Zugriff in Budapest Hintermann der "Enkeltrick-Mafia" gefasst

Ein Clan hat mit einem perfiden Trick Millionen Euro von Senioren in Deutschland ergaunert. Nun ist einer der mutmaßlich aktivsten Hintermänner in Budapest gefasst worden.

Enkeltrick-Hintermann "Lolli"
SPIEGEL TV

Enkeltrick-Hintermann "Lolli"

Von und Henrik Neumann, Budapest


Der Gangsterboss fliegt Holzklasse, zwangsweise. In der hintersten Reihe von Germanwings-Flug 7783 von Budapest nach Hamburg sitzt er am Mittwochmittag gefesselt, umringt von Zielfahndern des LKA. Es soll die vorerst letzte Reise von Marcin Kolompar sein, in Fahnderkreisen besser bekannt unter seinem Spitznamen "Lolli". Auf die Frage des SPIEGEL-TV-Reporters an Bord nach seinem Befinden entgegnet Lolli: "Ich hab nichts gemacht." Dann führen ihn die maskierten Beamten in einen Streifenwagen auf dem Rollfeld.

Gelebt hat er die letzten Jahre wie ein König, mal in Warschau, Danzig oder Posen. Fotos zeigen den 29-Jährigen bei rauschenden Festen seiner Familie in polnischen Nobelhotels, auf Facebook postete er Fotos des Fuhrparks: Ferrari, Porsche, Mercedes. Im feinen Zwirn samt Lederhandschuhen, wie sie bei Oldtimer-Fahrern beliebt sind, posiert "Lolli" im Garten der Anlage.

Er kann es sich wohl leisten: Als einer der aktivsten Hintermänner der "Enkeltrick-Mafia" soll er in den vergangenen Jahren Millionen verdient haben. Ergaunert per Telefon von Dutzenden gutgläubigen Senioren im gesamten deutschsprachigen Raum, davon sind Ermittler überzeugt.

Enkeltrick-Hintermann "Lolli"

Enkeltrick-Hintermann "Lolli"

Drei EU-Haftbefehle wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs liegen gegen Marcin Kolompar vor, zwei Jahre war er auf der Flucht. Erwischt hat es ihn vor neun Tagen schließlich in Budapest, ganz in der Nähe seiner Wohnung in einem Luxus-Apartment-Hotel im achten Bezirk. Endgültig klären konnten die ungarischen Beamten die Identität des Festgenommenen erst auf der Wache. Denn auf zwei Pässen, die Marcin Kolompar mit sich führte, hieß der mutmaßliche Betrüger ganz anders.

"Auf diesen Tag habe ich lange gewartet. Er hat sehr vielen Menschen sehr viel Leid zugefügt", sagt ein Fahnder nach der Festnahme.

Immer wieder kam die Polizei ihm auf die Spur, immer wieder verpassten sie ihn nur knapp. So wie im Mai 2014, als Polizisten mehrere Wohnungen in Warschau stürmten. Sie erwischten Lollis Vater Arkadiusz Lakatosz, genannt "Hoss", Pate eines riesigen Verbundes von Roma-Clans, dessen Verästelungen auf Schaubildern in Polizeidienststellen ganze Wände füllen.

"Hoss" Lakatosz, der als Erfinder der Enkeltrick-Masche gilt und lange in Hamburg lebte, kam nach der Razzia in Warschau für einige Monate in Haft. Nach einer Kautionszahlung von 120.000 Euro setzte ihn die polnische Justiz wieder auf freien Fuß. Mittlerweile ist er flüchtig. "Solche Kautionsbeträge zahlen die aus der Portokasse, mit dem Geld der Opfer", beklagt sich ein Ermittler, der sich seit Jahren mit den Clans beschäftigt.

"Lolli ist einer der Besten am Telefon"

Deutsche Beamte wundern sich über aufgeschobene Prozesse, milde Auflagen und fehlende Verurteilungen von Enkeltrick-Betrügern im Nachbarland. Polen ist der wichtigste Rückzugsort der Telefongangster, die bequem aus zu Callcentern umfunktionierten Wohnungen ihre Opfer kontaktieren.

