Prozess wegen Steinblockaden auf Straßen Aber warum?

Zwei junge Männer legten nachts schwere Steine auf Straßen und provozierten Unfälle. Was sie antrieb, sagen sie nicht. Sie bekommen eine Freiheitsstrafe - das Urteil ist deutlich milder als die Ankläger gefordert hatten.

Die Angeklagten bei einem Gerichtstermin im Sommer
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Die Angeklagten bei einem Gerichtstermin im Sommer

Von Wiebke Ramm, Bremen


Ganz am Ende wendet sich der Vorsitzende Richter noch einmal direkt an die Angeklagten. "Wir haben nicht klären können, warum Sie das gemacht haben", sagt er. "Vielleicht wissen Sie es wirklich nicht. Wenn doch, dann wird es Ihr Geheimnis bleiben." Danach dürfen Sebastian R. und Niels L. das Landgericht Bremen als freie Männer verlassen.

Neun Monate saßen die beiden in Untersuchungshaft. Der Vorwurf lautete auf versuchten Mord. Die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Jürgen Seifert hat die 24 und 25 Jahre alten Bremer am Dienstag nun vom Mordvorwurf freigesprochen. Übrig bleiben versuchte und vollendete Körperverletzung, Sachbeschädigung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr.

Niels L. und Sebastian R. waren angeklagt, zwischen August 2015 und November 2017 in mehr als zwanzig Fällen nachts Steine, Gehwegplatten, Nagelbretter, auch den Fuß eines Verkehrsschilds auf Straßen und Autobahnzubringer in und um Bremen gelegt zu haben. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hätten sie nicht nur die Sicherheit des Straßenverkehrs gefährdet, sondern auch versucht, heimtückisch Menschen zu töten.

Keinen Tötungsvorsatz festgestellt

Das Gericht sieht das anders: "Dass die Angeklagten tatsächlich mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt haben, hat die Kammer nicht feststellen können", sagte Richter Seifert.

Von den mehr als zwanzig angeklagten Taten sieht die Kammer die Schuld bei Sebastian R. nur in 13 Fällen, bei Niels L. nur in zwölf Fällen als erwiesen an. Einen Tötungsvorsatz haben die Richter bei keiner einzigen Tat feststellen können. Die Kammer hat Sebastian R. zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten, Niels L. zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Weihnachten und Silvester dürfen sie dennoch zu Hause feiern. Das Gericht hat die Haftbefehle aufgehoben, es sieht keine Flucht-, auch keine Wiederholungsgefahr. Ihre Freiheitsstrafe müssen sie erst später antreten. Drei Jahre lang dürfen sie kein Auto fahren. Ihre Führerscheine mussten sie abgeben.

"Nicht jeder gefährliche Eingriff in den Straßenverkehr kann zugleich ein vorsätzliches Tötungsdelikt sein", sagte Richter Seifert bei der Urteilsverkündung. "Dafür müssen besondere Umstände zutage treten. Nach unserer Überzeugung ist das hier nicht der Fall gewesen." Die Taten seien nur "begrenzt gefährlich, jedenfalls nicht lebensgefährlich" gewesen. Die Opfer hätten die Hindernisse mit ihren Autos zumeist einfach überfahren oder noch ausweichen können. Strafmildernd wertete das Gericht auch, dass die Steine auf Straßen ohne viel Verkehr und mit Tempolimit lagen. "Es spricht nichts dafür, dass die Angeklagten mit dem Tod von Verkehrsteilnehmern gerechnet haben", so Seifert.

Am Tatort, aber nicht als Täter

Alle Taten, für die das Gericht Sebastian R. und Niels L. nun verurteilt hat, ereigneten sich im Jahr 2017. Dass die beiden schon zuvor Hindernisse auf Straßen legten, habe die Beweisaufnahme nicht zweifelsfrei ergeben. Insbesondere sei ihnen nicht nachzuweisen, dass sie es waren, die in der Nacht auf den 1. September 2015 zwei Steinblöcke auf der Bundesstraße 6 platziert haben. Eine Frau verlor die Kontrolle über ihr Fahrzeug und geriet so sehr ins Schlingern, dass sie mit ihrem Auto auf die Seite kippte. Die Frau erlitt mehrere Prellungen, ein Schleudertrauma und einen Schock.

Die Angeklagten hatten die Tat bestritten. Aber dass sie dort waren, gaben sie zu. Sie hätten den Unfall zufällig gesehen und der Frau Erste Hilfe geleistet.

Auf einem Steinblock fand sich eine DNA-Spur von Niels L. Seine Täterschaft ergebe sich daraus nicht, stellte Richter Seifert fest. Es sei nicht auszuschließen, dass die DNA-Spur erst beim Wegräumen auf den Stein gelangt sei.

Für die Staatsanwaltschaft war dieser Unfall so etwas wie ein Schlüsselereignis. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sei den Angeklagten ihrer Ansicht nach klar gewesen, dass ihr Tun auch tödliche Folgen haben könnte. Alle weiteren Taten wertete die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord. Das Gericht nimmt den Angeklagten hingegen ab, dass sie nichts mit dem Unfall der Frau zu tun haben. Da die beiden geständig waren, lege dies die Annahme nahe, dass sie auch diese Tat eingeräumt hätten, sagte Seifert. Das Gericht sieht den Beginn der Serie erst zwei Jahre später.

In einem Punkt glaubt das Gericht den Angeklagten nicht. Dass sie nicht beobachtet haben, was passierte, nachdem sie die Steine auf die Straßen legten, nehmen ihnen die Richter nicht ab. Das hätten sie nur behauptet, "weil es ihnen hochnotpeinlich ist", sagte Seifert. Die Richter gehen im Gegenteil zu ihren Gunsten davon aus, dass sie sehr wohl zugeschaut haben und dabei bemerkt hätten, dass "nichts Gravierendes passiert ist".

Psychische Folgen bis heute

Körperlich zu Schaden kam tatsächlich niemand. Es kam zumeist zu Sachschäden an den Autos der Opfer. Unter den psychischen Folgen leiden einige jedoch bis heute. Niels L. hat den meisten Betroffenen Schadensersatz gezahlt. Nicht alle Opfer haben die Entschuldigung der Angeklagten angenommen.

"Die rechtliche Bewertung des Gerichts ist vollkommen richtig", sagte Verteidiger Stephan Weinert nach der Urteilsverkündung. Einzig über die Höhe der Strafe ließe sich diskutieren. Er werde mit Sebastian R. und seiner Familie sprechen, ob sie deswegen Revision einlegen werden. Ähnlich äußerte sich der Verteidiger von Niels L.

Die Staatsanwaltschaft hatte auf versuchten Mord plädiert und sechs und sieben Jahre Haft für Niels L. und Sebastian R. gefordert. Staatsanwältin Wiebke Kaiser gab am Dienstag keine Erklärung zum Urteil ab, kaum hatte der Richter zu Ende gesprochen, verließ sie den Saal.



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