Abgeschobener Intensivtäter Die Akte Ibrahim Miri

Jahrelang scheiterte die Abschiebung der Bremer Unterweltgröße Ibrahim Miri - kürzlich gelang sie doch. Nach SPIEGEL-Informationen sorgte das Vorgehen der deutschen Polizei im Libanon allerdings für Unmut.

Ibrahim Miri im Februar 2014 vor dem Bremer Landgericht: Verdächtiger bei zahlreichen Straftaten
Carmen Jaspersen/ DPA

Ibrahim Miri im Februar 2014 vor dem Bremer Landgericht: Verdächtiger bei zahlreichen Straftaten

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Am vergangenen Freitag hatte der Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamts (BKA) im Libanon einen heiklen Termin. Er traf den libanesischen Generalstaatsanwalt in Beirut - und der war offenbar gar nicht gut auf die deutsche Polizei zu sprechen. Der Generalstaatsanwalt habe seine "tiefe Verärgerung" ausgedrückt, heißt es nach SPIEGEL-Informationen in einem vertraulichen BKA-Vermerk zu dem Vorfall. "Tiefe Verärgerung" deshalb, weil die libanesische Justiz über die Abschiebung zweier Intensivtäter aus Deutschland vorab nicht informiert worden sei.

Hintergrund des Unmuts: Zwei Tage zuvor waren Ibrahim Miri und ein weiterer Mann in einen Flieger nach Beirut gesetzt worden. Miri, eine Größe im Bremer Miri-Clan und Verdächtiger bei rund 150 Straftaten, wurde in Deutschland etliche Male verurteilt: wegen Drogenhandels, Erpressung, Entführung. Ein "Toptäter" wie es im Jargon heißt. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte die Bundesrepublik erfolglos versucht, ihn auszuweisen.

Akten aus Justiz und Sicherheitsbehörden, die der SPIEGEL einsehen konnte, geben Einblick in die Vita eines Schwerkriminellen. Die Dokumente zeichnen ein Bild des Scheiterns. Da ist ein Mensch, der als Junge nach Deutschland kommt und dessen Integration fehlschlägt. Da ist die Justiz, die ihn zu Gefängnisstrafen verurteilt, die nichts an Miris kriminellem Treiben ändern. Und da ist ein Land, das Miri auffordert zu gehen, doch er bleibt - und das hat jahrelang keine Folgen, weil sein mutmaßliches Heimatland nicht kooperiert.

"Hohes Ansehen in der Szene"

Am Ende gelang Miris Ausweisung doch - wohl dank unkonventionellen Vorgehens, was den libanesischen Generalstaatsanwalt verärgerte. Die Frage ist nun, wie lange Ibrahim Miri Deutschland tatsächlich fernbleibt. Dem Land, wo er zu einer "Führungsfigur der organisierten Kriminalität" wurde, "mit hohem Ansehen in der Szene". So formuliert es ein Ermittler.

Viele Erkenntnisse über Ibrahim Miri sind nicht gesichert. Wie alt er ist, zum Beispiel. Bei den Behörden ist er mit mindestens vier Aliaspersönlichkeiten registriert. Mal variiert das Geburtsdatum, mal der Nachname, mal der Geburtsort. Das größte Problem war aber schon immer seine unklare Staatsangehörigkeit.

Der Libanon gilt als seine Heimat, dorthin wurde er abgeschoben. Doch Ermittler sind überzeugt, dass Ibrahim Miri ursprünglich eher aus dem südostanatolischen Strang seiner Volksgruppe stammt. Miri gehört zur Gruppe der Mhallamiye-Kurden, die einst in Dörfern im Süden der Türkei siedelten und sich auch im Libanon niederließen. Die Gruppe selbst streitet bis heute über ihre wahre Herkunft.

Skrupellos und brutal

Nach SPIEGEL-Recherchen kam Ibrahim Miri als 13-Jähriger nach Deutschland, im Jahr 1986. Man kann sagen: Er kam nie richtig in seiner neuen Heimat an. Außer im kriminellen Milieu, dort gelang ihm der Aufstieg.

