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11. Oktober 2006, 12:19 Uhr

Bremen

Leichenfund zwingt Senatorin zum Rücktritt

Der Fund einer Kinderleiche in einem Bremer Kühlschrank wird zum Politikum: Der Zweijährige lebte trotz Amtsvormundschaft in der Wohnung seines drogensüchtigen Vaters. Jetzt hat Sozialsenatorin Röpke Versäumnisse ihrer Behörde eingeräumt - und ist zurückgetreten.

Bremen - Die Bremer Sozialsenatorin Karin Röpke ist wegen des Todes des kleinen Kevin zurückgetreten. Sie übernehme damit die politische Verantwortung für das Schicksal des vernachlässigten Kindes, erklärte die SPD-Politikerin. Der Zweijährige war gestern von Mitarbeitern des Jugendamtes und der Polizei tot im Kühlschrank der väterlichen Wohnung entdeckt worden. Kevin stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes, lebte aber mit Zustimmung der Behörden dennoch bei seinem drogensüchtigen Vater.

Bremens Sozialsenatorin Karin Röpke: Sie trat heute zurück
DDP

Bremens Sozialsenatorin Karin Röpke: Sie trat heute zurück

Die 51 Jahre alte Röpke ist seit März 2002 Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales in Bremen. Zuvor war die Verwaltungsfachkraft lange Geschäftsführerin der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Bei der Pressekonferenz räumte sie ein, schon früher persönlich mit dem Schicksal des Jungen befasst gewesen zu sein.

Nach dem Fund der Leiche waren Fragen über mögliche Versäumnisse der Behörden bei der Betreuung des Jungen laut geworden. Das Kind stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes und wurde im Juli zuletzt lebend gesehen. Zunächst war nicht klar, wann zuletzt ein Sozialarbeiter Vater und Sohn besuchte, die im Brennpunktviertel Gröpelingen lebten. Jugendamtsleiter Jürgen Hartwig hatte am Dienstag erklärt, Mitarbeiter der Sozialbehörde hätten regelmäßigen Kontakt zu Eltern und Arzt gehabt und sich vergewissert, "dass die Dinge richtig laufen".

Der Vater hatte den Jungen seit dem Tod der Mutter im November 2005 allein erzogen und mit ihm von Arbeitslosengeld II gelebt. Gegen den Vater läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des ungeklärten Todes seiner Lebensgefährtin. Die ebenfalls drogensüchtige Frau starb nach Angaben der Staatsanwaltschaft an inneren Verletzungen. Nach Informationen der Sozialbehörde habe sie Gewalt gegen den Jungen ausgeübt, weshalb die Familie seit der Geburt des Jungen vom Jugendamt begleitet worden sei, sagte Hartwig. Nach dem Tod der Mutter hatte das Jugendamt die Vormundschaft übernommen. Nach einer einstweiligen Anordnung vom 2. Oktober habe der Junge aus der Familie herausgeholt werden sollen, weil der Vater sich weigerte, Hilfsangebote zu akzeptieren. Auch sei er zwei Mal Ladungen des Gerichts nicht gefolgt.

Heute erwirkte die Bremer Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen den 41-jährigen Vater. Der drogensüchtige Mann stehe im Verdacht der Misshandlung von Schutzbefohlenen und des Totschlags, sagte ein Sprecher der Behörde.

Die Kinderleiche weise äußerliche Gewaltmerkmale auf. "Es wurden gewisse Verletzungen festgestellt", sagte ein Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft. Ob der zweijährige Junge an den Verletzungen gestorben sei, müsse noch geklärt werden. Mit dem Ergebnis der Obduktion sei erst in ein paar Tagen zu rechnen. "Es müssen noch toxikologische Nachuntersuchungen gemacht werden." Unter anderem werden Blut und Urin daraufhin untersucht, "ob sich darin Stoffe befinden, die dort nicht hingehören." Der Zweijährige sei verhungert, berichtete die "Bild"-Zeitung. Zuletzt wurde der Zweijährige vom Arzt des Vaters im Juli dieses Jahres lebend gesehen.

