Zeuge Abou-Chaker-Prozess Bushido, nur "eine Kunstfigur"

Was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker muss Bushido erklären, warum in seiner Biografie alles anders ist, als er vor Gericht behauptet.
Von Wiebke Ramm
Bushido als Zeuge vor Gericht (Archiv): Ein Rapper packt aus

Bushido als Zeuge vor Gericht (Archiv): Ein Rapper packt aus

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STR / AFP

Irgendwann bricht es aus Bushido heraus. Tränen steigen ihm in die Augen, seine Stimme droht zu brechen. "Meine Frau ist der Grund, warum ich irgendwann meinen Scheiß-Mut zusammengenommen habe", ruft er. Ihr sei es zu verdanken, dass er sich aus der Zwangsehe mit dem Berliner Clanchef Arafat Abou-Chaker befreien konnte.

Den ganzen Tag schon versucht Anis Ferchichi alias Bushido anzureden gegen die Zweifel, die die Verteidigung mit ihren Fragen sät, gegen die Zweifel, die er selbst mit seinem Buch gesät hat. "Bushido" heißt das Buch, das sich Biografie nennt und doch Belletristik sein soll, wie Ferchichi am Mittwoch mit zunehmender Erschöpfung Stunde um Stunde als wichtigster Zeuge im Prozess gegen Abou-Chaker vor dem Landgericht Berlin zu erklären versucht.

Was ist Dichtung, was Wahrheit? Darum geht es. Der Vorsitzende Richter und die Verteidigung von Arafat Abou-Chaker und seinen drei Brüdern zitieren Passagen aus seinem Buch. Passagen, in denen es um Arafat Abou-Chaker, auch um Machtgebaren und Gewalt von Bushido geht. Hier mal eine Schlägerei, dort mal eine Drohung. Wie war es wirklich? Es ist immer dieselbe Frage.

"Es hat zum Gangsterimage gepasst"

Einiges sei tatsächlich so oder so ähnlich gewesen, wie es dort geschrieben steht, anderes sei Übertreibung, manches Fiktion, sagt Anis Ferchichi. Dann erzählt er, wie es wirklich gewesen sein soll. "Im Buch schildern Sie das anders", sagt Verteidiger Michael Martens. Es ist ein Satz, den Ferchichi an diesem Tag in Variationen mehrfach zu hören bekommt. Hier vor Gericht sage er die Wahrheit, beteuert Ferchichi wieder und wieder.

Zum Beispiel die Sache mit der Zusammenarbeit mit Abou-Chaker. Im Buch werde sie als freiwillig dargestellt, "Sie seien quasi wie Brüder", fasst Verteidiger Toralf Nöding zusammen. "Es hat zum Gangsterimage gepasst", erklärt Bushido. Für "die Außendarstellung" sei es besser gewesen zu behaupten, er habe sich freiwillig auf "diese Leute" eingelassen. Das Buch habe seiner Imagepflege als Gangsta-Rapper gedient. Eine Zwangsehe hätte da weniger ins Bild gespasst. Ja, der Name Abou-Chaker sei für ihn auch durchaus karrierefördernd gewesen, gibt er zu. Oder wie es Anwalt Nöding ausdrückt: "Das hat Ihren Ruf krass gepusht." Bushido widerspricht nicht.

"Ich glaube Ihnen das mit der erzwungenen Zusammenarbeit nicht so ganz", sagt Nöding irgendwann. Wäre es so, hätte er doch in all den Jahren mit irgendeiner Vertrauensperson darüber gesprochen. Er habe nie jemanden die Wahrheit gesagt, sagt Ferchichi, weil er keine echten Freunde gehabt habe, denen er sich hätte anvertrauen können. "Schade", sagt Nöding, dann könne auch niemand seine Version bezeugen. "Noch viel schader ist, dass ich keine Freunde hatte", sagt Bushido. So gebe es jedoch keine Möglichkeit, seine Version zu überprüfen, beharrt Nöding.

"Das ist aber die Wahrheit", sagt Ferchichi und wahrt mit Mühe die Contenance. "Ich habe mich bis in den Tod dafür geschämt, dass über zehn Jahre lang behauptet wird, dass ich Eigentum von Arafat Abou-Chaker bin - und das stimmt auch noch."

Die Verteidigung lässt nicht locker, zitiert weiter aus dem Buch, auch aus einem Interview, das Bushido einst gegeben hat. Es geht um zwei Ohrfeigen, die Bushido dem neuen Freund seiner Ex-Freundin gegeben haben soll. "Jetzt sagen Sie, das stimmt nicht", sagt Verteidiger Horst Eitner: "Was soll ich jetzt glauben?" "Dort rede ich als Bushido", erklärt Ferchichi. "Es hat für mich auf der Businessebene Sinn gemacht." Ja, "die Dame hat es gegeben", ja, "ich habe sie sehr geliebt", ja, "sie hat mir das Herz gebrochen". Aber dass er ihren neuen Freund geschlagen hat, "das war eher mein Wunschdenken".

