Prozess gegen KSK-Ausbilder Der Elitesoldat und sein geheimes Waffenlager

Ein Ausbilder der Bundeswehr hatte in Erddepots Waffen und Sprengstoff vergraben. Vor dem Landgericht Leipzig erklärt der Mann nun, er habe nur »Engpässe bei Munition und Ausrüstung« vermeiden wollen.
Aus Leipzig berichtet Wiebke Ramm
Der Angeklagte vor dem Landgericht in Leipzig: In seinem Haus entdeckten die Ermittler auch jede Menge NS-Devotionalien

Der Angeklagte vor dem Landgericht in Leipzig: In seinem Haus entdeckten die Ermittler auch jede Menge NS-Devotionalien

Foto: JENS SCHLUETER / AFP

Das Foto zeigt eine Vorortidylle. Ein weißes Einfamilienhaus mit rotem Dach, daneben ein Carport, umgeben von einem großen Garten. Auf den nächsten Fotos, die der Vorsitzende Richter am Freitag im Saal 115 des Landgerichts Leipzig zeigt, ist von dem gepflegten Rasen nur noch eine Kraterlandschaft übrig. Zwischen den Fotos liegen zwei Tage im Mai 2020. Das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen hat den Garten im nordsächsischen Örtchen Collm damals mit einem Bagger umgraben lassen. Die Ermittler fanden in mehreren Erddepots ein AK-47-Sturmgewehr, rund 6000 Schuss Munition und zwei Kilogramm Sprengstoff. Auf dem Anwesen fanden sie auch Reste einer verschossenen Panzerfaust, Rauch- und Übungsgranaten, einen Schalldämpfer, Sprengzünder und NS-Devotionalien. Haus und Garten gehören Philipp Sch., Elitesoldat der Bundeswehr.

Seit diesem Freitag muss sich Philipp Sch. vor der 6. Großen Strafkammer wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz verantworten.

Philipp Sch. ist 45 Jahre alt, geschieden und mittlerweile wieder verlobt. Seinen kahl geschorenen Kopf hält er gesenkt. Seit 2001 ist er Berufssoldat, seit 2011 gehörte er dem Kommando Spezialkräfte (KSK), einer Eliteeinheit der Bundeswehr, an.

»Engpässe bei Munition und Ausrüstung«

Philipp Sch. schweigt nicht zu den Vorwürfen. Vor Gericht verliest er einen vorbereiteten Text. Und so wie er es darstellt, hat er die Tausenden Schuss Munition, die zwei Kilogramm Sprengstoff, die Zünder, die Rauchgranaten, die Kalaschnikow und all die anderen Dinge quasi aus pädagogischen Gründen in seinem Garten vergraben. Am Ende seiner Einlassung wird er auf der Anklagebank in Tränen ausbrechen. 

Philipp Sch. war beim KSK zuletzt als Ausbilder tätig. Und mit dieser Ausbildungstätigkeit begründet er sein unterirdisches Waffenlager zu Hause in Collm. Er spricht von einer »Misswirtschaft« bei der Bundeswehr und davon, dass es auch bei dem KSK immer wieder »Engpässe bei Munition und Ausrüstung« gegeben habe. Dabei sei »einsatznahes Training« wichtiger Bestandteil der Ausbildung. 

»Um den Ausbildungserfolg sicherzustellen«, habe er irgendwann begonnen, ein eigenes Lager anzulegen. Über Jahre hinweg habe er aus Restbeständen der Bundeswehr Munition und anderes Material abgezweigt, um sie bei Übungen einzusetzen. »Für mich selbst war es ein persönliches Anliegen, die mir anvertrauten Soldaten bestmöglich auszubilden.«

Schweineköpfe und Hitlergruß

Bis 2017 habe er die Waffen und Munition in einer verschlossenen Kiste in seinem Büro am KSK-Standort im baden-württembergischen Calw gelagert. Dass er das nicht durfte, war ihm offenbar klar. Denn im Frühjahr 2017 brachte er die Sachen zu sich nach Hause ins sächsische Collm – angeblich, um die 2. Kompanie des KSK, zu der er gehörte, nicht weiter in Verruf zu bringen, sollte sein Munitionslager entdeckt werden.

Denn im Frühjahr waren skandalöse Vorkommnisse bei einer Abschiedsfeier für den Chef der 2. Kompanie, Pascal D., bekannt geworden. Bei der Party im April 2017 soll rechte Musik gespielt, mit Schweineköpfen geworfen und der Hitlergruß gezeigt worden sein. Eine Frau, die damals dabei war, machte die Sache publik. Der Militärgeheimdienst (MAD) wurde aktiv, die Staatsanwaltschaft ermittelte. Einer der Partygäste war Philipp Sch. Auch er soll laut Zeugin den Hitlergruß gezeigt haben. 

