Brasilien Viele Tote bei Blutbad in Gefängnis

In einer brasilianischen Haftanstalt sind bei einer bewaffneten Auseinandersetzung mindestens dreißig Gefangene getötet worden. Es ist das jüngste Massaker in einem neu entfachten Krieg unter kriminellen Banden.


Als die Polizei das Alcaçuz-Gefängnis im Bundesstaat Rio Grande do Norte stürmte, waren bereits zehn Menschen tot. Mit Mühe brachten die Einsatzkräfte nach 14-stündigen Auseinandersetzungen die Haftanstalt wieder unter die Kontrolle der Behörden. Mittlerweile ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. Ein Polizeiermittler sprach von mehr als dreißig Todesopfern.

Zu den blutigen Auseinandersetzungen war es offenbar gekommen, nachdem Gangmitglieder am Samstag in den Bereich einer anderen Bande eingedrungen waren. Nach Medienberichten wurden bei den Kämpfen zwischen der Gang Primeiro Comando da Capital und dem Sindicato do Norte mindestens drei Menschen enthauptet. "Wir konnten ihre Köpfe sehen", sagte Zemilton Silva von der Gefängnisverwaltung des Bundesstaats.

Die Kämpfe zwischen den Gefangenen wurden offenbar von Gangmitgliedern außerhalb der Haftanstalt unterstützt. Kurz zuvor hätten sich Männer in einem Auto dem Gefängnis genähert und Waffen über die Mauer geworfen, sagte die Präsidentin der Gewerkschaft der Justizvollzugsbeamten, Vilma Batista, der Zeitung "O Globo".

Seit Jahresbeginn kamen landesweit 116 Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Gangs in Gefängnissen zu Tode. Hintergrund der blutigen Kämpfe sind neu entflammte Kriege zwischen Brasiliens mächtigsten Drogenkartellen.

Im Juli war eine prekäre, aber immerhin viele Jahre andauernde Waffenruhe zwischen den beiden größten Kokainbanden beendet worden. Jetzt stehen sich das "Erste Kommando der Hauptstadt" aus São Paulo und das "Rote Kommando" aus Rio de Janeiro wieder feindlich gegenüber.

In Manaus waren Anfang des Jahres bei 17-stündigen Kämpfen in einem Gefängnis 56 Menschen getötet worden. Viele der Opfer wurden enthauptet und verstümmelt. Seither gab es noch mehrere ähnliche Vorfälle.

Die Brutalität der kriminellen Banden ist erschreckend. Im nördlichen Bundesstaat Roraima wurden am 6. Januar 33 Gefängnisinsassen getötet. Vielen von ihnen wurden Herzen und andere Organe entnommen.

Die Kämpfe werden befeuert von den desolaten Bedingungen in den notorisch überbelegten brasilianischen Strafanstalten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) beklagt regelmäßig diese "inhumanen Zustände". Laut offiziellen Angaben liegt die Belegungsquote der Haftanstalten derzeit bei 167 Prozent.

Das Alcaçuz-Gefängnis ist für 620 Insassen konzipiert, beherbergt aber 1083. Hier kam es das letzte Mal im November 2015 zu einer Revolte, nachdem ein Tunnel auf dem Gelände entdeckt worden war.

Die Gefängnisse in Lateinamerika sind berüchtigt. Es gibt Folter und Morde, auch durch Sicherheitskräfte. Es gibt tödliche Brände, blutige Revolten, spektakuläre Ausbrüche. Der italienische Fotograf Valerio Bispuri hat in den vergangenen zehn Jahren 70 Gefängnisse besucht. Hier sind seine Fotos.

Fotos aus dem Knast: Enge, Misstrauen, Gefahr

Häftling in einem Gefängnis in der Nähe von Caracas, Venezuela: Der Knast gilt als einer der brutalsten und gefährlichsten im Land, nirgendwo kursieren mehr Waffen als hier. Dementsprechend groß ist die Skepsis der Inhaftierten gegenüber Unbekannten - in diesem Fall dem römischen Fotografen Valerio Bispuri, der den finster dreinblickenden Mann abgelichtet hat.

