Brandstiftung "Und dann gibt es die, die das Feuer lieben, seinen Geruch, die Hitze"

Warum legen Menschen absichtlich Feuer? Die Psychologin Rebecca Bondü spricht über verschiedene Tätertypen und über Feuerwehrleute, die selbst zündeln.

Waldbrand in Portugal (Archiv): Auch die Freude am Löschen kann ein Motiv sein
DPA/Sergio Azenha

Waldbrand in Portugal (Archiv): Auch die Freude am Löschen kann ein Motiv sein

Ein Interview von


Zur Person
  • Psychologische Hochschule Berlin
    Rebecca Bondü, Jahrgang 1980, arbeitet als Professorin an der Psychologischen Hochschule Berlin. Ihre Diplomarbeit schrieb sie 2006 zur Psychologie von Brandstiftern. Heute forscht Bondü hauptsächlich zu extremistischen Straftätern.

SPIEGEL ONLINE: Frau Bondü, wie häufig kommt es vor, dass Menschen absichtlich Brände legen?

Rebecca Bondü: Wahrscheinlich häufiger, als die meisten denken. Im vergangenen Jahr wurden circa 20.000 Fälle von Brandstiftung registriert. Das sind dann aber oft auch Jugendliche, die zusammen auf der Straße rumhängen. Die zünden eben mal eine Mülltonne an, weil sie nichts Besseres zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt die Täter an?

Bondü: Es gibt sehr unterschiedliche Motive. Im Fall der Jugendlichen wäre das Motiv Vandalismus. Dann gibt es die Brandstifter, die sich an jemandem rächen wollen. Sie zünden etwa Nachbars Auto an oder seinen Kellerverschlag, etwas, was hier in Berlin recht häufig vorkommt. Eine dritte Gruppe sind Täter, die unter einer Psychose leiden. Und dann gibt es die, die das Feuer lieben, seinen Geruch, die Hitze.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Menschen, die aus Spaß einen Großbrand entfachen?

Bondü: Immer wieder kommt es vor, dass Feuerwehrleute solche Brände selbst legen. Sie sind dann selbst besonders schnell vor Ort, erhalten Anerkennung von ihren Kollegen, und fühlen sich selbst mächtig.

SPIEGEL ONLINE: Feuerwehrleute, die einen Brand legen - das ist doch ein Widerspruch.

Bondü: Gerade bei Feuerwehrleuten spielt das Geltungsbedürfnis eine große Rolle. Diese Täter wollen sich hervortun, Bewunderung erhalten. Das Löschen eines Brandes ist auch ein Gemeinschaftserlebnis, das den Zusammenhalt der Gruppe stärkt. Auch die Freude am Löschen kann deshalb ein Motiv sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch mit dem Titel "Die Klassifikation von Brandstraftätern" veröffentlicht. Haben Sie dafür selbst mit Tätern gesprochen?

Bondü: Nein, persönlichen Kontakt zu Brandstiftern hatte ich während meiner Untersuchungen nicht. Das Branddezernat vom LKA in Berlin gab mir Einblick in seine Ermittlungsakten. So konnte ich eine große Anzahl von Fällen bearbeiten und wiederkehrende Motive ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es den typischen Brandstifter?

Bondü: Wenn man sehr stark reduziert, sind es häufiger Männer als Frauen, meist Alleinstehende, eher Menschen mit geringerer Bildung und psychischen Problemen. Von diesem Stereotyp kann es aber natürlich vielfältige Ausnahmen geben. In meiner Studie habe ich viele Fälle von Brandstiftung untersucht. Darunter waren zum Beispiel auch Frauen, die eher selten Brände legen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Bondü: Ich erinnere mich gut an den Fall einer Frau, die psychotisch war. Sie dachte, jemand hätte Löcher in ihre Wohnungswand gebohrt und sie könne nun so beobachtet werden. Im Glauben, dann nicht mehr gesehen werden zu können, entzündete sie ein Feuer.

SPIEGEL ONLINE: Sind psychotische Täter gefährlicher als psychisch gesunde?

Bondü: Die Motive eines psychisch kranken Täters ergeben sich aus seiner Psychose, sie haben also mit dem wahren Leben nichts zu tun und sind so schwerer einzuschätzen. Diese Menschen planen weniger, aber gleichzeitig bemühen sie sich auch weniger, ihre Taten zu verdecken.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Unterschied zwischen Brandstiftern, die Häuser anstecken und damit Menschenleben gefährden und solchen, die einen Wald brennen sehen wollen?

Bondü: Es gibt einen Unterschied zwischen einem Jugendlichen, der an einer Mülltonne zündelt und einem Erwachsenen, der ein Haus in Brand steckt. Zwischen Häusern und Wald zu unterscheiden, finde ich aber schwierig. Auch Waldbrände gefährden Menschenleben. Ein Täter kann ja gar nicht abschätzen, wie sich das Feuer ausbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich durch Ihre Studien Ihr Blick auf Brandstraftäter verändert?

Bondü: Nachvollziehen kann ich nach wie vor nicht, warum Menschen absichtlich Brände legen. Am ehesten verstehe ich noch die gelangweilten Jugendlichen, die einfach nichts Besseres zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in den Nachrichten von einer Brandstiftung hören?

Bondü: Meine Mutter sagt immer, dass ich als Kind vor der Geschichte mit dem Feuer im Struwwelpeter am meisten Angst gehabt hätte. Heute habe ich keine Angst mehr vor den Flammen, aber immer noch Respekt. Wenn ich in den Nachrichten von Bränden höre, dann frage ich mich natürlich schon, warum die Täter das jetzt wohl gemacht haben. Gerade auch bei Waldbränden, die durch Brandstiftung verursacht werden, insbesondere bei der großen Trockenheit, bin ich - wie sicher ja auch andere - schockiert und frage mich, warum man die möglichen riesigen Schäden an Natur und Mensch in Kauf nimmt.



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