Brunner-Prozess Schlag auf Schlag

Schon am zweiten Verhandlungstag wirft der Todesfall Brunner viele Fragen auf. Wer schlug bei der Auseinandersetzung zuerst zu: Die beiden Angeklagten oder - wie sie behaupten - der von ihnen getötete Dominik Brunner?

REUTERS

Von , München


Der Fall Dominik Brunner - ein tödlicher Fall von Zivilcourage, ein Fall von beherztem Eingreifen. So ist der Tod des Managers am Münchner S-Bahnhof Solln in den vergangenen zehn Monaten in der Öffentlichkeit gesehen worden.

Jetzt ist der zweite Verhandlungstag im Landgericht München I gekommen, die Version der beiden geständigen Angeklagten wird überprüft - und plötzlich steht die Frage im Raum: Kann es auch zu viel Zivilcourage geben? Überschätzt sich der Einzelne möglicherweise, wenn er auf eigene Faust handelt, geht er ein unkalkulierbares Risiko ein?

Was sich schon am Dienstag im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Gewaltopfers Dominik Brunner abgezeichnet hatte, gewinnt an diesem Mittwoch Kontur. Am 12. September 2009 war Brunner nach einer Schlägerei zu Tode gekommen, das steht fest. Doch nach der Darstellung der Angeklagten und der neuen Zeugenaussage eines Kommissars der Mordkommission scheint es zumindest in den Bereich des Möglichen gerückt, dass Brunner damals als Erster zugeschlagen hat.

Die Darstellung des Tatablaufs durch die Angeklagten Markus Sch., 18, und Sebastian L., 18, ist demnach offenbar etwas anderes als bloß ein feiges Beschönigen oder Herausreden.

Den ersten Schlag geführt

Selbst die Anwältin, welche die Nebenklage für Brunners Vater vertritt, spricht vor Gericht davon, dass das spätere Opfer zu Beginn des Kampfes "in Boxhaltung" vor den Angeklagten stand. Aus mehreren Notrufen, die Zeugen zu Beginn der einminütigen körperlichen Auseinandersetzung zwischen Brunner und den beiden Jugendlichen abgesetzt hatten, geht hervor, dass Brunner den ersten Schlag geführt haben soll, dann stolperte und zu Boden ging.

Zeugen berichteten auch davon, dass Markus nach diesem ersten Hieb im Gesicht blutete. Eine junge Frau, die aus der haltenden S-Bahn heraus beobachtet hatte, wie Dominik Brunner "in Drohgebärde" und "aggressiver Haltung" vor den später Angeklagten stand, meldete sich daraufhin bei der Polizei und berichtete, der ältere Mann habe einen der beiden Jugendlichen gegen den S-Bahn-Waggon geschubst, die jungen Männer hätten "perplex" dagestanden.

Nach den Einlassungen der Angeklagten am ersten Prozesstag, die mit all diesen Zeugenaussagen übereinstimmen, schrie manche Zeitung empört auf, nun gäben die ruchlosen jungen Schläger auch noch ihrem Opfer die Schuld. Abgesehen davon, dass sie den Tatablauf keineswegs so dargestellt und sich auch zu ihrer Tat bekannt hatten - der tragische Tod Dominik Brunners wirft mehr Fragen auf als zunächst angenommen.

Mit dem Leben gebüßt

Postum wurde und wird der Manager zum Helden stilisiert, der auf vorbildliche Weise Zivilcourage bewiesen habe und dafür mit dem Leben büßen musste. Stiftungen wurden gegründet, die sich auf seinen mutigen Einsatz berufen. Auf öffentlichen Veranstaltungen, an denen Tausende teilnahmen, wurde das Nicht-Wegsehen, das Sich-Einmischen und tatkräftige Eingreifen in Situationen propagiert und gefeiert. Warnungen der Polizei, solche Konfrontationen zu meiden und nicht von sich aus die Auseinandersetzung mit potentiellen Gewalttätern zu suchen, schienen ignoriert zu werden.

Ist der Fall Brunner daher vielleicht ein abschreckender Beleg dafür, dass Zivilisten couragiertes Eingreifen doch besser Polizisten und Sicherheitskräften überlassen sollten - weil sie sich in einem Zuviel an Zivilcourage zu überschätzen drohen?

