Prozess in Berlin Bushido, Arafat Abou-Chaker und ein heimlicher Mitschnitt

Das Landgericht Berlin will eine Audiodatei prüfen, die einen zentralen Vorwurf gegen den Clanchef Arafat Abou-Chaker widerlegen soll. Doch Hauptbelastungszeuge Bushido bleibt bei seiner Darstellung.
Nebenkläger Bushido vor Gericht (2021): Der Rapper hält an seinen Vorwürfen gegen Arafat Abou-Chaker fest

Nebenkläger Bushido vor Gericht (2021): Der Rapper hält an seinen Vorwürfen gegen Arafat Abou-Chaker fest

Foto: Paul Zinken / dpa

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Dass es kein gewöhnlicher Tag im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder ist, zeigen schon die Personenschützer, die sich am Morgen wieder einmal mit Sturmhaube und Schutzweste vor einem Raum neben dem Verhandlungssaal im Landgericht Berlin postieren. Das Signal ist eindeutig: Bushido ist im Haus. Der Rapper ist nicht nur Nebenkläger im Prozess gegen Abou-Chaker, er ist auch wichtigster Zeuge gegen den Clanchef und wird von Beamten des Landeskriminalamtes beschützt. 25 Tage lang hat Bushido im Prozess ausgesagt, zuletzt im April 2021. An diesem Mittwoch ist er zurückgekehrt. Denn es steht der Vorwurf im Raum, dass er Staatsanwaltschaft und Gericht massiv belogen hat.

Es geht um ein Treffen am 18. Januar 2018. Bushido hatte an gleich mehreren Verhandlungstagen ausgesagt, dass Arafat Abou-Chaker ihn an jenem Januartag eingesperrt, bedroht und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl attackiert habe. Bushido hatte Ende 2017 die Geschäftsbeziehung zu seinem Kompagnon für beendet erklärt. Dieser habe die Trennung aber nicht akzeptiert. Im Januar soll der Streit eskaliert und Arafat Abou-Chaker ausgerastet sein. Die Anklage wirft ihm gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Nötigung und versuchte schwere räuberische Erpressung vor.

Alles gelogen? Das suggerierte der »Stern« vergangene Woche. Dem Magazin wurde ein Tonmitschnitt zugespielt, bei dem es sich um eine Audioaufnahme von jenem Treffen handeln soll. Woher die Datei eineinhalb Jahre nach Prozessbeginn stammt, berichtete der »Stern« nicht. Ein namentlich nicht benannter Gutachter soll die Aufnahme geprüft und keine Hinweise auf eine Manipulation der Audiodatei gefunden haben. Dass die Aufnahme tatsächlich vom fraglichen Abend stamme, sollen unter anderem die sogenannten Metadaten belegen, in denen Ort, Datum und Uhrzeit festgehalten seien.

Bushidos Anwalt Steffen Tzschoppe sagt an diesem Tag vor Gericht, er und sein Mandant würden die Aufnahme nicht kennen und hätten auch kein Interesse daran, sie sich anzuhören. »Es ist egal, was da drauf ist«, sagt er. Tzschoppe macht keinen Hehl daraus, dass er die Audiodatei für manipuliert hält.

Der »Stern« sieht Bushidos Aussage durch die Aufnahme in allen wesentlichen Punkten widerlegt. Auf der Aufnahme sei weder eine Attacke mit einer Flasche noch mit einem Stuhl hörbar. Auf der Aufnahme sei auch nicht zu hören, dass Arafat Abou-Chaker Bushido unflätig mit den Worten bedroht hat: »Erst ficke ich deine Mutter, dann ficke ich deinen Vater, dann ficke ich deine Kinder und wenn ich damit fertig bin, ficke ich dich.« Zu hören sei hingegen, dass ein Kellner den laut Bushido abgeschlossenen Raum betrete und verlasse, ohne dass ein Auf- und Abschließen einer Tür wahrnehmbar sei. Das Treffen soll auch nicht, wie Bushido sagt, mehr als vier Stunden, sondern zwei Stunden gedauert haben.

