Prozess zu Angriffen in Bottrop und Essen Menschenjagd mit dem Auto

In der Silvesternacht fuhr Andreas N. mit seinem Auto durchs Ruhrgebiet, um Migranten zu jagen - oder Menschen, die er dafür hielt. Nun soll der 50-Jährige vor Gericht kommen. Ermittler halten ihn für schuldunfähig.

Tatort in Bottrop
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Tatort in Bottrop

Von Christian Parth


Andreas N. glaubte, einen Auftrag zu haben: das Land von den "Kanacken" zu befreien und einen islamistisch motivierten Anschlag wie am Berliner Weihnachtsmarkt zu verhindern.

Er wünschte sich eine bessere Welt, ohne "Schwarzfüße" und Asylanten, die Hartz IV beziehen und doch mit dicken Autos protzen. In der Silvesternacht 2018 wollte er den Leuten, die er für Ausländer hielt, einen Denkzettel erteilen. Mit seiner "Karre" in die "Kanackenmenge" fahren. Losziehen, um zu "reinigen", so wie er es als Fensterputzer gelernt hatte.

Am späten Abend setzte er sich hinters Steuer seines silbernen Mercedes E-Klasse-Kombis und raste zuerst in Bottrop, dann in Essen in mehrere Menschenansammlungen. Es waren Leute, die gemeinsam den Jahreswechsel feiern wollten. Als er hinter sich ein Polizeiauto bemerkte, das seine Amokfahrt schließlich beenden sollte, habe er seine Mission als erledigt betrachtet. Ein schlechtes Gewissen habe er nicht gehabt. Im Gegenteil: Andreas N. fühlte sich besser.

Staatsanwaltschaft geht von Schuldunfähigkeit aus

So haben Ermittler die Abläufe rekonstruiert. Und so steht es in der Antragsschrift, die die Staatsanwaltschaft Essen nun im Fall N. formuliert und die dem SPIEGEL vorliegt. Wegen seiner Fahrt in der Silvesternacht 2018 wird dem 50 Jahre alten arbeitslosen Fensterputzer aus Essen versuchter Mord in zwölf Fällen, gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen. Bei den zwölf Fällen handelt es sich um Tatkomplexe - jeweils eine Fahrt in eine Menschengruppe. Insgesamt soll er versucht haben, 69 Menschen auf heimtückische Weise zu töten.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt schuldunfähig war. Ein Gutachter hat ihm eine paranoide Schizophrenie bescheinigt. Dass N. jemals im Gefängnis landet, gilt als unwahrscheinlich. Die Ankläger haben deshalb ein sogenanntes Sicherungsverfahren und die Unterbringung in einer Psychiatrie beantragt.

Derzeit ist Andreas N. in einer Klinik des Landschaftsverbands Rheinland untergebracht. Seit vielen Jahren schon ist der Angeklagte in Therapie. Das erste Mal wurde er 2003 wegen seiner Schizophrenie stationär behandelt, es folgten weitere Klinikaufenthalte. Noch am 29. November 2018, einen Monat vor der Tat, hatte er eine psychiatrische Ambulanz aufgesucht. Vorbestraft ist er nicht.

Am Tattag befand sich N. Zeugenaussagen zufolge in einem miserablen psychischen Zustand. Schon am frühen Morgen habe er eine Panikattacke erlitten. Am Nachmittag sei er schimpfend und aggressiv durch die Wohnung gelaufen, er habe "Wichser" und "Gollum" geschrien, schildert seine damalige Mitbewohnerin. Seine Medikamente hatte er vermutlich abgesetzt.

Am Abend, so soll es der Angeklagte geschildert haben, sei er schließlich in sein Auto gestiegen, herumgefahren und habe sich "dunkle Verließe" angeschaut. Dann habe es Klick gemacht, erzählte N. in einer Vernehmung. Er habe eine Eingebung verspürt. Demnach hätten Ausländer einen Anschlag geplant, am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Bottrop. Die Tat sei vor dem Hintergrund einer offensichtlichen Wahnwahrnehmung erfolgt, konstatiert der psychiatrische Gutachter.

