Steinfallen auf dunklen Straßen "Die Angst fährt jede Nacht mit"

Zwei junge Männer legen nachts schwere Hindernisse auf Bremer Straßen. Vor Gericht erzählen betroffene Autofahrer von den heftigen Folgen.

Angeklagte vor Gericht
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Angeklagte vor Gericht

Von Wiebke Ramm, Bremen


Dass er die Angst jemals wieder los wird, daran glaubt Matthias B. nicht. Sein Leben sei vorbei, sagt der 45-Jährige: "Ich bin fertig." Er könne kaum noch schlafen, werde von Albträumen und Angstattacken geplagt, berichtet er vor dem Landgericht Bremen.

Sebastian R. und Niels L. sitzen auf der Anklagebank und hören ihm zu. Die 25 und 24 Jahre alten Bremer wirken mitgenommen. Vielleicht begreifen sie an diesem Tag erst so richtig, was sie angerichtet haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Männern vor, zwischen August 2015 und November 2017 in mehr als zwanzig Fällen nachts Steine, Gehwegplatten und Nagelbretter auf Straßen und Autobahnzubringer in und um Bremen gelegt zu haben. Niels L. und Sebastian R. müssen sich seit September unter anderem wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten. Am Freitag begegneten sie zum ersten Mal einigen ihrer Opfer.

Matthias B. fuhr am 18. Juli 2017 gegen 0.40 Uhr mit zwei Freunden auf den Autobahnzubringer Hemelingen. Er sei auf der mittleren Spur gefahren, sagt er aus. "Plötzlich hat es geknallt." Eine Gehwegplatte habe hochkant auf der Fahrbahn gestanden. Er sei frontal dagegen gefahren.

"Wir haben richtig Glück gehabt"

Seither sei er nicht mehr in der Lage, Auto zu fahren, sagt der Hausmeister aus dem niedersächsischen Schneverdingen. Er bekomme Panik, selbst wenn er nur Beifahrer ist. Dabei sind Autos seine Leidenschaft, besonders sein alter Opel - "Baujahr 1994, fast schon ein Oldtimer", berichtet er den Richtern. Körperlich blieben er und seine Freunde unversehrt. "Wir haben richtig Glück gehabt", so B.

Der Verteidiger von Niels L. kündigt an, dass sein Mandant den finanziellen Schaden ersetzen werde. Er wolle auch allen anderen Betroffenen Geld für notwendige Reparaturen zahlen.

Dann ergreift der 24-jährige Angeklagte selbst das Wort. "Es tut mir fürchterlich leid, was ich Ihnen angetan habe", sagt Niels L. Er könne nachvollziehen, wie schlecht es Matthias B. gehe.

"Wenn das eine Entschuldigung sein soll, dann kann ich sie nicht annehmen", entgegnet Matthias B. "Mal ehrlich", sagt er: "Wie kommt man auf so eine Idee? Das frage ich mich wirklich. Was geht in euch vor? Menschen hätten tot sein können!" Er schaut Niels L. an. "Sag mir mal was dazu! Wie kommt man auf so eine Idee?" Niels L. schweigt.

Die Sätze, die Niels L. sagen wollte, hatte er schon gesagt. Er sagte sie nahezu identisch zu allen Opfern: Es tue ihm leid, was passiert sei; er hoffe, sie könnten ihm irgendwann verzeihen; und er werde so etwas nie wieder tun.

Matthias B. genügt das nicht. Er will eine Erklärung hören. Er bekommt sie an diesem Tag nicht. Auch Sebastian R. sagt nur, was er schon zu allen anderen Opfern an diesem Tag gesagt hat: "Ich möchte mich dafür entschuldigen, was Ihnen passiert ist."

"Das ist kein Dummejungenstreich"

Am vorherigen Verhandlungstag hatte Niels L. eine schriftliche Erklärung vorgelesen. Er schäme sich dafür, was er getan habe. Dass Menschen ernsthaft verletzt oder sogar zu Tode kommen könnten, habe er sich niemals vorstellen können. Wie er und Sebastian R. auf die Idee gekommen sind, nachts Hindernisse auf Straßen zu legen, könne er sich selbst nicht erklären.

"Das ist kein Dummejungenstreich", sagt ein weiterer betroffener Autofahrer am Freitag vor Gericht. Jürgen K. war Anfang Juli 2017 nachts mit seinem Transporter auf der Autobahn Richtung Hamburg unterwegs. An der Ausfahrt Arsten fuhr der heute 61-Jährige ab. In einer Kurve sah er im Scheinwerferlicht Steine auf der Fahrbahn liegen. Er konnte ausweichen und alarmierte die Polizei. Körperlichen Schaden hat er nicht davongetragen. Auch das Auto blieb heil. Vergessen kann er das Erlebnis nicht.

Noch immer sei er fast jede Nacht beruflich unterwegs, sagt der Spediteur vor Gericht. Sicher fühle er sich nicht mehr. "Das Schlimme ist: Die Angst fährt nun jede Nacht mit." Die Entschuldigung der Angeklagten nimmt auch er nicht an.



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