Bushido als Zeuge im Abou-Chaker-Prozess "Dann wollen wir mal sehen, was du für ein Gangsta-Rapper bist"

Nach einer Corona-Erkrankung ist der Rapper zurück im Zeugenstand und rezitiert kuriose Dialoge aus der "On-off-Beziehung" mit seinem einstigen Freund, Geschäftspartner und heutigen Erzfeind Arafat Abou-Chaker.
Von Wiebke Ramm
Arafat Abou-Chaker im Berliner Landgericht: Teufel oder Freund?

Arafat Abou-Chaker im Berliner Landgericht: Teufel oder Freund?

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Olaf Wagner / imago images/Olaf Wagner

Die Beziehung zwischen dem Rapper und dem Clanchef ist kompliziert. Der Vorsitzende Richter gibt sich an diesem Mittwoch viel Mühe, sie zu ergründen. Von einer Art Zwangsehe mit Clanchef Arafat Abou-Chaker hatte Bushido an einem früheren Verhandlungstag gesprochen. Und davon, dass Abou-Chaker ihn als sein Eigentum betrachtet habe. Richter Martin Mrosk hat dazu nun ein paar Fragen. "Ich habe ein Verständnisproblem", sagt er. 

Nach einer Corona-bedingten Zwangspause hat Anis Ferchichi alias Bushido am Mittwoch seine Aussage im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder vor dem Landgericht Berlin fortgesetzt. Arafat Abou-Chaker soll Bushido im Januar 2018 eingesperrt, geschlagen und beschimpft haben, nachdem der Rapper die Geschäftsbeziehung zu ihm beendet hatte. Arafat Abou-Chaker ist unter anderem wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung angeklagt.

"Arafat war sehr präsent in meinem Leben"

Doch das Bild der Beziehung ist widersprüchlich. Bushido hatte an einem früheren Prozesstag berichtet, dass seine Mutter und Abou-Chaker sich gut verstanden hätten. Nun fragt der Richter, wieso Bushido seiner Mutter überhaupt einen Mann vorgestellt hat, der ihn doch angeblich finanziell ausnimmt. "Arafat war sehr präsent in meinem Leben", sagt Bushido. Es sei "völlig normal", dass seine Mutter seinen "Freundes- oder Bekanntenkreis" kennengelernt habe. "So wie Sie es schildern, war er ein Freund?", fragt der Richter. Bisher hatte Bushido Abou-Chaker eher als Teufel dargestellt. Jetzt sagt er: "Er war in Teilen auch eine Vertrauensperson."

Richter Mrosk fragt weiter, er fragt nach dem Sommer 2017. Bushido wollte damals im August mit Frau und Kindern in sein Haus in Kleinmachnow in Brandenburg einziehen. Das 16.000-Quadratmeter-Grundstück hatte er zusammen mit Abou-Chaker gekauft, inklusive dreier Häuser. In einem Haus lebte Arafat Abou-Chaker, im Haus in der Mitte sollte Bushido mit seiner Frau einziehen, im dritten Haus lebte Abou-Chakers Bruder. Bushido stellt die Position der Häuser bildlich dar, er spricht von einem "Sandwich": "Wir waren der Belag und neben uns die Brotscheiben."

"Was für ein Zaun?"

Bushido erzählt, dass er und seine Frau, Anna-Maria, damals im August vor ihrem Haus standen und überlegten, wo sie einen Zaun aufstellen wollten. "Irgendwann ging die Tür auf, und Arafat kam raus, mit einer Tasse Kaffee in der Hand." 

Bushido schildert die Situation plastisch und in Dialogform. Sie hätten Abou-Chaker von ihren Zaunplänen erzählt. "Wie? Was für ein Zaun?" Abou-Chaker sei nicht begeistert gewesen. Anna-Maria Ferchichi habe ihm deutlich gemacht, dass seine Zustimmung nicht notwendig sei. "Das eine Wort jagte das andere", sagt Bushido. Abou-Chaker habe ihr deutlich gemacht, dass sie gar nichts zu melden habe. Die beiden hätten sich angebrüllt und beleidigt. 

