Bundesgerichtshof-Urteil Prozess um verbrannten Asylbewerber wird neu aufgerollt

Der Afrikaner Ouri Jallow verbrannte in einer Dessauer Polizeizelle - das dortige Landgericht sprach einen Polizisten von jeglicher Schuld frei. Jetzt hat der Bundesgerichtshof das Urteil gekippt: Der Fall wird neu aufgerollt.
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Der Fall Ouri Jallow: Tauziehen vor Gericht

Foto: Peter Endig/ picture-alliance/ dpa

Karlsruhe - Der Prozess um den Feuertod des Asylbewerbers Ouri Jallow in einer Dessauer Polizeizelle muss neu aufgerollt werden. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) am Donnerstag entschieden. Nach Auffassung der Karlsruher Richter weist das Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau vom Dezember 2008 zahlreiche Lücken auf.

Ouri Jallow aus Sierra Leone verbrannte auf den Tag genau vor fünf Jahren in Polizeigewahrsam, nachdem er laut Ermittlungen in der Ausnüchterungszelle seine Matratze selbst angezündet hatte. Das Landgericht Dessau hatte im vergangenen Jahr den diensthabenden Gruppenleiter der Polizei vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen. Rettung sei auch bei sofortigem Eingreifen nicht möglich gewesen.

Die Staatsanwaltschaft Dessau und Angehörige des Opfers legten daraufhin gegen den Freispruch Revision ein, über die der 4. Strafsenat im Dezember nun verhandelt hat. In der mündlichen Revisionsverhandlung vor drei Wochen stellten die Richter bereits zahlreiche kritische Fragen zur Ausbreitung des Feuers und den Zeitberechnungen des Landgerichts Dessau. Da zwischen dem Anzünden der Matratze und dem Ausbruch des Feuers einige Zeit vergangen sein müsse, seien zwei Zeitberechnungen erforderlich.

Der BGH äußerte auch Zweifel, dass das an Händen und Beinen an der Matratze fixierte Opfer nicht geschrien haben soll. Gehe ein Gericht von einem so atypischen Geschehensverlauf aus, müssten die Feststellungen besonders sorgfältig sein, sagte die BGH-Vorsitzende Ingeborg Tepperwien in der mündlichen Revisionsverhandlung.

Der damals 23-jährige Jallow war in Dessau festgenommen worden, weil sich Frauen von dem alkoholisierten Mann belästigt gefühlt und die Polizei gerufen hatten. Er starb am 7. Januar 2005 in einer Ausnüchterungszelle - Todesursache war ein Hitzeschock durch einen Brand. Jallow soll das Feuer selbst gelegt haben, obwohl man ihn liegend an Händen und Füßen gefesselt hatte.

(Aktenzeichen: Bundesgerichtshof 4 StR 413/09)

jdl/APD/dpa
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