"Es ist eine fremde und sehr komplexe Welt, in der Gewalt und Missbrauch Teil des Lebens sind", sagt Bispuri über die insgesamt 74 Strafanstalten, die er in zehn Jahren besuchte. Hier ist der Gefängnishof der Stafvollzugsanstalt 1 in Chiles Hauptstadt Santiago zu sehen. Es ist der älteste und größte Knast im Land, er wurde 1843 gebaut.

Im Zellentrakt dokumentierte Bispuri, wie ein Wachmann einem Gefangenen mit einem Baseballschläger droht. In den Gefängnissen Lateinamerikas sterben täglich Menschen. Manche aufgrund jahrelanger Fehl- oder Unterernährung sowie unbehandelter Krankheiten. Andere verlieren ihr Leben, weil jemand sie nicht mochte oder sie irgendjemandem im Weg standen. Weil sie Pech hatten und bei einer Auseinandersetzung zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Oder weil sie Teil der mafiösen Systeme sind und "im Krieg fallen".

Hoffnungslose Blicke im Gefängnis Nummer 1 von Santiago: Ohnmacht und Tatenlosigkeit zeigen sich nicht nur im Knast selbst, sondern auch an höchster Stelle: Chiles konservativer Ex-Staatspräsident Sebastián Piñera bezeichnete die Verhältnisse im Gefängnis San Miguel von Santiago einst als "unmenschlich". Dort waren bei einem Brand 81 Häftlinge ums Leben gekommen.

Im August 2014 kündigte die chilenische Regierung an, vier neue Gefängnisse mit Kapazitäten für 6300 Insassen bauen und dafür 430 Millionen Dollar bereitstellen zu wollen. Die alten Strafanstalten sind aber weiter überbelegt. "Die Häftlinge versuchen mit aller Kraft, sich Raum, einen Rückzugsort zu schaffen. Sie wollen ihre Würde bewahren. Doch das fällt angesichts der herrschenden Enge schwer", sagt Bispuri.

In Santiago gibt es ein einziges Bad für etwa 70 Häftlinge - Intimsphäre ist etwas, das sich nur freie Bürger erlauben können. "Gewalt und Machtmissbrauch innerhalb des Knasts sind eine direkte Folge der fatalen Überbelegung", sagt der Fotograf.

Sanitäre Anlagen im Gefängnis von Santiago: In Chile sind den Behörden zufolge derzeit rund 43.000 Menschen in Haft. Die Belegrate in den 103 Gefängnissen liegt offiziell bei nur knapp 111 Prozent. Das ist noch wenig im Vergleich zu Ländern wie Venezuela, wo sie fast 270 Prozent beträgt.

Erfindungsgeist ist gefragt, wenn man die endlosen Tage und Nächte im Knast ohne psychische Dauerschäden überstehen will. Im kolumbianischen Cómbita trainiert ein Insasse mit selbst gefertigten Gewichten. Immer wieder kommt es in Kolumbien zu spektakulären Gefängnisausbrüchen wie im Frühjahr 2015, als ein vierfacher Kindermörder aus der Haftanstalt Las Heliconias floh. Möglich werden solche Ausbrüche durch korrupte Staatsbedienstete, die für Geld mit Verbrechern kooperieren.

Eine junge Mutter kuschelt sich im Frauengefängnis von Guayaquil in Ecuador an ihren Sohn. In einigen Strafanstalten Lateinamerikas können verurteilte Frauen ihre Kinder mit in die Haft nehmen, wenn die Kleinen jünger als vier Jahre sind. Die Behörden rühmen sich, mit dem Gefängnis von Guayaquil eines der modernsten des Landes zu haben. Anti-Drogen-Kampagnen, Theateraufführungen, Musik und Rehabilitation durch Ausbildung sollen laut Justizministerin Ledy Zuñiga eine neue Ära einläuten.