Möglicherweise hat sich so mancher in dem Fall zu früh ein Bild gemacht, selbst bei der Polizei. So lautete die erste Information des Kriminaloberkommissars, der im Ermittlungsverfahren gegen Sch. und L. der Sachbearbeiter war, ein Mann sei am S-Bahnhof Solln erschlagen worden. Andere Beamte vor Ort waren darüber informiert, die Täter seien flüchtig.

Auf die Frage von Markus' Verteidiger Maximilian Pauls, ob sein Mandant bei der Beschuldigtenvernehmung an jenem 12. September 2009 irgendwelche Verletzungen im Gesicht gehabt habe, antwortete jener Kriminaloberkommissar: "Davon ist mir nichts erinnerlich. Er hat ja nur zu Boden geschaut."

Dem Beschuldigten ins Gesicht zu sehen, diese Mühe machte man sich anscheinend nicht. Der "blutende Mann", von dem in ersten Augenzeugenberichten die Rede war, konnte nur Brunner gewesen sein.

Wer denn sonst?

insgesamt 232 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
buutzemann 14.07.2010
1. ich finde dass so widerwärtig, perfide und erbärmlich,
Zitat von sysopSchon am zweiten Verhandlungstag wirft der Todesfall Brunner viele Fragen auf. Wer schlug bei der Auseinandersetzung zuerst zu: Die beiden Angeklagten oder - wie sie behaupten - der von ihnen getötete Dominik Brunner? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,706499,00.html
...dem ermordeten eine mitschuld zuzuschieben, dass mir die richtigen worte fehlen. noch einmal: der beginn der aggression ist nicht die eventuell eingenommene box- oder schutzhaltung des herrn brunner, sondern die gewalt der beiden täter gegenüber den kindern und die pöbeleien gegenüber herrn brunner. manchmal fragt man sich wirklich, auf welchem planeten die justiz zu hause ist.
rkinfo 14.07.2010
2. Faust um Faust ?
Zitat von sysopSchon am zweiten Verhandlungstag wirft der Todesfall Brunner viele Fragen auf. Wer schlug bei der Auseinandersetzung zuerst zu: Die beiden Angeklagten oder - wie sie behaupten - der von ihnen getötete Dominik Brunner? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,706499,00.html
Als Erstes gab es jene Erpressung der anderen Jugendlichen - längst vor Gericht separat abgehandelt. Dann die Frage ob Brunner jeden Schlag aus nachvollziehbaren Gründen führen mußte. Und selbst wenn es aggressiv weshalb flohen die beiden Jugendlichen nicht obwohl sie ja als Erpresser schon tätig gewesen waren ? Der Anfang mag jetzt strittig sein. Aber danach verprügelten zwei Jugendliche mit äußerster Gewalt einen 50-jährigen und zig Leute sahen zu. Und der Grund für Brunner = Hilfeleistung für die anderen Jugendlichen und die Schläger = Rachegelüste sind ja auch klar. Problematisch nur dass nicht von Anfang an der 'Totschlag' statt 'Mord' im Raum stand. Jetzt wird der Anfang eben juristisch sehr bedeutsam obwohl er für die schlimmen Folgen keine Bedeutung hatte.
pirx64 14.07.2010
3. Und selbst wenn
Und selbst wenn Herr Brunner zuerst zuschlug, dies rechtfertigt immer noch keine brutale Tötung.
jury 14.07.2010
4. Schwarze
Zitat von buutzemann...dem ermordeten eine mitschuld zuzuschieben, dass mir die richtigen worte fehlen. noch einmal: der beginn der aggression ist nicht die eventuell eingenommene box- oder schutzhaltung des herrn brunner, sondern die gewalt der beiden täter gegenüber den kindern und die pöbeleien gegenüber herrn brunner. manchmal fragt man sich wirklich, auf welchem planeten die justiz zu hause ist.
Alles, was den Justizapparat aufbläht und mit Geld versorgt, ist jedem Insider RECHT.
dashaeseken 14.07.2010
5. Nur noch widerwärtig
was man da mit dem toten Opfer der beiden höchst brutalen jungen Schläger macht...natürlich würde ich auch in Kampfstellung gehen, wenn 3 betrunkene Schläger mir gegenüberstehen. Das ändert doch aber nichts an der Tatsache, daß die 3 "Helden" die Kinder bepöbelt haben und sie bestehlen wollten und in ihrem Suff und Wahn einen tapferen Mann wie Tiere zu Tode geprügelt und getreten haben. Selbst wenn er zuerst zugeschlagen haben sollte, was ich aber nicht glaube, hätte er damit Notwehr nicht überschritten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.