Breiviks Doppelanschlag Norwegens längste Woche

Hatte Anders Breivik Helfer? Noch schrecklichere Pläne? Hörte er Musik, als er um sich schoss? In Oslo kursieren eine Woche nach den Anschlägen viele Gerüchte. Und während das erste seiner Opfer beigesetzt wird und das Land wieder gemeinsam trauert, vernimmt die Polizei den Attentäter erneut.

Gedenkveranstaltung der sozialdemokratischen Jugend: "Hass hat Liebe erzeugt"
REUTERS

Gedenkveranstaltung der sozialdemokratischen Jugend: "Hass hat Liebe erzeugt"

Aus Oslo berichtet


Der Massenmörder ist jetzt irgendwo in diesem Gebäude, dem Polizeipräsidium von Oslo. Er sitzt in einem Raum, vielleicht liest er, was er getan hat: 50 Seiten umfasst das Protokoll seiner ersten Aussage, die er nun, genau eine Woche nach seinen Anschlägen in Oslo und auf Utøya, ergänzen und korrigieren soll. "Bei der nächsten Vernehmung werden wir ihn dann mit Widersprüchen konfrontieren", kündigt Chefermittler Pål Hjort Kraby in Saal 4064 vor der Presse an.

Unter den Journalisten kursieren derzeit viele Gerüchte: Anders Breivik habe bei der Tat ein Walkie-Talkie benutzt, sagt einer. Ein anderer will erfahren haben, dass der Attentäter Musik auf seinem iPod hörte, während er um sich schoss. Ein Dritter glaubt zu wissen, dass Breivik eigentlich viel früher auf der Insel habe sein wollen, um auch die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland zu töten, die dort zuvor gesprochen hatte. Doch er sei aufgehalten worden.

Polizist Kraby will das alles "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht kommentieren.

Breiviks Anwalt sagt, sein Mandant habe "noch mehrere Pläne in unterschiedlicher Größenordnung" gehabt und zwei weitere Gebäude "bombardieren" wollen. Die Vorhaben seien genau so konkret gewesen wie die vollendeten Anschläge, so Geir Lippestad in der Zeitung "Aftenposten". Weshalb Breivik sie nicht ausführte, bleibt jedoch unklar. Dem Verteidiger zufolge hatte sich der Terrorist massiv aufgeputscht, ehe er zuschlug: "Er nahm Drogen, um das zu schaffen, was er dann getan hat."

"Die Antwort muss Liebe sein, nicht noch mehr Hass"

Dem Ermittler Kraby zufolge ist Breivik sowohl ausgesprochen ruhig als auch außerordentlich gesprächig: "Er ist mehr als willig, alles zu erklären." Zwei norwegische Rechtspsychiater sollen den Attentäter auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen und im November ihre Gutachten vorlegen. Der Anwalt des Terroristen hatte seinen Mandanten bereits als geisteskrank bezeichnet.

Breivik räumte bereits in seiner ersten Vernehmung ein, am vergangenen Freitag im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet und danach auf Teilnehmer eines Jugendlagers der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utøya geschossen zu haben. Insgesamt kamen dabei nach jüngsten Angaben mindestens 77 Menschen ums Leben. Inzwischen seien alle Opfer identifiziert, die Familien würden nun informiert, heißt es. Am Freitagabend sollen die Namen der Toten veröffentlicht werden.

"Die Kugeln haben unsere Jugend und die gesamte Nation getroffen", sagt Ministerpräsident Jens Stoltenberg am Nachmittag bei einer Trauerfeier. "Das Böse hat aber das Beste in uns freigesetzt und Hass hat Liebe erzeugt. Wir müssen mit dem 22. Juli leben, doch zusammen werden wir es schaffen." Und der Leiter der Arbeiterjugend, Eskil Pedersen, verspricht: "Wir werden unserer Toten nicht mit Trauer, sondern mit einem Lächeln gedenken." Die Mutter von Bano Abokabar Rashid, dem ersten Opfer des Utøya-Massakers, das nun beigesetzt wird, fordert zugleich: "Die Antwort muss Liebe sein, nicht noch mehr Hass."