Es ist ein alter, aber immer noch hoch profitabler Trick. Die Anrufer, im Täterjargon "Keiler" genannt, durchforsten Telefonbücher nach alt klingenden Namen und geben sich am Telefon als in Not geratene Verwandte oder Freunde aus. Hunderte Anrufe tätigt ein Keiler an einem normalen Arbeitstag. Beißt ein Opfer an, sind die Schadenssummen oft immens, die grenzüberschreitenden Ermittlungen gestalten sich schwierig.

Ein Sprung aus dem Fenster während der Warschauer Razzia gegen Hoss im Jahr 2014 rettete Sohn Lolli seinerzeit vor einer Festnahme, seitdem war er abgetaucht. Und er vergrößerte offenbar sein ohnehin stattliches Vermögen immer weiter. Der unter seiner Beteiligung entstandene Schaden, den ihm die Abteilung für organisierte Kriminalität der Staatsanwaltschaft Hamburg allein für die zwei Jahre vor seiner Flucht in Warschau nachweisen will, liegt bei rund 1,4 Millionen Euro. Hinzu kommt Schmuck im Wert von etwa 300.000 Euro. Die Dunkelziffer nicht nachweisbarer Taten dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Innerhalb der Tausende Mitglieder starken Clans genießt Lolli einen besonderen Ruf, wird bewundert für sein Geschick am Hörer und seinen ausschweifenden Lebensstil. Er gilt als aggressiv und rücksichtslos. "Lolli ist einer der Besten am Telefon, und er hat Stil", berichtet ein Insider.

"Lolli" auf dem Rollfeld in Hamburg

Endgültig zur Legende in Clan-Kreisen wurde der Vieltelefonierer wohl durch eine Tat in Österreich im Juli vergangenen Jahres. Eine 82-jährige Geschädigte glaubte in der Leitung einen alten Freund aus der Kriegszeit wiedererkannt zu haben. Mit einer Lügengeschichte über einen dubiosen Immobilienkauf brachte die Stimme am Telefon die alte Dame schließlich dazu, einem Abholer an der Haustür ihre Ersparnisse als vermeintliche Leihgabe zu überlassen. Der Schaden: 640.000 Euro, die zweithöchste jemals bekannt gewordene Beute bei einem einzigen Enkeltrick.

Im Laufe der Ermittlungen hörte die Polizei weitere Gespräche zwischen Täter und Opfer ab. Denn dem Betrüger, der mit einer Nummer aus Danzig anrief, war die Beute noch nicht hoch genug, immer weiter terrorisierte er die gebrechliche Frau mit Anrufen, setzte sie unter Druck und verlangte mehr Geld.

"Schatzi, ich bitte dich, du musst das versuchen, ich bitte dich, tu mir den Gefallen, sonst verlieren wir alles, verstehst du? Ich möchte dir dein Geld zurückgeben und die Sache hier abschließen. Wir wollen nicht ein noch größeres Problem haben", fleht der Betrüger mit der dunklen Stimme in den Aufnahmen, die SPIEGEL TV in Auszügen vorliegen. Ein Gutachter der österreichischen Behörden, der die Gespräche analysierte, war sich schnell sicher: Der angebliche Jugendfreund der Seniorin war Marcin Kolompar, Lolli. Das Opfer aus Österreich ist schwer traumatisiert.

Nach der Überstellung nach Hamburg soll Lolli nun zunächst in Deutschland der Prozess gemacht werden. Ob seine mutmaßlichen Opfer jemals etwas von ihrem Geld wiedersehen, ist fraglich. Bis zuletzt gaben Lolli und Familie das verdiente Geld offenbar mit vollen Händen aus. Seit der Festnahme vor zehn Tagen in Budapest herrscht in den Restaurants und Geschäften in der Nachbarschaft von Lollis letztem Versteck Katerstimmung. "Seitdem sie weg sind, ist der Umsatz bei allen um 50 Prozent zurückgegangen", sagt Kellner Janosch, der in einem Café um die Ecke von Lollis Apartment arbeitet. "Es war eine sehr große Gruppe. Sie haben hier jeden Tag gegessen, waren immer gut gekleidet, und sie sprachen fließend Deutsch."

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