Vierfachmord in den Alpen Polizei befragt Bruder des Opfers

Neue Spur im Vierfachmord in den französischen Alpen: Der Bruder des getöteten Familienvaters steht möglicherweise mit der Tat in Verbindung. Laut Staatsanwaltschaft gab es einen Streit um Geld. Der Mann hat sich nun bei der britischen Polizei gemeldet.

Getty Images

Paris/London - Es ist nur eine Spur unter vielen: Dem Vierfachmord in den französischen Alpen liegt möglicherweise ein Familienstreit zugrunde. Nach Angaben des französischen Staatsanwalts Eric Maillaud habe es anscheinend zwischen dem am Mittwoch getöteten 50-jährigen Mann und seinem Bruder einen Streit um Geld gegeben. "Diese Information scheint seriös zu sein, sie stammt von der britischen Polizei", so Maillaud. Der Bruder müsse nun "sehr lange" befragt werden.

Nach übereinstimmenden Berichten britischer Medien ging es bei dem Streit um eine Erbschaft. Der Bruder des Erschossenen hat sich nun bei der Polizei in Großbritannien gemeldet, um sich in dem Fall zu erklären. Staatsanwalt Maillaud warnte davor, voreilige Schlüsse aus der Befragung des Bruders zu ziehen. Laut französischen Polizeikreisen hat er seine Unschuld beteuert.

Bei dem Mord waren am Mittwochnachmittag auf einem Waldparkplatz in der Nähe von Annecy der 50-jährige Mann, seine Frau, die Mutter der Frau und ein Fahrradfahrer, der vermutlich zufällig am Tatort vorbeifuhr, erschossen worden. Alle vier Opfer wurden durch Schüsse in den Kopf getötet.

Gezielte Schüsse in die Stirn

Fotostrecke

13  Bilder
Tatort Chevaline: Kein Motiv, keine Verdächtigen, viele Spekulationen
Die beiden kleinen Töchter des getöteten Paares überlebten, eine schwer-, die andere unverletzt. Das jüngere Mädchen wurde am Donnerstagabend von der Staatsanwalt befragt, was jedoch keine weiteren Hinweise auf den oder die Täter brachte. Ihre Schwester wurde ein zweites Mal operiert und ist noch nicht ansprechbar.

Nach Informationen des britischen Senders Sky News habe die Tat Züge einer Kommandoaktion gehabt. Jede der drei Leichen aus der britischen Familie sei durch zwei gezielte Schüsse in die Stirn gestorben, berichtete der Sender am Freitag unter Berufung auf britische Polizeiquellen. Der französische Radfahrer, dessen Leiche außerhalb des Fahrzeugs gefunden wurde, hatte fünf Schusswunden. Die Aktion soll nicht länger als 30 Sekunden gedauert haben. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Schüsse von mehreren Schützen abgefeuert wurden.

Einen Ansatzpunkt für die Ermittler bieten die Aussagen des Fahrradfahrers, der die Toten entdeckt und die Polizei gerufen hatte, und einer Passantin: Laut einem Bericht des "Evening Standard" sagten beide, sie hätten im Tatzeitraum ein weißes Allradfahrzeug gesehen. Die Frau sprach von einem "weißen Peugeot 206 oder 306", der mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen sei. Am Steuer habe ein Mann in einem schwarzen T-Shirt gesessen. Sie habe dem Auto ausweichen müssen, um nicht überfahren zu werden.

Warten auf das Ergebnis der Autopsie

Der "Daily Telegraph" zitierte einen Nachbarn der Familie, der Vater habe ihm vor seiner Abfahrt nach Frankreich von Sorgen erzählt. Details habe er der Polizei mitgeteilt. Es habe sich aber definitiv nicht um etwas Politisches gehandelt.

Die "Daily Mail" hatte berichtet, der britische Geheimdienst habe sich in die Ermittlungen eingeschaltet. Der 50-jährige britische Geschäftsmann soll demnach während des zweiten Golfkriegs überwacht worden sein. Nun überprüfe man seine Akte.