Verbindungen zur rechtsextremen Szene

Zur Beerdigung der 18-Jährigen kommt auch Außenminister Jonas Gahr Støre. "Bano ist nicht mehr da - und es ist einfach nicht zu fassen", so der Sozialdemokrat. Die junge Frau, die mit ihren kurdischen Eltern als Vierjährige aus dem Irak nach Norwegen kam, war in der Arbeiterpartei aktiv und stand als Kandidatin auf den Listen für die Kommunalwahlen Mitte September.

"Bano hat die Idee der Demokratie verstanden und wusste, dass Norwegens Zukunft auch in ihren Händen lag", sagt Gahr Støre und erzählt von den Stunden, ehe der Attentäter mit einem Schnellfeuergewehr und einer Pistole das friedliche Sommerlager in die Hölle verwandelte: Bano Rashid habe auf Utøya ihr politisches Vorbild, Norwegens frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, getroffen - und der 72-Jährigen ihre Gummistiefel geliehen.

Der Attentäter habe Norwegens Grundwerte angegriffen, sagt der Vorsitzende der Arbeiterjugend: Demokratie, Toleranz und der Kampf gegen Rassismus. "Lange bevor der Täter vor Gericht steht, können wir sagen: Er hat verloren", so Eskil Pedersen. Sie würden nächstes Jahr zu ihrer jährlichen Sommerveranstaltung nach Utøya zurückkehren.

Inzwischen hat ein britischer Rechtsextremist zugegeben, dass er mit dem Oslo-Attentäter in Kontakt gestanden habe. Der frühere Aktivist der British Defence League, Paul Ray, sagt am Freitag in einem Interview mit der "Times", er habe sich jedoch verbeten, von Breivik als "Freund" auf Facebook geführt zu werden.

"Ich gehöre zu seinen Mentoren. Ich kann für ihn mit Sicherheit eine Inspiration gewesen sein", behauptet der Radikale. "Aber was er getan hat, ist das pure Böse, es passt nicht zu irgendetwas von dem, womit ich zu tun habe."

