Zeuge im Breivik-Prozess "Noch nie habe ich solche Angst gesehen"

Im Prozess gegen Anders Breivik haben erstmals Überlebende ausgesagt, die sich trotz schwerer Verletzungen von der Insel Utøya retten konnten. Eine junge Frau schilderte, wie sie in eiskaltem Wasser ans Festland schwamm. "Wir haben gewonnen, er hat verloren", sagte eine 20-Jährige.

Blick nach Utøya (2011): Auf der Insel tötete Anders Breivik 69 Teilnehmer eines Sommerlagers
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Blick nach Utøya (2011): Auf der Insel tötete Anders Breivik 69 Teilnehmer eines Sommerlagers

Von Espen A. Eik, Oslo


Silja Kristianne Uteng schlief am 22. Juli 2011 in ihrem Zelt auf der Insel Utøya, als sie von lauten Geräuschen geweckt wurde. Sie habe zunächst gedacht, der Krach komme von Feuerwerkskörpern, schilderte die 21-Jährige am Montag vor Gericht in Oslo. Vor dem Zelt hätten Leute gerufen "sei still, sei still", kurz darauf: "Lauf!". Mit ihrem Freund rannte Uteng durch den Wald in Richtung Wasser. Irgendwann habe sie dann einen Schmerz im Arm gespürt.

Am 18. Prozesstag im Verfahren gegen Anders Breivik sagten erstmals Überlebende des Massakers von Utøya aus, die sich trotz schwerer Verletzungen in Sicherheit bringen konnten. Breivik hatte auf der Insel in anderthalb Stunden 69 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Sommerlagers getötet und Dutzende verletzt.

Uteng berichtete, wie sie nach einem Schuss in ihren Arm mehr als eine Stunde lang im eiskalten Fjord ans Festland geschwommen sei. "Erst als ich im Wasser meine Jacke auszog, um besser schwimmen zu können, sah ich das Loch in meinem Arm und habe begriffen, dass ich angeschossen wurde", sagte sie. Gemeinsam mit anderen versuchte die 21-Jährige, von der Insel wegzuschwimmen. Von Utøya habe sie Schüsse gehört, "dann Schreie, dann mehr Schüsse, dann mehr Schreie".

Ein Junge habe sie gefragt: "Ich bin so müde, kannst du mir helfen?" Dann habe sie ein Stöhnen gehört, und der Junge sei mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser getrieben. 200 Meter entfernt habe sie eine schwarzgekleidete Person am Ufer gesehen, sagte Uteng. "Ich bereitete mich darauf vor zu sterben."

"Er wirkte seltsam, nicht wie ein richtiger Polizist"

In dem Chaos vergaß Uteng ihre Verletzung nach der Rettung zunächst, auch der Notarzt erkannte die Schusswunde nicht als solche. Erst Tage später, bei einer Röntgenuntersuchung, wurden Teile des Geschosses in ihrem Arm entdeckt. "Was genau auf der Insel passiert ist und warum, verstehe ich bis heute nicht wirklich", sagte Uteng, die immer noch an den Folgen des Massakers leidet. Sie fühle sich ständig erschöpft und befinde sich derzeit in der Rehabilitation.

Der 20 Jahre alte Lars Grønnestad berichtete, wie er sich verletzt durch einen Schuss, der durch Schulterblatt und Rippen bis in die Lunge ging, über eine Stunde lang in einem Waldstück unter einem Baum versteckte. Zwei seiner Rippen waren gebrochen, er lag hilflos am Boden. Bevor der junge Mann verwundet wurde, hatte er Schüsse gehört, mehrere Menschen seien auf ihn zugelaufen. "Ich wusste, dass das kein Spaß ist. Noch nie habe ich solch eine Angst bei jemandem gesehen."

Jemand, er könne nicht genau sagen wer, habe gerufen, "Stopp! Polizei!", so Grønnestad. "Warum renne ich vor der Polizei davon? Sie ist hier, um uns in Sicherheit zu bringen", habe er gedacht. Als er sich umdrehte, habe er einen Mann in Polizeiuniform gesehen, berichtete Grønnestad. "Er wirkte seltsam, nicht wie ein richtiger Polizist. Er hatte nicht die Autorität, die man erwarten würde. Dann hat er eine große Waffe gezogen und auf die Gruppe geschossen, zu der ich gehörte."

Verschwommene Erinnerungen

Der 20-Jährige versuchte zu flüchten, wurde in den Rücken getroffen, brach ein paar Schritte weiter zusammen und verkroch sich unter einem Baum. An die Zeit danach hat Grønnestad verschwommene Erinnerungen, weiß nicht genau, ob er zwischendurch das Bewusstsein verlor. "Ich habe Erde in mein Gesicht und auf meine Kleidung geschmiert, um besser versteckt zu sein", sagte er, "ich wollte einen sichereren Ort finden, aber ich konnte mich nicht bewegen."