Ähnlicher Fall sorgt für Entsetzen in Frankreich

Nach Medienberichten prägten gewalttätige Auseinandersetzungen auch die Beziehung der nicht verheirateten Eltern. Nachbarn des Mannes in dem Bremer Brennpunktviertel Gröpelingen beschrieben ihn als Trinker, der oft Streit mit den anderen Bewohnern des Mietsblocks bekam. Den kleinen Sohn hätten sie seit Monaten nicht gesehen.

Unterdessen sorgt ein ähnlicher Fall für Entsetzen in Frankreich. Ein Ehepaar aus Tour ist seit gestern in Polizeigewahrsam, nachdem vor gut zwei Monaten in der Gefriertruhe ihrer Wohnung in Seoul zwei Babyleichen entdeckt worden waren. Ein Genanalyse hat ergeben, dass die Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99 Prozent von den Beschuldigten abstammen.

Trotz der erdrückenden Beweislast bestreitet das Paar die Elternschaft. "Wir sind nicht die Eltern der toten Babys, und wir werden alles tun, um das zu beweisen", sagte der 40-jährige Ingenieur der Zeitung "Le Figaro". Das Paar war im Frühjahr 2002 nach Südkorea ausgewandert, wo es mit seinen zehn und elf Jahre alten Söhnen lebte. Am 23. Juli will der Vater in der Gefriertruhe die Leichen der Säuglinge entdeckt haben. Die südkoreanische Justiz verdächtigt die Franzosen seither des Kindermordes. Daraufhin wurde die Genuntersuchung in Frankreich angeordnet. Offizielle Ermittlungen wurden von der französischen Justiz noch nicht gegen das Ehepaar eingeleitet.

Pflicht zu Vorsorgeuntersuchungen für Kinder

Als Reaktion auf die zahlreichen Fälle von vernachlässigten Kindern hat der Kriminologe Rudolf Egg gefordert, die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen gesetzlich vorzuschreiben.

Die Kinderärzte dürften nicht zum verlängerten Arm der Staatsanwaltschaft gemacht werden, seien auf der anderen Seite aber verpflichtet, die Gesundheit der Kinder zu schützen, sagte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle von Bund und Ländern in Wiesbaden. "Die ärztliche Schweigepflicht hat ihre Grenzen, das ist medizinrechtlich längst geklärt", sagte Egg. Bei einer Untersuchungspflicht hätten zudem die Jugendämter einen Ansatzpunkt, möglichen Fällen im Verborgenen auf die Spur zu kommen. Die Ärzte müssten bei Verdachtsmomenten nachfragen. Ebenso in der Pflicht seien Lehrer und Betreuer in den Kindergärten.

Die Jugendämter seien im Kampf um das Kindeswohl in einer schwierigen Situation, da Familie und die eigene Wohnung hoch geschützte Rechtsgüter sind. "Bekannt werden nur die Fehler", beschrieb der Kriminologe. Die Ämter seien aber verpflichtet, etwaigen Hinweisen konsequent nachzugehen. Ob dies in allen Einzelfällen wie zuletzt bei dem zweijährigen Kevin aus Bremen, der tot im Kühlschrank seines Vater gefunden worden war, geschehe, könne er nicht beurteilen.

Neben der körperlichen Verwahrlosung und Vernachlässigung gebe es nach seiner Beobachtung zunehmend Fälle von psychisch und sozial isolierten Kindern. "Die haben zwar genug zu Essen und Anzuziehen, erfahren in ihren Familien aber sonst keine Zuwendung. Die Isolation vor der elektronischen Spielkonsole führe zu Leistungsmängeln, erklärte Egg unter Hinweis auf die Studien seines Kollegen Christian Pfeiffer aus Hannover.

dab/jjc/ddp/dpa/AP

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