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17. September 2018, 20:50 Uhr

Landgericht Bremen

Steinblöcke auf dunkler Straße

Von Wiebke Ramm, Bremen

Immer wieder sollen zwei junge Männer nachts schwere Hindernisse auf Bremer Straßen gelegt und Unfälle provoziert haben - angeblich aus Frust und Langeweile. Nun stehen sie wegen versuchten Mordes vor Gericht.

Sebastian R. sitzt zitternd auf der Anklagebank. Ängstlich blickt er zum Vorsitzenden Richter Jürgen Seifert und bestätigt mit leiser Stimme, dass er 25 Jahre alt ist und zuletzt arbeitslos war. Mit ihm auf der Anklagebank sitzt sein Freund Niels L. Auch ihm ist die Anspannung anzumerken. Er ist blass. Niels L. ist ein Jahr jünger als Sebastian R., Sport- und Fitnesskaufmann und zur Überraschung des Richters neuerdings verlobt.

Die beiden Bremer müssen sich unter anderem wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht Bremen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, zwischen dem 25. August 2015 und dem 29. November 2017 nachts gemeinsam mal Pflastersteine oder Steinblöcke, mal Gehwegplatten, mit Nägeln präparierte Bretter oder auch den knapp 30 Kilogramm schweren Ständer eines Verkehrsschildes auf Straßen und Autobahnzubringer in und um Bremen gelegt zu haben.

Sebastian R. werden 23, Niels L. 22 Taten zur Last gelegt. Die beiden hätten nicht nur die Sicherheit des Straßenverkehrs gefährdet, sondern auch versucht, heimtückisch Menschen zu töten, trägt Staatsanwalt Arne Kluger vor.

In der Nacht auf den 1. September 2015 sollen Niels L. und Sebastian R. zwei Steinblöcke auf der Bundesstraße 6 platziert haben. Eine Frau verlor die Kontrolle über ihr Fahrzeug und geriet so sehr ins Schlingern, dass sie mit ihrem Auto auf die Seite kippte. Die Frau erlitt mehrere Prellungen, ein Schleudertrauma und einen Schock, liest Staatsanwalt Kluger aus der Anklage vor.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, sagt Kluger, sei den Angeklagten klar gewesen, dass ihr Tun tödliche Folgen haben könnte, was sie billigend in Kauf genommen hätten. Alle folgenden Taten wertet die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord - bei Niels L. in 20, bei Sebastian R. in 21 Fällen. Weitere Menschen wurden nicht verletzt, etliche Autos beschädigt, an manchen entstand Totalschaden.

Verteidiger erinnert an Holzklotzfall

Im Ermittlungsverfahren haben die beiden Männer die angeklagten Taten weitgehend gestanden. Sie taten es ohne Anwälte an ihrer Seite. Außerhalb des Saals deuten ihre Verteidiger Stephan Weinert und Christian Knüpling an, dass sie ihren Mandanten zum Schweigen geraten hätten. Doch nun werden sich Sebastian R. und Niels L. voraussichtlich auch vor Gericht zu den Vorwürfen einlassen. Den Anfang könnte am Freitag Niels L. machen.

Der Verteidiger von Sebastian R. erinnert außerhalb des Saals an den sogenannten Holzklotzfall. 2008 hatte ein 31-Jähriger einen sechs Kilo schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke bei Oldenburg fallen lassen. Der Klotz durchschlug die Frontscheibe eines Autos. Eine Frau starb. Der Täter wurde wegen Mordes und dreifachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

"Das Holzklotz-Verfahren war etwas anderes", sagt Verteidiger Weinert. Sebastian R. und Niels L. hätten eben keine Autobahn gewählt, sondern Strecken, an denen zum Beispiel Tempo 50 gelte. Den Vorwurf des versuchten Mordes weist er daher zurück. Anders als es in der Anklage heißt, hätten Niels L. und Sebastian R. auch nicht den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen.

Die Angeklagten sind seit März in Untersuchungshaft. Gegenüber den Ermittlern sollen sie Langeweile und Frust als Motive genannt haben. Ende 2014 soll ihnen laut Anklage die Idee zu ihren Taten gekommen sein. Damals sollen sie beobachtet haben, wie jemand mit seinem Auto mit einem Sofa zusammenstieß, das auf einer Straße stand. Ab Sommer 2015 sollen sie dann selbst Hindernisse auf vielbefahrene Straßen gewuchtet haben.

Im März wurden die beiden Männer schließlich festgenommen. Sie waren zuvor in der Nähe eines Tatorts einer Polizeistreife aufgefallen. Spuren an einem selbstgebauten Nagelbrett stimmten mit der DNA eines der Verdächtigen überein.

Am ersten Verhandlungstag kommen die Hintergründe der Taten nicht zur Sprache. Nach der Verlesung der Anklageschrift beendet Richter Seifert den Prozesstag. Sebastian R. und Niels L. werden mit Handschellen aus dem Gerichtssaal geführt und zurück in ihre Zellen gebracht.

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