Skeptisch schaut eine Insassin des Frauengefängnisses von Guayaquil in die Kamera: Der Alltag im Knast ist geprägt von Auseinandersetzungen, aber auch von Langeweile und Untätigkeit. In Ecuador sind 7,7 Prozent der Insassen Frauen. Ende 2013 gab die Regierung die Parole aus, die Überbelegung der Strafanstalten werde 2014 beseitigt werden. Kurz zuvor waren 55 Insassen eines Hauptstadtgefängnisses ausgebrochen. Die Zahl der Inhaftierten steigt weiter, fast die Hälfte von ihnen sind Untersuchungsgefangene.

Im Frauengefängnis von Guayaquil: Zwei Frauen ruhen sich in ihrer Zelle aus. Über ihren Betten hängen Plastiktüten mit dem Wenigen, was ihnen an persönlichem Besitz geblieben ist.

Ein Mann verlässt nach mehr als 20 Jahren das Gefängnis von Cordova in Argentinien. Er zeigt die Narben, die er davongetragen hat.

Weit über 10.000 Menschen sind in Perus größtem Gefängnis San Pedro zusammengepfercht. Der Knast ist eigentlich für 2500 Insassen konzipiert, beherbergt aber viermal so viele Menschen. Er liegt im Distrikt San Juan de Lurigancho nahe der Hauptstadt Lima. San Pedro gilt als eine der gefährlichsten Haftanstalten in ganz Lateinamerika.

Unterversorgung und Korruption in den staatlichen Gefängnissen sind so virulent, dass 2012 sogar der Notstand in den Haftanstalten des Landes ausgerufen wurde. Peruanische Gefangene berichteten Amnesty International davon, dass sie für Bettwäsche und einen Schlafplatz zahlen mussten, ebenso für Wäsche, Essen und Zugang zu Telefonen. In manchen Knästen mangelt es an sauberem Trinkwasser, die medizinische Versorgung ist desolat. Die Dauer der Untersuchungshaft ist in Peru überdurchschnittlich lang – viele Angeklagte warten Jahre auf ihren Prozess. Im August 2010 machte die Haftanstalt San Pedro mit einem gruseligen Verbrechen aus Leidenschaft Schlagzeilen: Der Drogenhändler erdrosselte seine Freundin, während sie ihn besuchte. Die 22-Jährige wollte sich offenbar von ihm trennen. Der Täter bewahrte die Leiche der Frau in seiner Zelle auf und versuchte, sie dort notdürftig zu begraben. Erst der Verwesungsgeruch rief die Wärter auf den Plan.

Das älteste Gefängnis von Ecuador befindet sich im historischen Zentrum der Hauptstadt Quito: Ausländische Gefangene sind in lateinamerikanischen Knästen keine Seltenheit, die meisten von ihnen sitzen wegen Kokainhandels ein. So hoch wie der Profit sind auch die Haftstrafen bei Entdeckung.

Im kolumbianischen Medellín telefonieren weibliche Gefangene vom Festanschluss des Frauengefängnisses mit ihren Familien. Der Gebrauch von Mobiltelefonen ist verboten.

Auch in Uruguay sind viele der insgesamt gerade mal 28 Gefängnisse überfüllt: Hier ist eine Zelle mit gut gelaunten Gefangenen in einem Knast in Montevideo zu sehen. In der Strafanstalt Punta de Rieles wird derzeit mit alternativen Strukturen im Strafvollzug experimentiert. 200 Beamte arbeiten hier, von denen viele ausgebildete Psychologen, Sozialarbeiter oder Menschenrechtler sind. Die Mehrzahl der Beamten sind unbewaffnete Frauen. Der Gefängnisdirektor Rolando Arbesún sagt: "Wir stellen uns diese Einrichtung wie ein Dorf vor, mit denselben Alltagsdynamiken, die man auch draußen findet." Dazu gehören eine Bücherei, ein Computerzentrum, eine Bäckerei, ein Süßigkeitengeschäft - und sogar ein Yoga-Workshop.

ala/AFP/AP/Reuters



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