Steine auf Fahrbahn gelegt Ein Zwang, ein "Blödsinnmachen"

Zwei junge Männer stehen in Bremen vor Gericht - mehrfach haben sie Gegenstände auf Straßen platziert und Autofahrer gefährdet. Sie sind wegen versuchten Mordes angeklagt. Erklären können sie ihre Taten nicht.

Angeklagte im Bremer Landgericht (Archiv)
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Angeklagte im Bremer Landgericht (Archiv)

Von Wiebke Ramm, Bremen


Was bringt zwei junge Männer dazu, nachts Steine, Nagelbretter und den Ständer eines Verkehrsschilds auf Autobahnauffahrten und andere Straßen in und um Bremen zu legen? Stunde um Stunde versucht Staatsanwältin Wiebke Kaiser am Freitag im Saal 249 des Landgerichts Bremen herauszubekommen, wie Sebastian R. und Niels L. auf die Idee kamen, Menschen derart in Gefahr zu bringen. Die beiden 25 und 24 Jahre alten Angeklagten müssen sich unter anderem wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

So richtig erklären kann oder will Sebastian R. es nicht. Zu Beginn des Verhandlungstages verliest sein Verteidiger eine Erklärung in seinem Namen. Ein "Blödsinnmachen" sei es gewesen. Er sei mit seinem Leben unzufrieden gewesen und habe es als eine Art Zwang erlebt, immer wieder Steine auf Straßen zu legen. Dass es möglicherweise Ärger gibt, damit habe Sebastian R. gerechnet. "Dass Menschen sterben könnten, daran habe ich nicht im Geringsten gedacht", verliest sein Verteidiger.

Elf Taten räumt er ein, zwei bestreitet er, bei den restlichen zehn angeklagten Taten wisse er nicht mehr, ob sie es gewesen seien. "Es tut mir außerordentlich leid, was ich getan habe." Auch das lässt Sebastian R. vortragen. Er wolle sich aufrichtig bei den Opfern entschuldigen.

Mal wissen, "wie es sich anfühlt"

Körperlich verletzt wurde nur eine Frau. Als ein vorausfahrendes Auto über Steinblöcke fuhr, geriet sie mit ihrem Wagen ins Schleudern. Das Fahrzeug kippte auf die Seite. Die Frau erlitt einen Schock, Prellungen und ein Schleudertrauma. Die Angeklagten bestreiten, diese Tat im September 2015 begangen zu haben. Aber dass sie dort waren, das geben sie zu. Sie hätten zufällig das umgekippte Auto gesehen und der Frau Erste Hilfe geleistet.

Nach Angaben von Niels L. habe sie dieser Fall auf die Idee gebracht, ab Sommer 2017 selbst Hindernisse auf Straßen zu legen. Sebastian R. habe damals gesagt, er wolle mal wissen, "wie es sich anfühlt", sagt Niels L. Er sagt auch: "Ich habe mich von ihm mitreißen lassen." Ihre Tatserie ging bis November 2017. Außer der Frau, deren Verletzungen sie nicht verursacht haben wollen, blieben alle weiteren Opfer körperlich unversehrt. Viele leiden jedoch noch heute unter zum Teil massiven Ängsten.

Staatsanwältin Kaiser gibt sich mit der dünnen Erklärung der Angeklagten nicht zufrieden. Sie hakt nach. Es sei seine Art Mutprobe gewesen, sagt Sebastian R. Und dass sie die Hindernisse einfach auf die Straße gelegt hätten und dann weggefahren seien. Ob Autos mit den Steinen kollidierten, hätten sie nicht beobachtet. "Ganz ehrlich?", sagt Kaiser: "Ich kann Ihnen das nicht glauben. Ich kann Ihnen nicht glauben, dass es Sie nicht interessiert hat, was passiert." "Es ging ums Auslegen an sich", sagt Sebastian R. leise. Die Staatsanwältin macht keinen Hehl daraus, dass sie ihm tatsächlich kein Wort glaubt.

Staatsanwältin: "Welche Hoffnung haben Sie mit dem Auslegen der Steine verknüpft?"

Sebastian R.: "Das kann ich gar nicht sagen."

Staatsanwältin: "Das macht man doch nicht, weil man sich gar nichts dabei denkt!"

Sebastian R.: "Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Ich hatte irgendwie den Drang, das zu tun."

Staatsanwältin: "Wie äußerte sich dieser Drang?"

Sebastian R.: "Das kann ich gar nicht mehr sagen."

Die Frage der Schuldfähigkeit

Auch die psychiatrische Gutachterin Vera Koch hat von dem Angeklagten nichts zur Tatmotivation gehört. Sie berichtet, dass R. unter schwierigen Familienverhältnissen und mit einem aggressiven Vater aufgewachsen sei. Er habe einen IQ von 109 und verfüge damit über eine überdurchschnittliche Intelligenz. Dennoch habe er nur den erweiterten Hauptschulabschluss geschafft. Zur Tatzeit war R. arbeitslos.

Sie kommt in ihrem Gutachten zu dem Ergebnis, dass Sebastian R. unter einer Persönlichkeitsstörung leide. Seine Persönlichkeit weise schizoide und paranoide Anteile auf, seine Impulskontrolle sei gestört, er sei extrem misstrauisch, habe starke Versagensängste und ein sehr geringes Selbstwertgefühl.

Die diagnostizierte Persönlichkeitsstörung fällt in die juristische Kategorie der sogenannten schweren seelischen Abartigkeit, was eine Prüfung der Schuldfähigkeit möglich macht. Wäre die Schuldfähigkeit von Sebastian R. eingeschränkt, könnte seine Strafe gemildert werden.

Dass Sebastian R. wusste, was er tat, daran gibt es keinen Zweifel. Das hat er auch eingeräumt. Die Frage ist: Hätte er in der Situation auch anders handeln können? Oder war die Tat Ausdruck seiner Störung, wie es die Psychiaterin formuliert. Ihre Antwort: "Es gibt im Moment keine Anhaltspunkte, dass eine verminderte Steuerungsfähigkeit im erheblichen Maße vorlag." Für eine solche Feststellung reichten die Informationen nicht aus, die er zum Tatmotiv geliefert habe.

Mit einer Erklärung tut sich auch der Mitangeklagte Niels L. schwer. "Eigentlich kann ich mir das Ganze nicht erklären", hatte er zu Beginn des Tages gesagt. Damit hat auch Here Folkerts Schwierigkeiten. Der Psychiater hat Niels L. begutachtet. Eine psychische Störung hat er bei L. nicht festgestellt. Er sei voll schuldfähig. Die Frage aber, was Niels L. dazu gebracht hat, die Taten zu begehen, kann auch er nicht beantworten. Seine Vermutung sei, dass es Niels L. um Machtausübung ging.

Der Psychiater wendet sich direkt an Niels L.: "Sie haben es zwar abgestritten, aber es muss für Sie etwas Faszinierendes gehabt haben, nachts aus einem Versteck heraus etwas auf Straßen zu platzieren, also Fallen zu stellen und Macht auszuüben."

Die beiden Angeklagten blicken den Psychiater stumm an, ohne jede Regung.



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