Die Opferfamilie ist irakischer Abstammung und lebte in einem Fachwerkhaus im englischen Claygate. Nach BBC-Informationen war der Familienvater unter anderem für Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrtbranche tätig. Die tote Großmutter im Fahrzeug hatte neben einem irakischen einen schwedischen Pass. Laut der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" lebte sie zurückgezogen in Stockholm.

Bevor die Identität der Opfer offiziell bestätigt wird, müssen noch DNA-Proben und Fingerabdrücke verglichen werden. Derzeit werden die Leichen der Mordopfer obduziert, erste Ergebnisse sollen am Freitagnachmittag, eventuell aber auch erst am Samstag mitgeteilt werden.

Das Vorgehen der Polizei wurde in Frankreich scharf kritisiert, nachdem die Beamten rund acht Stunden lang das unverletzte Mädchen im Auto übersehen hatten. Polizeivertreter und Innenminister verteidigten sich gegen Vorwürfe: "Wir hatten die Anweisung, nicht in das Fahrzeug zu steigen, um die Haltung der Leichen nicht zu verändern", sagte ein Polizeisprecher. Staatsanwalt Eric Maillaud hob hervor, es sei von "allergrößter Bedeutung", dass ein Tatort vor Eintreffen der Kriminaltechniker nicht "verschmutzt" werde. Das Mädchen habe bei der Befragung gesagt, sie habe Schreie gehört und Angst gehabt. Sie habe sich verstecken wollen.

Auch der französische Innenminister stellte sich hinter die Beamten: Die Polizei habe "überhaupt keinen" Fehler begangen, Manuel Valls am Freitag dem Sender RTL. "Ich werde mich nicht an so einer nutzlosen und unbegründeten Polemik beteiligen." Polizei, Ermittler, Techniker und Ärzte hätten eine "Arbeit von sehr guter Qualität abgeliefert, und sie haben bei der Fortsetzung ihrer Arbeit mein volles Vertrauen", sagte der Innenminister.

fhu/dpa/AFP/dapd



insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
starsnake 07.09.2012
1. ich hoffe...
das hier bleibt nicht nur sensationsmeldung, sondern wir erfahren auch, was hinter der ganzen Sache steckt, so sie denn aufgeklärt wird, wovon ich eigentlich ausgehe. Gruß
spiegel_affäre 07.09.2012
2. Seltsamer Fall
Frage mich, was wohl dahintersteckt: Ein ehemaliger Angehöriger der Royal Airforce zufällig irgendwo in den franz. Alpen? Ein Killer (oder mehrere?) der ein Mädchen übersieht? Alles sehr merkwürdig. Jetzt ist auch noch der Geheimdienst involviert. Ein Brite aus dem Irak, der dem Geheimdienst bekannt ist, wird während seines Sommerurlaubs in Frankreich ermordet ... Tom Clancy lässt grüßen ...
Nikos K. 07.09.2012
3. Hohlspiegel aufgepasst!
"Jede der drei Leichen aus der britischen Familie sei durch zwei gezielte Schüsse in die Stirn gestorben,[...]."
Flari 07.09.2012
4.
Zitat von spiegel_affäreFrage mich, was wohl dahintersteckt: Ein ehemaliger Angehöriger der Royal Airforce zufällig irgendwo in den franz. Alpen? Ein Killer (oder mehrere?) der ein Mädchen übersieht? Alles sehr merkwürdig. Jetzt ist auch noch der Geheimdienst involviert. Ein Brite aus dem Irak, der dem Geheimdienst bekannt ist, wird während seines Sommerurlaubs in Frankreich ermordet ... Tom Clancy lässt grüßen ...
- Ich könnte mir gut vorstellen, dass man überall weltweit in Touristengebieten auf ehemalige Bundeswehrangehörige treffen kann. - Die Verletzungen des älteren Mädchen sprechen nicht gerade für ein "Übersehen".
KarlNielz 07.09.2012
5. 2 gezielte Kopfschüsse double shot Navyausbildung?
...habe mal im Fernsehen(DMAX/Phönix) mitbekommen, das aufgrund eines kleinen Handwaffenkalibers Britische Einheiten darauf konditioniert wurden, immer zwei Schüsse direkt hintereinander abzugeben, um u.a, bei Geiselbefreiungen sicher zu treffen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.