"Hier sitze ich als Privatperson vor Ihnen"

Bushido sei "eine Kunstfigur". Und die Wahrheit von Bushido sei nicht identisch mit der Wahrheit von Anis Ferchichi. "Hier sitze ich als Privatperson vor Ihnen. Hätte ich da vor Gericht gestanden, hätte ich die Wahrheit gesagt." Von dem Wahrheitsgehalt seiner Äußerungen als Bushido könne nicht auf die Glaubhaftigkeit seiner Angaben als Ferchichi vor Gericht geschlossen werden. "Das ist ein bisschen wie der Vergleich von Äpfel und Birnen."

Dass die Trennung zwischen der Kunstfigur Bushido und dem Menschen Anis Ferchichi schwierig sei, erlebe er jeden Tag. "Heute noch laufe ich mit Vorurteilen rum, ich sei homophob, frauenfeindlich und antisemitisch", sagt er. "Ich war in meinem Leben noch nie homophob, frauenfeindlich. Und ich schreibe den Leuten auch nicht vor, was sie zu glauben haben."

Verteidiger Hansgeorg Birkhoff erfragt ein Stück der wirklich wahren Wahrheit des Anis Ferchichi. Wahr ist, dass Ferchichi vor seiner Hochzeit mit Anna-Maria schon einmal verheiratet war. "Mit wem?", fragt Birkhoff. "Das weiß ich nicht", sagt Bushido und lacht. "Ich bin eine Scheinehe eingegangen." Offenbar hat ihm damals Arafat Abou-Chaker bei Streitigkeiten mit der Familie der Frau geholfen. "Mein Mandant hat interveniert?", fragt Birkhoff. "Ja", sagt Ferchichi. Dann spricht Birkhoff die Situation im Dezember 2014 an, als Ferchichis Frau unter Polizeibegleitung vorübergehend ausgezogen ist. "Kann es sein", fragt der Verteidiger, "dass Sie Ihre Frau geschlagen haben?" "Ja", sagt Ferchichi.

" Ich habe eine Frau und fünf Kinder"

Verteidiger Martens fasst den Vormittag zusammen: Er, Ferchichi, habe also über Jahre selbst nahestehenden Menschen "erfolgreich ein falsches Bild der Wirklichkeit vorgespielt". Warum solle man ihm jetzt glauben, dass er hier vor Gericht die Wahrheit sagt? Er würde es anders formulieren, sagt Ferchichi. "Alles, was ich geschafft habe, ist, 16 Jahre lang nicht darüber zu sprechen", dass die Zusammenarbeit mit Abou-Chaker eine Art Zwangsehe gewesen sei. Ihm selbst seien die Widersprüche seines Lebens durchaus bewusst. Etwa dass ausgerechnet er, der in seinen Liedern, wie er sagt, "fick das LKA, fick das BKA, fick die Polizei" propagiert habe, nun von der Polizei Personenschutz erhält. "Und dann saßen die bei mir zu Hause auf dem Sofa", sagt er mit einer Betonung, die klingt, als könne er es selbst nicht fassen, "und haben gesagt: 'Pass mal auf: Wir passen jetzt auf deine Frau und deine Kinder auf.'"

Er redet nun ohne Punkt und Komma weiter. Im Dezember 2014 habe er seine Frau für Abou-Chaker sitzen gelassen, "ja, ich habe sie auch geschlagen", im August 2017 habe es wieder Streit mit Anna-Maria gegeben. "Da habe ich mir gesagt: 'Nein, ich werde meine Frau nicht mehr im Stich lassen.'" Stattdessen habe er beschlossen, sich von Abou-Chaker zu trennen. Es stimmt, er sei vorbestraft. Er zählt Steuerhinterziehung, Betrug, Nötigung und Beleidigung auf. "Ich bin, Gott weiß, der Letzte, der sagen kann, ich habe mich mein Leben lang an Gesetze gehalten." Aber hier vor Gericht sage er die Wahrheit. Es ist der Moment, als ihm die Tränen kommen und seine Stimme bricht.

"Ich habe keine Mutter mehr, ich habe keinen Vater mehr. Ich habe eine Frau und fünf Kinder", sie seien das Einzige, was in seinem Leben zählt. "Ich stand immer alleine da", sagt er. Ohne Brüder, ohne Freunde. Und dann sagt er den Satz über seine Frau. "Meine Frau ist der Grund, warum ich irgendwann meinen Scheißmut zusammengenommen habe." Ihretwegen habe er sich von Abou-Chaker endlich lossagen können.

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