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14. Juli 2010, 15:43 Uhr

Brunner-Prozess

Schlag auf Schlag

Von , München

Schon am zweiten Verhandlungstag wirft der Todesfall Brunner viele Fragen auf. Wer schlug bei der Auseinandersetzung zuerst zu: Die beiden Angeklagten oder - wie sie behaupten - der von ihnen getötete Dominik Brunner?

Der Fall Dominik Brunner - ein tödlicher Fall von Zivilcourage, ein Fall von beherztem Eingreifen. So ist der Tod des Managers am Münchner S-Bahnhof Solln in den vergangenen zehn Monaten in der Öffentlichkeit gesehen worden.

Jetzt ist der zweite Verhandlungstag im Landgericht München I gekommen, die Version der beiden geständigen Angeklagten wird überprüft - und plötzlich steht die Frage im Raum: Kann es auch zu viel Zivilcourage geben? Überschätzt sich der Einzelne möglicherweise, wenn er auf eigene Faust handelt, geht er ein unkalkulierbares Risiko ein?

Was sich schon am Dienstag im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Gewaltopfers Dominik Brunner abgezeichnet hatte, gewinnt an diesem Mittwoch Kontur. Am 12. September 2009 war Brunner nach einer Schlägerei zu Tode gekommen, das steht fest. Doch nach der Darstellung der Angeklagten und der neuen Zeugenaussage eines Kommissars der Mordkommission scheint es zumindest in den Bereich des Möglichen gerückt, dass Brunner damals als Erster zugeschlagen hat.

Die Darstellung des Tatablaufs durch die Angeklagten Markus Sch., 18, und Sebastian L., 18, ist demnach offenbar etwas anderes als bloß ein feiges Beschönigen oder Herausreden.

Den ersten Schlag geführt

Selbst die Anwältin, welche die Nebenklage für Brunners Vater vertritt, spricht vor Gericht davon, dass das spätere Opfer zu Beginn des Kampfes "in Boxhaltung" vor den Angeklagten stand. Aus mehreren Notrufen, die Zeugen zu Beginn der einminütigen körperlichen Auseinandersetzung zwischen Brunner und den beiden Jugendlichen abgesetzt hatten, geht hervor, dass Brunner den ersten Schlag geführt haben soll, dann stolperte und zu Boden ging.

Zeugen berichteten auch davon, dass Markus nach diesem ersten Hieb im Gesicht blutete. Eine junge Frau, die aus der haltenden S-Bahn heraus beobachtet hatte, wie Dominik Brunner "in Drohgebärde" und "aggressiver Haltung" vor den später Angeklagten stand, meldete sich daraufhin bei der Polizei und berichtete, der ältere Mann habe einen der beiden Jugendlichen gegen den S-Bahn-Waggon geschubst, die jungen Männer hätten "perplex" dagestanden.

Nach den Einlassungen der Angeklagten am ersten Prozesstag, die mit all diesen Zeugenaussagen übereinstimmen, schrie manche Zeitung empört auf, nun gäben die ruchlosen jungen Schläger auch noch ihrem Opfer die Schuld. Abgesehen davon, dass sie den Tatablauf keineswegs so dargestellt und sich auch zu ihrer Tat bekannt hatten - der tragische Tod Dominik Brunners wirft mehr Fragen auf als zunächst angenommen.

Mit dem Leben gebüßt

Postum wurde und wird der Manager zum Helden stilisiert, der auf vorbildliche Weise Zivilcourage bewiesen habe und dafür mit dem Leben büßen musste. Stiftungen wurden gegründet, die sich auf seinen mutigen Einsatz berufen. Auf öffentlichen Veranstaltungen, an denen Tausende teilnahmen, wurde das Nicht-Wegsehen, das Sich-Einmischen und tatkräftige Eingreifen in Situationen propagiert und gefeiert. Warnungen der Polizei, solche Konfrontationen zu meiden und nicht von sich aus die Auseinandersetzung mit potentiellen Gewalttätern zu suchen, schienen ignoriert zu werden.

Ist der Fall Brunner daher vielleicht ein abschreckender Beleg dafür, dass Zivilisten couragiertes Eingreifen doch besser Polizisten und Sicherheitskräften überlassen sollten - weil sie sich in einem Zuviel an Zivilcourage zu überschätzen drohen?

Möglicherweise hat sich so mancher in dem Fall zu früh ein Bild gemacht, selbst bei der Polizei. So lautete die erste Information des Kriminaloberkommissars, der im Ermittlungsverfahren gegen Sch. und L. der Sachbearbeiter war, ein Mann sei am S-Bahnhof Solln erschlagen worden. Andere Beamte vor Ort waren darüber informiert, die Täter seien flüchtig.

Auf die Frage von Markus' Verteidiger Maximilian Pauls, ob sein Mandant bei der Beschuldigtenvernehmung an jenem 12. September 2009 irgendwelche Verletzungen im Gesicht gehabt habe, antwortete jener Kriminaloberkommissar: "Davon ist mir nichts erinnerlich. Er hat ja nur zu Boden geschaut."

Dem Beschuldigten ins Gesicht zu sehen, diese Mühe machte man sich anscheinend nicht. Der "blutende Mann", von dem in ersten Augenzeugenberichten die Rede war, konnte nur Brunner gewesen sein.

Wer denn sonst?

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