Vor Gericht sagt Sch. nun, dass er damals aufgrund der Ermittlungen wegen der Abschiedsfeier beschlossen habe, die gebunkerte Munition aus Calw fortzuschaffen. In Collm vergrub er sie in seinem Garten. Über mögliche Konsequenzen habe er nicht nachgedacht. Er habe sich gar keine weiteren Gedanken gemacht.

»Der Umgang mit Waffen und Sprengmittel ist für Soldaten Normalität«, sagt er. Für ihn habe es sich schlicht um »Arbeitswerkzeug« gehandelt. Überhaupt sei der Umgang mit Waffen beim KSK »äußerst Laissez-faire« gewesen. 

Im Jahr 2020 habe er die Munition und die Sprengmittel aus seinem Garten anlässlich einer Ausbildungsveranstaltung zu einem Schießplatz bringen wollen. Die paar Tausend Schuss Munition und die zwei Kilogramm Sprengstoff seien eine »verhältnismäßig geringe Menge«, die dort gar nicht weiter aufgefallen wäre. Das KSK verbrauche im Training pro Jahr ganz andere Mengen, etwa eine Million Schuss Munition. Doch die Corona-Pandemie habe ihm letztlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Ausbildung sei abgesagt worden, Munition und Sprengstoff blieben im Garten.

»Etwas Derartiges wird nie wieder passieren«

Am 13., 14. und 15. Mai 2020 durchsuchte das LKA dann sein Haus und sein Grundstück. Am 13. Mai wurde Philipp Sch. in der Kaserne in Calw festgenommen. Bis Dezember blieb er in Untersuchungshaft, gegen Auflagen kam er wieder frei.

»Die Festnahme und Inhaftierung in der JVA Dresden ließ mich tiefgründiger nachdenken«, sagt er nun. Er habe erkannt, dass seine »Naivität und Unbekümmertheit« falsch gewesen seien. »Ich möchte mich hiermit aus tiefstem Herzen für meine gemachten Fehler entschuldigen.« Er bricht in Tränen aus. Der Richter gibt ihm fünf Minuten, um sich wieder zu fangen. Dann bittet Philipp Sch. um eine zweite Chance. »Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Etwas Derartiges wird nie wieder passieren.«

Fragen beantwortet Philipp Sch. an diesem Tag nicht. Und er berichtet auch nicht von den anderen Funden in seinem Haus. Das übernimmt im Anschluss ein Kriminalhauptkommissar der Sonderkommission Rechtsextremismus – kurz: Soko Rex – des LKA Sachsen. 

Im Haus von Sch. fanden die Beamten zahlreiche NS-Devotionalien. Sie entdeckten Postkarten mit NS-Motiven, ein SS-Liederbuch und zahlreiche Nazizeitschriften. Darunter vier Ausgaben von »Nation und Europa« und 14 Ausgaben von »Der Freiwillige«, eine Zeitschrift für ehemalige Angehörige der Waffen-SS. Im Kleiderschrank lagen T-Shirts der Marke Thor Steinar. Dem LKA-Mann ist die Marke gut bekannt. »Das finden wir regelmäßig bei unseren Rechten.«

Handelte er wirklich allein?

Der Militärische Abschirmdienst (MAD) hatte das LKA im Februar 2020 auf die Spur von Philipp Sch. gebracht. Der MAD hatte den Hinweis bekommen, dass Philipp Sch. in seinem Garten eine Kiste mit Munition vergraben haben soll. »Er soll zudem antisemitisch, zumindest judenfeindlich sein«, gibt der LKA-Mann den Hinweis des MAD wieder. Die Soko Rex wurde eingeschaltet. Die Beamten gruben Sch.s Garten um – und fanden vier Erddepots. 

Wie ist Sch. an die Munition gekommen? Handelte er allein oder halfen ihm andere? Hinweise auf ein rechtsextremes Netzwerk fanden die Ermittler nicht, sagt der LKA-Beamte. Auch nicht auf einzelne Unterstützer. »Ist denn jemand allein in der Lage, diese Dinge beiseitezuschaffen?«, fragt der Staatsanwalt. Diese Frage habe auch die Ermittler umgetrieben, sagt der LKA-Beamte. Und wie es überhaupt sein kann, dass bei der Bundeswehr Munition und Sprengstoff verschwinden. 

»Wir haben es letztlich nicht geschafft, zu klären, wie Munition beiseite geschafft werden konnte«, sagt der Kriminalhauptkommissar. Und: »Ich bin mir nach wie vor nicht hundertprozentig sicher, ob Herr Sch. das alleine war – oder nicht.«

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