Nur zehn Tage, nachdem Grønnestad aus dem Krankenhaus entlassen worden war, nahm er ein Studium in Trondheim auf. Es sei schon etwas seltsam gewesen, seine Heimat zu verlassen, sagte der junge Mann nun vor Gericht. "Aber wenn ich nicht gegangen wäre, wäre ich in meinem Heimatort für immer der Junge gewesen, der auf Utøya verletzt wurde."

Breivik hörte den Aussagen der beiden Überlebenden wie in den vorangegangen Prozesstagen anscheinend unbewegt zu. Frida Holm Skoglund, der es wie Uteng gelungen war, trotz einer Schussverletzung schwimmend von der Insel zu fliehen, verlangte vor ihrer Zeugenaussage, Breivik solle den Gerichtssaal verlassen. Der rechtsradikale Attentäter wurde daraufhin in einen Nebenraum gebracht.

"Wir haben gewonnen, er hat verloren. Junge Norweger können schwimmen", antwortete die 20-Jährige, auf die Frage, ob sie Breivik etwas sagen wolle. Die leisen Worte der schlanken Frau mit Blumen in ihrem Haar riefen im Gegensatz zu der sonst bedrückten Atmosphäre im Gerichtssaal einige Lacher hervor. Sie bezog sich damit auf eine frühere Aussage Breiviks, er habe vorgehabt, 100 junge Teilnehmer des sozialdemokratischen Sommerlagers in den eiskalten Fjord zu treiben und dort bei Fluchtversuchen ertrinken zu lassen.

Den besten Freund verloren

Still wurde es, als Skoglund schilderte, wie sie verletzt wurde. "Irgendwas hat mich am Oberschenkel getroffen. Eine Freundin sagte mir, dass ich angeschossen worden sei. Ich dachte, es sei ein Scherz; dass es keine echte Munition war." Anschließend habe sie selbst die Kugel aus der Wunde entfernt. Auf der Flucht vor dem Mörder sprangen Skoglund und mehrere Freunde ins eiskalte Wasser und schwammen in Sicherheit. Vom Ufer aus habe der als Polizist verkleidete Breivik auf die Flüchtenden geschossen und "Stopp! Kommt zurück!" gerufen, berichtete die 20-Jährige, die lange Zeit mit Schuldgefühlen zu kämpfen hatte. "Ich war die Anführerin unserer Delegation in dem Camp - und ich habe die drei jüngsten Teilnehmer verloren."

Marius Hoft verlor seinen besten Freund auf Utøya. Der 18-Jährige schilderte, wie Breivik einem Mädchen erst in den Bauch und dann in den Kopf schoss. Dann habe der Attentäter auf ihn gezielt, Hoft sei mit seinem Freund Andreas in Richtung Norden geflüchtet und einen steilen Felsen hinabgeklettert. "Es war zu steil. Ich war überzeugt, dass es unmöglich war nach unten zu kommen. Trotzdem kletterte ich voran."

Plötzlich sei Andreas gefallen, sagte Hoft. "Er schrie nicht, er landete mit einem dumpfen Aufprall. Seine Arme zuckten kurz, dann rutschte er ins Wasser." Hoft weinte eine Weile, dann beschloss er still zu sein. "Ich wollte überleben, für meine Familie", sagte er. Bis Hilfe gekommen sei, habe es lange gedauert. Der Verlust seines besten Freundes hat es für Hoft bislang unmöglich gemacht, in die Schule zurückzukehren. Im Herbst will er einen neuen Versuch starten.

"Ich will Breivik jetzt einfach nur noch vergessen. Er verdient nicht viel Aufmerksamkeit", sagte die 17-jährige Ane Kollen Evenmo, die sich mit einer Schussverletzung in ein Boot retten konnte.

Breiviks Anwälte stellten nur wenige Fragen an die Zeugen. Die Verteidiger interessierten sich dafür, welchen Eindruck ihr Mandant gemacht habe, und ob er Freudenschreie ausgestoßen oder gelacht habe, als er schoss. Dies hatte in der vergangenen Woche eine Utøya-Überlebende ausgesagt, der Attentäter jedoch bestritten. Die Antwort auf diese Frage könnte eine Rolle bei der Entscheidung darüber spielen, ob Breivik als geisteskrank eingestuft wird oder nicht. Keiner der an diesem Montag gehörten Zeugen erklärte, Breivik lachen oder beim Morden jubeln gehört zu haben.

mit Material von dpa und AFP

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