Bundeskriminalamt Organisierte Kriminalität unterwandert Wirtschaft

Erschreckende Aussichten: Die Organisierte Kriminalität in Deutschland unterwandert zunehmend legale Wirtschaftszweige. Im vergangenen Jahr soll das Milieu fast eine halbe Milliarde Euro umgesetzt haben, wie das Bundeskriminalamt nun mitteilt.


Berlin - Nach Beobachtung des Bundeskriminalamts (BKA) werden etwa illegale Gewinne in Speditionen investiert, mit denen dann Rauschgift transportiert wird. Nach dem am Mittwoch in Berlin vorgelegten Bericht des BKA ist Organisierte Kriminalität weiterhin ein lohnendes Geschäft. 2007 wurden damit schätzungsweise 481 Millionen Euro Gewinne erzielt.

Der dominierende Wirtschaftszweig ist der international agierende Drogenhandel. Während Autodiebstähle weiter rückläufig sind, werden immer mehr Navigationsgeräte gestohlen. 2007 waren es 54.232 Geräte, 2004 erst 10.637. "Navigationsgeräte sind der Renner im Moment", sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke. Besonders hoher Schaden entsteht durch Wirtschaftskriminalität. Ziercke forderte, das illegal erzielte Vermögen noch konsequenter abzuschöpfen. Als Maßnahme gegen die Kinderpornografie will er Gesetze, um einschlägige Seiten im Internet zu blockieren.

Der Großteil der Kinderpornografie im Internet werde über kommerzielle Webseiten verbreitet. Die Verantwortlichen kassierten Millionenbeträge. Die massenhafte Verbreitung schaffe immer neue Nachfrage, konstatierte Ziercke. Beim Vertrieb über das Internet stieg die Zahl der Fälle 2007 um 111 Prozent auf 6206. Tausende Beschuldigte gerieten ins Visier der Ermittler. Allein 12.000 in der "Operation Himmel" 2006/2007 in Berlin. Die missbrauchten Kinder werden den Angaben zufolge immer jünger. 2007 waren 1849 Opfer jünger als sechs Jahre.

"Realer Missbrauch"

"Hinter jedem Bild steht der reale Missbrauch eines Kindes", sagte Carmen Kerger von der Hamburger Hilfsorganisation "Dunkelziffer". Nach Angaben des Bundesinnenministeriums ist eine Sperrung von Webseiten auch heute schon möglich. Ein weiteres Vorgehen müsse international abgestimmt werden.

Im Gesamtbereich der Organisierten Kriminalität gab es 2007 laut BKA 602 Verfahren. Die Beamten ermittelten gegen 10.356 Tatverdächtige. 42 Prozent der Verdächtigen waren Deutsche. Trotz eines rückläufigen Trends blieben die Verfahrenszahlen auf hohem Niveau. Der 2007 ermittelte Schaden lag bei 457,5 Millionen Euro. Der Rückgang um 66 Prozent erklärt sich aus zwei großen Schadensfällen 2006. Von den auf 481 Millionen Euro geschätzten Gewinnen wurden lediglich 38,5 Millionen abgeschöpft. Ziercke beklagte hier ein deutliches Missverhältnis. Das Vermögen werde oft rasch ins Ausland gebracht. Die Gruppen der Organisierten Kriminalität setzten zunehmend modernste technische Mittel ein, um Überwachungen zu entgehen.

Nach Feststellung des BKA agieren in Deutschland auch Mafia-Gruppen. Seit 1998 wurde in 368 Verfahren mit 4000 Tatverdächtigen gegen italienisch dominierte Gruppen ermittelt. In Deutschland konnten, so Ziercke, 65 Topbosse festgenommen werden. Nach den Mafia-Morden in Duisburg sei der Ermittlungsdruck groß geworden.

Hauptgeschäft: Drogen

Ein Hauptzweig der Organisierten Kriminalität in Deutschland bleibt das Drogengeschäft. Rauschgifthandel und -schmuggel haben einen Anteil von 37 Prozent. Im ersten Halbjahr 2008 stieg die Zahl der erstmals polizeilich aufgefallenen Konsumenten harter Drogen laut Ziercke um zwei Prozent, die Zahl der Drogentoten um 20 Prozent.

Afghanistan bleibt der größte Opiumproduzent, das Kokain kommt vorwiegend aus Südamerika. Sorgen macht sich das BKA über die heimische Anpflanzung von Cannabis. "Indoor-Plantagen" ermöglichten durch spezielle Methoden sehr viel höhere Produktionsmengen.

Die Wirtschaftskriminalität verursachte 2007 mit 4,1 Milliarden Euro (1,4 Prozent aller Delikte) mehr als die Hälfte des erfassten Gesamtschadens. Der Organisierten Wirtschaftskriminalität ordnet das BKA für 2007 einen Schaden von 327 Millionen Euro zu. Im Zusammenhang mit der Krise am US-Hypothekenmarkt ermittelt das BKA gegen zwei deutsche Banken, die IKB und die SachsenLB.

Bei Betrügereien mit Zahlungskarten weist der Bericht für 2007 einen Steigerung von 49 Prozent aus. Im ersten Halbjahr 2008 wurden bereits 440 Manipulationen an Geldautomaten festgestellt, fast soviel wie im gesamten Jahr 2007. Laut BKA agieren hier zunehmend internationale Tätergruppen. Ziercke appellierte an die Automatenhersteller und die Banken, die technischen Vorkehrungen zu verbessern.

jdl/dpa

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