Und das, obwohl ihm mancher Fahnder aufgrund seiner Fähigkeiten durchaus eine steile legale Karriere zugetraut hätte. Miri, sagt einer, hätte mit seinem Intellekt andere Dinge tun können. Doch Miri sei auch: skrupellos, brutal, ein Schwergewicht in der organisierten Kriminalität. Nach polizeilichen Erkenntnissen war er Präsident der verbotenen Rockergruppe Mongols MC. Miri hatte die Strukturen der Bande für den Drogenhandel genutzt - und wurde dafür zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Kaum ein Delikt, das die Clangröße in ihrer Zeit in Deutschland ausgelassen hat: Raub, Diebstahl, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Hehlerei, Unterschlagung, Körperverletzung - viele Jahre beschäftigte Miri die Bremer Justiz. Weder eine soziale noch eine wirtschaftliche Integration sei erkennbar, heißt es in einem Vermerk der Behörden. Außerdem gehe von ihm ein ganz erhebliches Gefahrenpotenzial aus; er sei auch zukünftig "eine Gefährdung für die öffentliche Sicherheit und Ordnung". Nach SPIEGEL-Informationen darf Ibrahim Miri Deutschland nun sieben Jahre lang nicht mehr betreten, die Höchstgrenze liegt bei zehn Jahren.

Duldung folgte auf Duldung

Dabei war Miris Aufenthalt in Deutschland den Erkenntnissen nach zu keinem Zeitpunkt rechtmäßig. 1986 wurde sein Asylantrag abgelehnt. Die Stadt Bremen erteilte 1998 eine Ausreiseverfügung; Oldenburg im Jahr 2006. Dennoch folgte Duldung auf Duldung, allein seit 2002 waren es zwölf. Der Grund dafür war immer gleich: Miri hatte keinen gültigen Pass, eine Abschiebung war so nicht möglich.

Das änderte sich erst im Jahr 2019 - vor allem wohl wegen Dieter Romann. Der Chef der Bundespolizei ist bekannt dafür, die Dinge auf dem kurzen Dienstweg zu regeln. Als der Mörder der 14-jährigen Susanna in den Irak floh, fädelte Romann dessen Festnahme ein. Der oberste Bundespolizist selbst stieg in den Flieger und holte Ali B. zurück nach Deutschland (lesen Sie hier mehr darüber).

Bundespolizeichef Dieter Romann 2018 in Berlin
Getty Images

Bundespolizeichef Dieter Romann 2018 in Berlin

Recherchen der "Welt" legen nahe, dass Romann auch in Miris Fall einen unkonventionellen Angang wählte. Dank der vertrauensvollen Beziehung zum libanesischen Grenzchef sei es Romann gelungen, einen Pass zu beschaffen und die Ausweisung zu vollziehen. Eine Operation, die laut Artikel unter "striktester Geheimhaltung" ablief und offenbar auch der libanesischen Justiz verborgen blieb.

Nachdem Ermittler Miri vor einigen Wochen in einer Bremer Wohnung ausfindig gemacht hatten, schlichen sich am frühen Morgen des 10. Juli schwer bewaffnete Spezialkräfte in das Haus, wie die "Bild"-Zeitung berichtete. Die Clangröße schlief demnach noch, als die Beamten ihr Bett umzingelten. Sie hätten Miri in einen Hubschrauber gesetzt, der den 46-Jährigen zum Berliner Flughafen Schönefeld gebracht habe. Von dort sei er dann nach Beirut geflogen worden.

Aus libanesischen Justizkreisen verlautete, Miri sei frei, gegen ihn läge nichts vor. Die Aufarbeitung seiner Abschiebung dauert an. Der verärgerte libanesische Generalstaatsanwalt, so heißt es im BKA-Vermerk, erwarte von der deutschen Polizei nun einen "detaillierten Bericht" zu Miri und dem zweiten abgeschobenen Mann.

Mit Material der dpa



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