Die Kammer will einen Experten beauftragen

»In der letzten Woche haben sich die Ereignisse etwas überschlagen«, fasst der Vorsitzende Richter Martin Mrosk die Aufregung um die Audiodatei zusammen. Der Richter gibt bekannt, dass Arafat Abou-Chakers Verteidiger dem Gericht die Datei am Freitag übermittelt hat. Die Kammer will nun einen eigenen Sachverständigen mit der Prüfung der Aufnahme beauftragen.

Dann nimmt Bushidos Verteidiger Tzschoppe Stellung zu den Vorwürfen. Der Anwalt spricht frei, ausschweifend, hin und wieder verliert er sich in Nebensächlichkeiten. Mehrmals bittet der Richter ihn, zum Punkt zu kommen. Bushido selbst wahrt die Contenance – und schweigt.

Laut seinem Anwalt weist der Rapper den Vorwurf der Lüge zurück. Bushido bleibt dabei: Arafat Abou-Chaker habe ihn am 18. Januar 2018 in einem verschlossenen Raum bedroht, beleidigt und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl attackiert.

Anwalt Tzschoppe beginnt aufzuzählen, was aus seiner Sicht gegen die Aufnahme und für die Glaubhaftigkeit von Bushidos Aussage spricht. Tzschoppe behauptet, das Erstellungsdatum einer Datei lasse sich leicht manipulieren. Er sagt, keinem seriösen Sachverständigen sei es möglich »auszuschließen«, dass die Datei »eine Fälschung« sei. »Das kann man nicht.« Einen Verweis auf die gefälschten Hitler-Tagebücher, die der »Stern« 1983 veröffentlichte, kann sich der Anwalt nicht verkneifen.

Tzschoppe geht davon aus, dass die Aufnahme eine gekürzte und manipulierte Version eines Originalmitschnittes ist, in der alle Passagen, die Arafat Abou-Chaker belasteten, entfernt wurden. »Sie kennen sich mit Audiodateien aus!«, ruft der Anwalt dem Angeklagten zu. Die Verteidigung verbittet sich derartige Ansprachen. Richter Mrosk ruft alle zur Mäßigung auf.

Dass Arafat Abou-Chaker heimlich Gespräche mit seinem Handy aufgezeichnet hat, ist seit 2019 bekannt . Die Ermittler fanden 65 Mitschnitte auf seinem Handy. Einige dieser aufgenommenen Gespräche sind Teil der Anklage, denn derart heimliche Aufnahmen sind illegal. Die Behörden fanden alle möglichen Dateien, einen Mitschnitt vom 18. Januar 2018 fanden sie nicht.

Anwalt Tzschoppe sagt, Bushido habe im Februar 2019 von der Staatsanwaltschaft erfahren, dass es Gesprächsmitschnitte gibt. Er habe aber auch schon vorher gewusst, dass Abou-Chaker Gespräche heimlich mitschneide. Bushido habe immer damit gerechnet, dass es auch eine Aufnahme vom 18. Januar 2018 gibt. In diesem Wissen habe er vor Gericht ausgesagt. Was Tzschoppe sagen will: Bushido sei doch nicht so dumm, Märchen zu erzählen, wenn er davon ausgehen muss, jederzeit durch eine Aufnahme widerlegt zu werden. Wiederholt hatte der Richter Bushido damals belehrt, dass er als Zeuge die Wahrheit sagen muss. Vereidigt wurde Bushido nicht. Eine uneidliche Falschaussage wird mit Freiheitsstrafe nicht unter drei Monaten bestraft.

Die Verhandlung wird abgebrochen

Schließlich beginnt Tzschoppe über das Auto zu sprechen, mit dem Bushido damals zu dem Treffen gefahren sei. Das Fahrzeug, ein Mercedes-Benz GLS, speichere Daten, anhand derer sich die Parkposition und -dauer an jenem Abend im Januar feststellen lasse, hofft er. Doch Bushido hat das Auto nicht mehr. Tzschoppe beginnt umständlich zu skizzieren, wie er in den vergangenen Tagen letztlich erfolgreich nach dem Fahrzeug suchte. Doch der Vorsitzende Richter unterbricht ihn jäh. Tzschoppe kommt nicht weit mit seinen Ausführungen. Einer Schöffin geht es nicht gut. Ein Sanitäter wird gerufen, der Verhandlungstag abgebrochen. Am Montag soll es weitergehen.

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