinein wiedergutmachen. Als wolle er uns versichern: keine Sorge, alles im Griff, ab jetzt jedenfalls.

"Wir werden diejenigen aufspüren, die unseren Bürgern Schaden zugefügt haben", schwört US-Präsident Barack Obama, der zum zweiten Mal vor die Presse tritt, um die Formulierung "Terroranschlag" nachzureichen. Die hat er anfangs vermieden, was bei einigen zu Stirnrunzeln führte, die Leute brauchen schließlich ein Reizwort.

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Boston-Marathon: Die Stille nach dem Anschlag

Foto: Laura Greene/ AP/dpa

Doch auch anderthalb Tage nach dem Anschlag bleiben Täter wie Motiv ein Rätsel, nicht nur in den Medien schießen Spekulationen ins Kraut: einheimischer Terror? US-Milizen? Ein al-Qaida-Komplott?

Linienflug muss umkehren: Zwei Passagiere sprechen Arabisch

Die Nerven liegen blank. Der West Wing des Weißen Hauses wird am Dienstag kurzzeitig evakuiert. Ein Linienflug von Boston nach Philadelphia, schon auf der Startbahn, muss umkehren, da ein Koffer fehlt. Ein weiterer, da sich zwei Passagiere auf Arabisch unterhalten.

Am Dienstagabend dann noch eine Nachricht aus Washington: In einer Poststelle des Kongresses ging ein verdächtiger Brief an den republikanischen Senator Roger Wicker ein. Mutmaßlicher Inhalt: Rizin "oder ein anderes Gift".

Auch wenn ein Zusammenhang mit Boston eher fraglich scheint: Die Eilmeldungen jagen sich, verquirlen sich, Fakten, Fehlalarme, eine Weile geht da vieles durcheinander. So dauert es auch, bis sich klärt, dass der saudische Student, der in einem Krankenhaus befragt wird, kein Verdächtiger ist, sondern ein Opfer.

Die Situation löst ein beklemmendes Déjà-vu aus, erinnert an die Zeit nach den Terroranschlägen von 2001. An jene erste Schockstarre, gefolgt von trotzig-patriotischem "Jetzt erst recht" angesichts immer neuer Hiobsbotschaften, vermeintlicher wie realer. Die Anthrax-Anschläge jener Wochen etwa sind bis heute nicht schlüssig aufgeklärt, mit 9/11 hatten sie aber wohl nichts zu tun.

Giuliani: "Diese Leute werden immer durchkommen"

Auch jetzt bleiben also vorerst nur Gerüchte, Fragen und die ernüchternde Einsicht: Wahre Sicherheit gegen den Terror gibt es nicht. Boston habe sich am Montag von der Vorstellung verabschiedet, "dass wir uns in dieser Stadt jemals wieder völlig sicher fühlen werden" schreibt Kevin Cullen, Kolumnist des "Boston Globe". Der nächste Marathon soll noch größer werden - und trotzdem nicht hermetisch abgeriegelt werden.

"Egal, wie gut wir sind", sagt selbst Rudy Giuliani, New Yorks martialischer "9/11-Bürgermeister", am Dienstagabend auf CNN, "diese Leute werden immer durchkommen."

Trotz der Einschränkung der US-Bürgerrechte. Trotz Guantanamo Bay und Folterkellern. Trotz Ganzkörper-Scannern, Klarsicht-Handgepäck und Leibesvisitationen an den Flughäfen. Trotz der kontinuierlichen Aufrüstung der Behörden hier, von kommunalen Anti-Terror-Einheiten bis zum weltgrößten Heimatschutzministerium.

Und trotz Dutzender verhinderter Attentate, vom "Schuhbomber" Richard Reid (2001) über den "Unterhosenbomber" Umar Farouk Abdulmutallab (2009) bis zum versuchten Anschlag auf den Times Square im Mai 2010. "Nach einem Jahrzehnt der vereitelten Anschläge", heißt es lakonisch und resigniert in der "Washington Post", "gelingt einer."

Trauer, Mahnwachen, Gebete: Rituale trösten über Machtlosigkeit hinweg

Prompt kommen neue Rufe nach noch mehr Sicherheit, aus den üblichen Ecken. Boston unterstreiche den "anhaltenden Bedarf an erhöhten Verteidigungsmaßnahmen gegen Terrorbedrohungen", kommentiert das konservative "Wall Street Journal". Die Amerikaner seien der Verlockung erlegen, "zu vergessen, wie verwundbar die USA sind, und zu glauben, das Schlimmste sei vorbei".

Noch bleiben sie jedoch meist aus, die Hauruck-Überreaktionen wie nach 9/11. Vielleicht haben sie hier gelernt aus den bitteren Debatten seither. Auch die Verschwörungstheoretiker, die nun schon wieder trommeln, finden kaum Widerhall.

Lieber ergeben sich die Amerikaner ihren Ritualen, die sie über die eigene Machtlosigkeit hinwegtrösten. Die kollektiven Gebete, die Mahnwachen, die "Geschichten von Hoffnung und Liebe" (CNN-Talker Piers Morgan) in all dem Chaos. Vor allem aber die Seligsprechung der Opfer und die Heldenverehrung der Retter - verdient, herzzerreißend, rund um die Uhr.

Manchmal greifen die Rituale bizarr ineinander: Schon der Bostoner Marathon selbst begann mit einer Schweigeminute - für die Opfer des Schulmassakers von Newtown in Connecticut.