Bürgermeister erschossen "Eine hässliche Exekution im Stil der Camorra"

Tod auf offener Straße: Bei Neapel haben Unbekannte einen beliebten Bürgermeister mit mehreren Schüssen getötet. Beobachter vermuten einen Racheakt der Mafia, Politiker rufen angesichts des Mordes zum Krieg gegen die organisierte Kriminalität auf.

Der Bürgermeister von Pollica, Angelo Vassallo: Von der Camorra hingerichtet?
AP

Der Bürgermeister von Pollica, Angelo Vassallo: Von der Camorra hingerichtet?


Pollica - Sein Tod war um jeden Preis gewollt: Mit mindestens neun Schüssen streckten Unbekannte in der Nacht zum Montag den Bürgermeister von Pollica, Angelo Vassallo, nieder. Augenzeugen berichteten der Polizei, die Täter hätten dem 57-Jährigen vor dessen Haus aufgelauert. Als Vassallo gegen 21 Uhr in seinem Audi vorfuhr, hätten sie ihm in den Kopf, den Hals und ins Herz geschossen. Der Bruder des Opfers fand die Leiche später zusammengesackt am Steuer des Wagens.

Erst im März war der 57-jährige Abgeordnete der Demokratischen Partei PD zum vierten Mal zum Bürgermeister gewählt worden. Vassallo war als engagierter Umweltschützer, als "Sindaco-Pescatore" (Fischer-Bürgermeister) bekannt, der auch zu harschen Mitteln griff, um die Schönheit des Nationalparks Cilento zu bewahren. Im Januar hatte er eine Verfügung auf den Weg gebracht, die das Wegwerfen von Zigarettenstummeln mit einem Bußgeld von 1000 Euro bestraft. Unter seiner Regie konnte zudem die Wasserqualität an der Küste von Pollica extrem verbessert werden.

Ein Polizeisprecher sagte, die Tat aus dem Hinterhalt erinnere an Hinrichtungen der Camorra. Pollica, eine kleine Gemeinde in der Provinz Salerno mit knapp 2500 Einwohnern, liegt nicht weit von Neapel, der Hochburg der kampanischen Mafia. In dem Küstenort machen viele Nordeuropäer Urlaub, auch zahlreiche Deutsche.

Zu viele Kugeln für eine einzelne Person seien das gewesen, urteilte auch der zuständige Vizestaatsanwalt, Alfredo Greco, kurz nach dem Anschlag: "Das Ganze sieht aus wie eine hässliche Exekution im Stil der Camorra", sagte er dem Fernsehsender Sky Tg24. Schon seit geraumer Zeit sei der Politiker beunruhigt gewesen, habe sich Sorgen um seine Sicherheit gemacht. "Er war ein Mann, der gegen Kriminalität gekämpft hat und der stets an vorderster Front stand."

Auch ein Freund Vassallos, der Richter Raffale Marino, sagte dem Mailänder "Corriere della sera" zufolge, er sei sicher, dass die Tat auf das Konto der Camorra gehe. "Er wurde für ein Nein zuviel ermordet", sagte er. "Ein Nein an Menschen, die keine negativen Antworten ertragen."

Nach Vassallos Ermordung blieben die meisten Geschäfte und Lokale in Pollica am Montag geschlossen. Die Polizei hat in Vassallos Büroräumen im Rathaus mit den Ermittlungen begonnen. Jetzt sollen Akten und Daten aus dem Computer analysiert werden.

Politisch war der verheiratete Vater von zwei Kindern umstritten. Selbst Mitglied der Oppositionspartei PD, stand er der Linken im Land kritisch gegenüber und äußerte sich unlängst sogar positiv über die fremdenfeindliche Lega Nord von Umberto Bossi, die zumindest in Sachen schnelle Entscheidungen den Linken etwas voraushabe, wie er sagte.

Politiker jeder Couleur äußerten sich am Montag bestürzt über das blutige Ende des Bürgermeisters. Der Mord an Vassallo sei "ein Anschlag auf die Institutionen, auf das ganze Land", erklärte Berlusconis Gleichstellungsbeauftragte, Ministerin Mara Carfagna. "Heute trauern alle um Angelo Vassallo und erklären der Gewalt und jeder Form von Einschüchterungsversuchen den Krieg."

Als eine "brutale Geste" bezeichnete Vassallos Parteigenossin Laura Garavini, Mitglied der parlamentarischen Antimafia-Kommission, den Anschlag: Bisher habe das Cilento als Territorium gegolten, in dem die Camorra noch nicht Fuß gefasst habe. "Aber der Mord zwingt uns, diese Einschätzung zu revidieren."

Für die Ermittler ist die offenbar so klare Verbindung zur örtlichen Mafia jedoch nur ein Punkt unter vielen. "Es gibt viele Spuren, die wir verfolgen müssen", sagte Vizestaatsanwalt Alfredo Greco. Bisher wisse man noch nicht einmal, ob es sich um einen oder mehrere Täter handele. "Alles ist möglich."

ala/AFP/apn/dpa



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