Mit Material von dpa

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
No_Name 29.07.2011
1. -
Zitat von sysopHatte Anders Breivik Helfer? Noch schrecklichere Pläne? Hörte er Musik, als er um sich schoss? In Oslo kursieren eine Woche nach den Anschlägen viele Gerüchte. Und während das erste seiner Opfer beigesetzt wird und das Land wieder gemeinsam trauert, vernimmt die Polizei den Attentäter erneut. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,777429,00.html
Bitte Bitte Bitte, weniger Berichterstattung. Der Täter bekommt genau was er möchte - auf Ihn und seine Ideologien fokusierte Aufmerksamkeit. Warum berichtet Ihr nicht mal mehr über die bemerkenserte Stärke mit der sich das norwegische Volk mit den Taten dieses Irren ausseinander setzt?
WolArn 29.07.2011
2. Wieso unklar?
---Zitat--- Breiviks Anwalt sagt, sein Mandant habe "noch mehrere Pläne in unterschiedlicher Größenordnung" gehabt und zwei weitere Gebäude "bombardieren" wollen. Die Vorhaben seien genau so konkret gewesen wie die vollendeten Anschläge, so Geir Lippestad in der Zeitung "Aftenposten". Weshalb Breivik sie nicht ausführte, bleibt jedoch unklar. ---Zitatende--- Mir ist soweit klar, daß er nach dem Massaker auf der Insel keine weiteren Anschläge mehr durchführen konnte, und er das aber auch wußte. Und erzählen kann man hinterher viel.
iwakura 29.07.2011
3. +++
In was für einer Traumwelt leben Sie bitte? Radikale Moslems kritisieren ist nun wirklich kein Problem in unserer Medienlandschaft, das hatten wir seit dem 11. September in Dauerberieselung. Wir können seit 10 Jahren in den Mainstreammedien nachlesen, was Hassprediger so treiben, konnten uns Taliban-Homestories ad nauseam reinziehen, Pierre Vogel ist nach wie vor immer für eine Titelstory gut, Ehrenmorde machen sich auch immer prima, Broder und Sarazin werden auch im Spiegel abgedruckt, wenn Erdogan was gegen Integration sagt, ist das auch ein gefundenes Fressen. die Integrationsdebatte war auf allen Titelseiten etc. pp. Das passt natülich nicht in Ihr Weltbild, in dem Pressefreiehit bedeutet, dass man sich nie mit anderen Meinungen als der eigenen auseinandersetzen muss. Also wird jeder Gegenbeweis munter ignoriert und so lange über imaginäre Denkverbote geheult, bis endlich die Gleichschaltung da ist. Was wollen Sie denn? Dass der SPIEGEL endlich mal ne Titelstory darüber bringt, wie wir die Türken loswerden können? Offen rassistische Meinungen sind in Deutschland nun mal unbeliebt. Wenn Sie das mit Machenschaften von oben in Verbindung bringen müssen, entlarven Sie hauptsächlich Ihre eigene Vorstellung davon, wie Meinungen entstehen.
Guillermo Emmark 29.07.2011
4. "Retabuisierung"?
Wenn man heute die Bilder aus Norwegen sah, hat man nicht den Eindruck, dort werde "längst gescheiterter Multikulturalismus (gernial blödes Wort - danke "donbernd") künstlich wiederbelebt". Muslime mit Rosen in den Händen auf dem Wege zum Dom, das muss doch Leuten wie Ihnen schwerstens im Magen liegen. Und wer Multikulti ablehnt, ist natürlich deshalb kein Terrorist - genausowenig übrigens wie jemand der täglich fünfmal betet. Aber das müssen die islamophoben Spinner erstmal verdauen, was aufgrund mangelnder intellektueller Bandbreite sehr, sehr schwer werden dürfte. Es wird höchste Zeit, Beiträge wie den Ihren oder die von Hendrik M. oder "Politically Incorrect" zu "retabuisieren" und in jene Schmuddelecke zurückzuverweisen aus der sie kommen und wo sie auch hingehören!
templindani 29.07.2011
5. Kleine Anmerkung am Rande
Zitat von iwakuraIn was für einer Traumwelt leben Sie bitte? Radikale Moslems kritisieren ist nun wirklich kein Problem in unserer Medienlandschaft, das hatten wir seit dem 11. September in Dauerberieselung. Wir können seit 10 Jahren in den Mainstreammedien nachlesen, was Hassprediger so treiben, konnten uns Taliban-Homestories ad nauseam reinziehen, Pierre Vogel ist nach wie vor immer für eine Titelstory gut, Ehrenmorde machen sich auch immer prima, Broder und Sarazin werden auch im Spiegel abgedruckt, wenn Erdogan was gegen Integration sagt, ist das auch ein gefundenes Fressen. die Integrationsdebatte war auf allen Titelseiten etc. pp. Das passt natülich nicht in Ihr Weltbild, in dem Pressefreiehit bedeutet, dass man sich nie mit anderen Meinungen als der eigenen auseinandersetzen muss. Also wird jeder Gegenbeweis munter ignoriert und so lange über imaginäre Denkverbote geheult, bis endlich die Gleichschaltung da ist. Was wollen Sie denn? Dass der SPIEGEL endlich mal ne Titelstory darüber bringt, wie wir die Türken loswerden können? Offen rassistische Meinungen sind in Deutschland nun mal unbeliebt. Wenn Sie das mit Machenschaften von oben in Verbindung bringen müssen, entlarven Sie hauptsächlich Ihre eigene Vorstellung davon, wie Meinungen entstehen.
Wo ich las:" Offen rassistische Meinungen sind in Deutschland nun mal unbeliebt.", mußte ich an die Titelseite der Bild - Zeitung denken, die ich 1990 oder 1991 in Bonn gekauft hatte und die groß titelte:" Schon 600 000 sind zu uns in den Westen gekommen. Nehmen sie uns nun unsere Arbeit und unsere Wohnungen weg?". Gemeint waren Ostdeutsche, die es sich erlaubt hatten, innerhalb eines Landes, das auch das ihre ist, umzuziehen. Dazu muß man auch wissen, das in dem selben Jahr etwa 1,5 Millionen Asylsuchende nach Deutschland kamen. Dieser Vorgang verursachte keinerlei so reißerische Titelseiten. Obwohl die Bundesregierung, wegen akuten Platzmangels ob diesen Andranges von Asylsuchenden, damals über Zwangseinquartierungen bei Privatleuten nachgedacht hat und Turnhallen zu Unterkünften umfunktioniert hatte. Ich will nur meinen, die Medien elegieren sich an Rassismus, aber selektiv, denn einiges ist mit Tabus belegt zu sagen, was bei anderen zu sagen dann eben nicht als Rassismus gesehen wird (oder darf).
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