Bushido habe seine Frau schließlich fortgeschickt. Nun habe Abou-Chaker ihn angeschrien. "Du Hund!" "Du Schwanz!" Er habe Bushido vorgeworfen, dass er seine Frau nicht im Griff habe. "Nur wegen dir sind ihr Eier gewachsen!" Bushido lasse sich von seiner Frau "an der Leine" führen. "Er hat mich so krass beleidigt." Der Streit ging immer weiter. 

Abou-Chaker habe ihm vorgeworfen, sich verändert zu haben. Und Bushido habe Abou-Chaker gefragt: "Wann hast du das letzte Mal bei mir angerufen und mich gefragt, wie es mir geht?"

Irgendwann sei Abou-Chaker explodiert: "Ich will nicht mehr mit dir zusammenarbeiten!" "Jackpot!", habe Bushido gedacht – und sofort zugestimmt. Abou-Chaker sei überrumpelt gewesen. Er habe Bushido gewarnt. Ohne ihn käme er gar nicht klar, bei all den Leuten, die ihm "an die Wäsche" wollten. "Dann wollen wir mal sehen, was du für ein Gangsta-Rapper bist", habe Abou-Chaker gesagt. 

Bushido aber habe sein Glück gar nicht fassen können. Dass Abou-Chaker selbst eine Trennung ausspricht, "nie im Leben habe ich das für möglich gehalten". Anna-Maria Ferchichi habe vor Freude geweint, als Bushido ihr zu Hause davon berichtet habe. Glaubt man Bushido, währte die Freude nur kurz. 

"Wenn ich wieder da bin, machen wir weiter"

Schon am nächsten Tag soll Abou-Chaker zurückgerudert sein. Abou-Chaker wollte nach Mekka pilgern. Vor einem Restaurant in Berlin habe er sich von Bushido verabschiedet. Er nahm ihn in den Arm. "Und während er mich im Arm hält, sagt er: 'Schwamm drüber. Wenn ich wieder da bin, machen wir weiter.'" Abou-Chaker habe die Zusammenarbeit fortsetzen wollen.

Der Richter unterbricht Bushidos Redefluss. Er hat inzwischen einen ganzen Katalog an Fragen.

Zum Beispiel: "Warum zieht man in ein Haus ein", in dem man mit dem Mann, mit dem man sich zwangsverheiratet fühlt, und dessen Bruder "in einer Sandwich-Stellung" ist?

Bushidos schlichte Antwort: Weil es ein "unfassbar schönes Haus" ist.

Dann kommt der Richter auf Bushidos frühere Aussage vor Gericht zu sprechen. Der Rapper hatte Ende Oktober geschildert, dass seine Frau und Abou-Chaker schon Ende 2014 einen heftigen Streit hatten. Bushido habe seiner Frau damals nicht beigestanden, sondern ihr ebenfalls Vorwürfe gemacht. Dann hat er sie geschlagen. Am nächsten Tag verließ Anna-Maria ihn. Unter dem Schutz von Beamten des Landeskriminalamtes (LKA) packte sie ihre Sachen, nahm die Kinder und ging. Bushido nannte es den Tiefpunkt seines Lebens. Damals habe er Abou-Chaker angerufen. Warum ausgerechnet Abou-Chaker? "Wenn es mir so dreckig geht, dann rufe ich doch meinen besten Freund an", sagt Richter Mrosk. 

Bushido erklärt es mit Abou-Chakers Furchtlosigkeit im Umgang mit der Polizei. Er habe Angst gehabt, verhaftet zu werden. Und Abou-Chaker habe das Talent, polizeiliche Maßnahmen "abzuwenden". "Sie meinen, Sie hatten gehofft, dass Herr Abou-Chaker Sie vor dem LKA beschützt?", fragt der Richter und lacht. "Ja", sagt Bushido. Auch er muss lachen. Neben ihm sitzt ein LKA-Beamter. Inzwischen wird Bushido vom LKA beschützt.

Am Ende des Verhandlungstages scheint der Richter einen Begriff für die besondere Beziehung zwischen Bushido und dem Clanchef gefunden zu haben: "Es wirkt ein bisschen so, als wäre das so eine On-off-Beziehung." Bushido widerspricht nicht.

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