Mit Tempo 100 sei er von Essen nach Bottrop gerast. Dort begann er seine Amokfahrt. Aus Andreas N.s Sicht: Er habe eine größere Gruppe gesehen, "nichts Deutsches". Von hinten habe er sich "rangepirscht", die Lichthupe betätigt, aufs Gas gedrückt, dann sei er "darüber gerollt wie eine Dampfwalze". Ein Mann sei übers Auto geflogen.

Opfer und Zeugen schildern in ihren Aussagen dramatische Szenen. Sie erzählen, wie N. mit hoher Geschwindigkeit auf sie zuraste, mal zurücksetzte, mal den Wagen wendete, um möglichst viele Menschen zu erwischen, Männer, Frauen, Kinder. In Panik seien manche Betroffene in Hauseingänge geflüchtet, andere hätten hinter Masten Schutz gesucht, manche sich mit einem Sprung zur Seite gerettet.

Andreas N. erfreute sich offenbar am Blutbad

Am Berliner Platz in Bottrop etwa fuhr Andreas N. ebenfalls in eine Gruppe mit Kindern. Ein Mann landete auf der Motorhaube, dann habe S. beschleunigt und kurz darauf scharf gebremst, um ihn wegzuschleudern. Eine Frau sei unter die Räder gekommen. Sie habe schwere Verletzungen an Bauch und Beinen erlitten. Die Schlagader in ihrem Knie wurde demnach durchtrennt, die Wadenmuskulatur abgerissen. Helfer hätten versucht, die Blutung zu stoppen. Laut einem medizinischen Sachverständigen befand sich die Frau in Lebensgefahr, ohne die Soforthilfe wäre sie womöglich gestorben.

Andreas N. dagegen erfreute sich offenbar an dem Blutbad, das er anrichtete. Er habe "gelächelt" und "glücklich ausgesehen", sagten mehrere Zeugen. Was er geleistet habe, sei "sehr wohl im Interesse aller Deutschen", sagte er zu Ermittlern. Der Kühlergrill des Mercedes war komplett zerstört, der Kotflügel voller Dellen, eine Scheibe eingeschlagen. Dass niemand getötet wurde, wirkt rückblickend wie ein Wunder.

Fünf Wochen musste die schwer verletzte Frau im Krankenhaus behandelt werden. Dreimal wurde sie am Bein operiert, durch eine Nervenschädigung bleibt ihr Fuß teilweise gelähmt. Sie ist in psychologischer Behandlung, wie auch ihr Mann und ihre Tochter und viele andere von N.s Opfern.

Auch wenn Andreas N. unter anderem sagte, aus Fremdenhass gehandelt zu haben, bezweifelt sein Umfeld, dass er ein überzeugter Rechtsradikaler ist. Bekannte und sein Betreuer sagten aus, N. habe sich weder ausländerfeindlich geäußert noch über politische Ansichten gesprochen. N. selbst gab auch an, er habe ab und an über Clans geschimpft, über die kriminellen Ausländer, nicht aber über Asylsuchende.

Ganz frei von rechtsextremer Gesinnung scheint N. allerdings nicht gewesen zu sein. Auf seinem Handy fanden die Ermittler mehr als zwei Dutzend Bild- und Videodateien mit einschlägigen Inhalten, einige davon schon aus dem Jahr 2016. In einem Filmchen wünscht ein animierter Adolf Hitler seinen "braunen Kameraden" frohe Weihnachten. Hinweise auf eine Planung der Tat konnten die Ermittler nicht finden.

Das Essener Landgericht hat zwei Wochen Zeit, die Antragsschrift zu prüfen. Innerhalb von sechs Monaten könnte das Sicherungsverfahren beginnen.



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