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27. Juli 2011, 17:34 Uhr

Breiviks Schießclub

"Er ist nicht weiter aufgefallen"

Aus Oslo berichtet

Sturmgewehr, Pistole, Pumpgun: Der norwegische Attentäter besaß als Mitglied eines Schützenvereins und angeblicher Jäger ein ganzes Arsenal legaler Waffen. Seine früheren Schießclub-Kameraden wollen von Breiviks radikalen Ansichten nichts bemerkt haben. Ein Besuch.

Der Ort, an dem Anders Breivik das Töten trainierte, könnte idyllischer kaum gelegen sein. Eine knappe Stunde außerhalb Oslos, die schmale Straße schlängelt sich durch eine sattgrüne Hügellandschaft und endet in einem Kiefernwäldchen. In der Ferne rattern automatische Gewehre, im Kies liegen Patronenhülsen, und auf einem verblichenen Werbeplakat der Waffenschmiede Glock sind die Abzeichen internationaler Polizeieinheiten zu sehen. Darüber steht: "First they fired us. Then they hired us."

Abdrücken ist das eine, reden das andere. Und hier möchte eigentlich niemand mehr über den früheren Waffenbruder sprechen, der jahrelang dem Pistolenclub angehörte und später mit seiner Glock 17 und einem Schnellfeuergewehr vom Typ Ruger Mini 14 auf der Insel Utøya mindestens 68 wehrlose Menschen erschoss. "Ich habe ihn vielleicht ein- oder zweimal gesehen", knurrt der ehemalige Vorsitzende, Paul Bemelmans, "aber er ist mir nicht weiter aufgefallen." Ende der Durchsage.

In einer dürren Mitteilung hat der Verein am Mittwoch eingeräumt, dass Anders Breivik von 2005 bis 2007 und erneut ab Juni 2010 Mitglied des Clubs gewesen sei. Er habe an 13 organisierten Trainingseinheiten sowie einem Wettbewerb teilgenommen, sich jedoch "weder politisch bemerkbar gemacht noch in anderer Weise irgendwelche Verhaltensweisen als Vorwarnung für die zutiefst tragischen Ereignisse an den Tag gelegt." Man habe ihn jetzt "mit sofortiger Wirkung" ausgeschlossen. Doch das ist nicht mehr als ein symbolischer Akt.

"Am liebsten hätte ich die Wahrheit geschrieben"

Für Breivik selbst, so kann man es in seinem wahnsinnig anmutenden, 1516 Seiten umfassenden Manifest nachlesen, war die Mitgliedschaft im Osloer Pistolenclub von entscheidender Bedeutung, um an die späteren Tatwaffen zu gelangen. Der Versuch, auf illegale Weise eine Pistole und ein Sturmgewehr zu kaufen, scheiterte demnach im Sommer 2010.

Damals war Breivik in einem Hyundai Atos, den er für besonders unauffällig hielt, über Kopenhagen und Kiel nach Prag gereist. Er dachte, die tschechische Metropole sei "die gefährlichste Stadt Europas". Nächtelang will er sich in Clubs und Bordellen herumgetrieben haben. Ohne Erfolg. Später vermerkte er selbstkritisch: "Es ging richtig schlecht los. Wenn man ein Waffengeschäft machen will, sollte man nicht zu direkt sein." Anscheinend hatte der Norweger sich sehr unverhohlen nach Schießeisen erkundigt.

Anschließend wollte Breivik angeblich Kontakt zu den Hells Angels in Kopenhagen, Prag oder Berlin aufnehmen, doch auch diesen Plan verwarf er schnell. Ganz offenbar war es nämlich nicht besonders schwierig, in Norwegen legal an die gesuchten Mordwerkzeuge zu gelangen. Nach eigenen Angaben absolvierte er dazu einen einwöchigen Jagdkursus und füllte einen entsprechenden Antrag aus: "Am liebsten hätte ich die Wahrheit geschrieben, nur um ihre Reaktion zu sehen", notierte er hinterher.

Zu diesem Zeitpunkt besaß Breivik bereits seit sieben Jahren eine Pumpgun sowie ein Repetiergewehr. Nur die Sache mit der Pistole bereitete ihm noch Sorgen. Er sei zwar Mitglied in einem Schützenverein, aber habe sich dort zuletzt nicht mehr regelmäßig Sehen lassen. "Ich werde im Winter wieder öfter trainieren müssen, damit ich eine Erlaubnis bekomme", schrieb er.

Sein Plan ging auf. Ganz legal kaufte Breivik schließlich die Waffen und probierte sie seinen Eintragungen zufolge im November, Dezember und Januar auf dem Schießstand aus. Einen Schalldämpfer allerdings, den er sich über das Internet bestellt hatte, bekam er nicht mehr, die Firma geriet zwischenzeitlich wohl in Lieferschwierigkeiten. Dafür bestellte er sich aber extragroße Magazine und Laser-Zielvorrichtungen, deren Preise er in seinem Manifest akribisch festhielt.

"Es gibt immer noch zu viele Waffen in Privathaushalten"

Zeitweise verfolgte er wohl auch den Plan, die Projektile so zu manipulieren, dass sie giftige Substanzen hätten aufnehmen können. Ob ihm dies gelang, ist unklar. Ein Mediziner sagte, die auf Utøya Ermordeten hätten auffallend große Wunden aufgewiesen. In Breiviks Manifest ist tatsächlich wiederholt von Hohlspitzgeschossen die Rede, die im Körper aufpilzen und besonders schreckliche Verletzungen verursachen können. Es scheint, als habe er diese Munition tatsächlich eingesetzt.

Und während sich in Norwegen bislang niemand an den Waffengesetzen zu stören scheint, flammte in Deutschland die altbekannte Debatte wieder auf. "Das Ziel muss sein, dass Sportschützen nicht mehr mit Großkaliberwaffen schießen dürfen", sagte der Sprecher für innere Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Wieland.

"Es gibt immer noch zu viele Waffen in Privathaushalten", so der Politiker. Schätzungen zufolge seien es zehn Millionen Stück. "Nicht allen Sportschützen geht es ausschließlich ums Zielen und Treffen", sagte Wieland. "Die Vereine sind ein Schirm, unter dem sich auch Waffennarren aufhalten."

Auf dem Schießstand, nordwestlich von Oslo, will man über diese Fragen derzeit auf keinen Fall diskutieren. "Es ist Schreckliches passiert", sagt ein Mittsechziger und steigt in seinen Geländewagen, "aber wir haben damit wirklich nichts zu tun."

Mitarbeit: Cato Gjertsen

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