- • Terrorgefahr: Polizei sagt Braunschweiger Karnevalszug ab
- • Terroralarm in Braunschweig: Tippgeber warnte Fahnder vor konkreter Gefahr
Karnevalisten und Polizisten in Braunschweig: "Eine konkrete Gefährdung durch einen Anschlag"
Foto: AP/dpaHamburg/Braunschweig - Als die Nachricht kam, trauten viele Narren ihren Ohren nicht: Polizisten fuhren am Sonntagmorgen durch die Straßen der Braunschweiger Altstadt und teilten mit, dass der Karnevalsumzug nicht stattfinden werde. Nicht nur die norddeutschen Narren fragen sich nun: Wie konkret war die Drohung? Wie groß die Gefahr eines Anschlags?
Klar ist: Die Braunschweiger Polizei erhielt am Samstagabend einen Hinweis. Der kam vom Innenministerium in Hannover. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte sich zuvor ein V-Mann des niedersächsischen Verfassungsschutzes gemeldet, der seit Jahren als Informant arbeitet und besonders zuverlässig sein soll. Er stammt aus der Salafistenszene Wolfsburg-Braunschweig.
In Sicherheitskreisen heißt es, der Mann habe mitgeteilt, dass beim Karnevalsumzug auf dem Altstadtmarkt von 13 Uhr an mit einem Anschlag zu rechnen sei. Der Umzug hätte eigentlich um 12.20 Uhr beginnen sollen. Namen möglicher Täter oder eine Vorgehensweise nannte der Informant demnach nicht.
Unmögliche Kontrolle
Der Polizei in Braunschweig war das Bedrohung genug. Am Sonntagmorgen gegen 10 Uhr traf Polizeipräsident Michael Pientka seine Entscheidung, später erklärte er, aus "zuverlässigen Staatsschutzquellen" sei bekanntgeworden, dass "eine konkrete Gefährdung durch einen Anschlag mit islamistischem Hintergrund" vorliege. Der "Schoduvel", wie der Karnevalsumzug in Braunschweig genannt wird, wurde abgesagt.
Es habe keine Alternative gegeben, heißt es in örtlichen Polizeikreisen. Vor dem Hintergrund der Anschläge in Kopenhagen und der Zuverlässigkeit der Quelle sei das Risiko zu hoch gewesen. Außerdem sei es schlicht unmöglich, bei einem Umzug mit mehr als 200.000 verkleideten Teilnehmern jeden zu kontrollieren.
Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) nannte die Entscheidung denn auch "absolut notwendig". Ministerpräsident Stephan Weil meldete sich via Twitter: "Es tut mir leid für die Karnevalisten in Braunschweig. Aber Sicherheit muss vorgehen."
Mit einer ähnlichen Begründung waren im Januar die Demonstrationen der Pegida-Bewegung in Dresden abgesagt worden. Hinweise auf potenzielle Täter lagen der Polizei auch dort nicht vor, doch sie ging nicht "mehr nur von einer abstrakten Gefahr, sondern von einer konkreten aus". Es sei von einer unmittelbaren Gefährdung von Leib und Leben aller Teilnehmer an Versammlungen auszugehen, hieß es in Dresden.
Jens Nacke, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag, forderte rasche Aufklärung: "Wenn ein Hinweis so konkret ist, dass eine Veranstaltung wie der Braunschweiger Karnevalsumzug abgesagt wird, muss man alles daran setzen, dass die potenziellen Attentäter gefasst werden."
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt ein wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Hannover den Fall übernommen, weil es dort eine Zentralstelle für derartige Delikte gibt. Die Ermittlungen führt das niedersächsische Landeskriminalamt.
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Ein passendes Kostüm? Dieser Braunschweiger Karnevalist hatte sich als Terrorist verkleidet, mit einer Batterie von Energydrinks am Sprengstoffgürtel. Dem Fotografen sagte er: "Das hatte ja niemand ahnen können."
Keine zwei Stunden vor dem Start des Umzugs blies die Polizei alles ab. Polizeiwagen fuhren durch die Straßen, forderten die Jecken auf, auf schnellstem Wege nach Hause zu gehen. "Dies ist kein Scherz!"
Es gab skurrile Szenen in Braunschweig: Hier begegnen sich ein Polizist und eine leicht kostümierte Jeckin am Mittag.
Ein trauriges Bild: Eine Traube Ballons ist übrig geblieben vom geplanten Schoduvel, dem größten Karnevalsumzug Norddeutschlands. 200.000 Menschen wurden erwartet.
Der Altstadtmarkt wurde abgesperrt, laut der Polizei Braunschweig gab es einen Hinweis auf eine konkrete Gefährdung mit islamistischem Hintergrund. Die ersten Informationen erhielt die Polizei am späten Samstagabend - einen Tipp aus der Szene.
Zwei verdächtige Gegenstände wurden untersucht - sie stellen sich als ungefährlich heraus. Es habe keinen anonymen Hinweis und keine Bombendrohung gegeben, betonte die Polizei.
Am späten Nachmittag wurden die Straßen wieder freigegeben. "Das Leben normalisiert sich innerhalb der Stadt", so Polizeipräsident Michael Pientka.
Hier diskutieren Polizisten mit Organisatoren des Karnevalsumzugs. Letztere waren besonders enttäuscht: Ein Jahr lang wurde auf das Ereignis hingearbeitet, alles umsonst.
Hier sehen wir eine Arbeit von Künstler und Wagenbauer Konrad Körner für den geplanten Umzug. Für alle Nicht-Braunschweiger: Die Skulptur zeigt den Geschäftsführer der Braunschweiger Stadtbad GmbH, Jürgen Scharna.
Immerhin: Am Nachmittag gab es noch eine Feier in der Stadthalle. Dort schien es aber recht leer geblieben zu sein. Die Stimmung: eher heiter bis wolkig.
"Wir haben verloren": Auf der Feier in der Stadthalle hängte jemand diesen Zettel auf. Durch die Absage des Umzugs hätten die Terroristen gewonnen, dieses Gefühl äußerten mehrere Karnevalisten in Braunschweig.
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