Prozess gegen Clanchef Mit einem Lächeln

Aus Freunden wurden Feinde - die sich nun vor Gericht über "die Wahrheit" streiten: Der Angeklagte Arafat Abou-Chaker und sein Ex-Geschäftspartner Bushido treten in Berlin nun betont lässig auf.
Aus Berlin berichtet Wiebke Ramm
Hat das Lächeln nicht verlernt: Der Angeklagte Arafat Abou-Chaker beim Prozessauftakt im August, vor ihm sitzen die Verteidiger

Hat das Lächeln nicht verlernt: Der Angeklagte Arafat Abou-Chaker beim Prozessauftakt im August, vor ihm sitzen die Verteidiger

Foto: Pool / Getty Images

Arafat Abou-Chaker lächelt. Zeichen von Anspannung zeigt er nicht. Im Gegenteil. Er wirkt zufrieden und recht entspannt. Dass der Berliner Clanchef und nicht Bushido im Saal 500 des Landgerichts Berlin auf der Anklagebank sitzt, könnte an diesem Montag fast in Vergessenheit geraten. Die Anwälte von Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder meinen, Bushido der Lüge vor Gericht überführen zu können. Es geht um eine Razzia am 22. September im brandenburgischen Kleinmachnow. Der Clanchef und der Rapper besitzen in Kleinmachnow ein gemeinsames Grundstück. Arafat Abou-Chaker bewohnt dort eine Villa, Bushidos Villa nebenan steht leer. Bei der Razzia ging es um den Vorwurf der Steuerhinterziehung.

Im Saal 500 geht es vor der 38. Großen Strafkammer eigentlich um ganz andere Vorwürfe. Arafat Abou-Chaker, 44, ist wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung und weiterer Vorwürfe angeklagt. Er soll Bushido im Januar 2018 eingesperrt, beschimpft und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl attackiert haben, weil er es nicht akzeptiert haben soll, dass Bushido sich geschäftlich von ihm losgesagt hat.

Zusammenarbeit oder Zwangsehe?

Anis Ferchichi alias Bushido, 42, ist Nebenkläger und wichtigster Zeuge im Prozess. Vor Gericht hat er die Jahre der Zusammenarbeit mit Abou-Chaker bereits als Zwangsehe dargestellt. Er sei gezwungen worden, Abou-Chaker an allen Einkünften aus seiner Musikkarriere zu beteiligen. Mindestens neun Millionen Euro habe Abou-Chaker über die Jahre an ihm verdient. 

Bushido begann auszupacken. In mehreren Vernehmungen bei Polizei und Staatsanwaltschaft sprach er über die angeblichen Geschäftspraktiken des Clans. Bushido steht seither unter Polizeischutz - und Abou-Chaker im Fokus der Ermittlungsbehörden.

Besonders erfreut wird Arafat Abou-Chaker nicht gewesen sein, als die Steuerfahndung in Begleitung des LKA vor knapp drei Wochen gegen 6 Uhr an seiner Tür klingelte. Etwa eine Stunde später war nach eigener Angabe auch Bushidos Anwalt, Steffen Tzschoppe, am Grundstück. Vor Ort waren auch Reporter von "Bild" und SPIEGEL TV. Arafat Abou-Chaker witterte ein Komplott.

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Mit den eigentlichen Vorwürfen gegen Abou-Chaker hat das alles wenig zu tun. Doch der Verteidigung gelingt es an diesem Montag, im Zusammenhang mit der Razzia Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Angaben des Rappers zu säen. Als Zeuge steht Anis Ferchichi unter Wahrheitspflicht. Doch nach Ansicht der Verteidigung hat er vor Gericht gelogen. 

Lüge oder Wahrheit?

Ferchichi hatte es im Prozess so dargestellt, dass er am Morgen des 22. Septembers "aus der Presse" von der Durchsuchung erfahren habe. Daraufhin habe er seinem Anwalt eine WhatsApp-Nachricht geschickt und ihn gebeten, bei der Begehung seiner eigenen Villa durch die Fahnder als Zeuge dabei zu sein. Der Anwalt war nach eigenen Angaben gegen kurz nach 7 Uhr vor Ort in Kleinmachnow. 

Verteidiger Toralf Nöding nennt es "eine offensichtliche Lüge", dass Ferchichi aus den Medien von der Razzia erfahren haben will. Nach Angaben der Verteidigung habe es erste Meldungen via Twitter erst um 7.46 Uhr gegeben. Abou-Chakers Anwälte haben nun beantragt, den "Bild"-Mitarbeiter als Zeugen zu laden, nachdem Ferchichi im Prozess seine Freundschaft zu dem Journalisten bekannt gemacht hatte. Die Verteidigung geht davon aus, dass der Rapper mit ihm schon vor 7 Uhr kommuniziert hat.

Eine Nebensächlichkeit, könnte man meinen. Läge in Sachen Abou-Chaker nicht ein besonderes Gewicht auf der Glaubhaftigkeit der Angaben von Ferchichi. Entsprechend akribisch suchen die Verteidiger nach Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten in seinen Ausführungen. Die Anwälte haben schon seine Biografie auseinandergenommen. Der Rapper stellte das Buch daraufhin als eine Art Imagepflege der "Kunstfigur" Bushido dar – und nicht als authentische Lebensbeichte von ihm, Anis Ferchichi.

Die Richterinnen und Richter werden nun über die Anträge der Verteidigung entscheiden. Die hatte zuvor bereits die Aussetzung der Hauptverhandlung beantragt, weil Beamte der Steuerfahndung bei der Durchsuchung in Kleinmachnow Unterlagen mitgenommen und handschriftliche Notizen fotografiert hatten, die Abou-Chaker für seine Verteidigung angefertigt haben soll. Seine Anwälte sehen darin ein sogenanntes Verfahrenshindernis, das einen fairen Prozess gefährde.

Am 26. Oktober soll die Hauptverhandlung fortgesetzt werden. Möglicherweise kann Ferchichi dann seine eigentliche Aussage über seine Zeit mit Arafat Abou-Chaker fortführen. Oder wie es der Vorsitzende Richter Martin Mrosk sagt: "Herr Ferchichi, vielleicht schaffen wir es dann, mit Ihnen weiterzumachen." "Kein Problem", sagt Ferchichi und lächelt. Dann wird er unter Polizeischutz aus dem Saal geführt.