Bushido-Prozess in Berlin Im Zweifel für Abou-Chaker

Seit bald zwei Jahren müssen sich Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder vor Gericht verantworten. Nun hat die Kammer mitgeteilt, welche Punkte der Anklage sie bislang für nicht nachweisbar hält. Und das sind einige.
Arafat Abou-Chaker (März 2022): Angeklagt unter anderem wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung

Arafat Abou-Chaker (März 2022): Angeklagt unter anderem wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung

Foto: IMAGO/Olaf Wagner

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Es ist eine Zwischenbilanz, die Bushido nicht gefallen kann – Arafat Abou-Chaker und seinen drei Brüdern umso mehr. Die 38. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin hat an diesem Mittwoch bekannt gegeben, wie sie die Beweislage im Prozess gegen Abou-Chaker nach derzeitigem Stand sieht.

»Eine grobe vorläufige Einschätzung«, so nennt es der Vorsitzende Richter an diesem 71. Verhandlungstag. Und als sei es nur irgendein Dokument in diesem an Dokumenten nicht armen Prozess, verliest Richter Martin Mrosk die Bilanz der Kammer in atemberaubender Geschwindigkeit. Doch was er vorliest, hat es in sich.

In der deutschen Hip-Hop-Szene gibt es einige, die den Rapper Bushido für einen begnadeten Lügner und Manipulator halten. Sie werden triumphieren, auch wenn das Gericht an diesem Tag kein Wort dazu sagt, ob es Bushido glaubt oder nicht. Die Richterinnen und Richter stellen lediglich fest, welche Punkte der Anklage sie nach 70 Prozesstagen für nicht erwiesen beziehungsweise nicht nachweisbar halten. Und das sind einige.

Langer Prozess

Seit bald zwei Jahren muss sich Arafat Abou-Chaker unter anderem wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten. Nachdem Bushido sich 2017 von Abou-Chaker losgesagt hatte, soll der Clanchef ihm gedroht, Millionensummen verlangt, Bushido am 18. Januar 2018 in einem Raum eingesperrt, beleidigt und mit einer halb vollen 0,5-Liter-Plastikwasserflasche und einem Stuhl attackiert haben. Zwei Brüder – Yasser und Nasser – sollen damals dabeigewesen sein und Arafat Abou-Chaker unterstützt haben. Letztendlich soll es um Geld gegangen sein. So steht es in der Anklage.

Anis Ferchichi alias Bushido stellte seine Zusammenarbeit mit Arafat Abou-Chaker vor Gericht als Pakt mit dem Teufel dar. Abou-Chaker habe ihn ausgebeutet, ihn bedroht, beleidigt und bis in seine Ehe mit Anna-Maria Ferchichi hinein zu kontrollieren versucht. Seine Aufgaben als Manager habe Abou-Chaker nie erfüllt. Bushido und Abou-Chakers Zusammenarbeit brachte beiden Millionen ein. Der Gangsta-Rapper und der Clanboss – ein Geschäftsmodell, das über Jahre funktionierte.

Die Zwischenbilanz des Gerichts

Für die Kammer ergibt die bisherige Beweisaufnahme allerdings, dass von einer versuchten schweren räuberischen Erpressung eher keine Rede sein könne. Denn ihrer vorläufigen Würdigung nach hatten Arafat, Yasser und Nasser Abou-Chaker durchaus Gründe zu glauben, dass Arafat Abou-Chaker im Januar 2018 tatsächlich noch Anspruch darauf hatte, von Bushido Geld zu bekommen.

Selbst Bushido habe vor Gericht gesagt, dass er davon ausgegangen sei, Abou-Chaker nach der Trennung noch Geld zahlen zu müssen. Wenn aber alle Seiten dachten, dass es bei dem Streit um durchaus berechtigte Zahlungsansprüche ging, dann könne Abou-Chaker nicht unterstellt werden, dass er sich rechtswidrig bereichern wollte.

Auch eine Freiheitsberaubung sei den drei Abou-Chaker-Brüdern – nach derzeitigem Stand – nicht nachweisbar. Möglicherweise habe Arafat Abou-Chaker am 18. Januar 2018 die Tür nur deswegen abgeschlossen, um ungestört mit Bushido zu reden. So hatte es Abou-Chaker auch schon zuvor getan, damit nicht ständig jemand ins Gespräch platzte.

Auch sei fraglich, ob für die Angeklagten überhaupt zu erkennen gewesen wäre, dass Bushido den Raum gern verlassen hätte. Die Kammer erinnert an einen Freund von Abou-Chaker und Bushido, der an jenem Januartag irgendwann hinzugekommen sein soll und Bushido angeboten haben soll, ihn hinauszubegleiten. Bushido lehnte das Angebot ab. Wie aber sollte Abou-Chaker dann erkennen, dass Bushido gegen seinen Willen blieb? Im Zweifel für den Angeklagten – ein juristischer Grundsatz, der auch in diesem Anklagepunkt greifen könnte.

Zu einer möglichen Attacke mit einer Plastikflasche und einem Stuhl durch Arafat Abou-Chaker äußert sich die Kammer an diesem Tag nicht. Für Arafat Abou-Chaker geht es dabei um den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung.

Das Gericht stellt aber fest, dass es keine Anhaltspunkte dafür sehe, dass es eine Absprache zwischen Nasser, Yasser und Arafat Abou-Chaker gab, Bushido zu schlagen. Vielmehr habe Nasser Abou-Chaker deeskalierend auf Arafat Abou-Chaker eingewirkt. Das hatte Bushido selbst vor Gericht berichtet. Damit hat sich Nasser Abou-Chakar – nach vorläufiger Einschätzung des Gerichts – in keiner Form an einer Körperverletzung beteiligt, sondern im Gegenteil zum Ausdruck gebracht, dass er mit einer Attacke auf Bushido gerade nicht einverstanden war.

Keine Gesten des Triumphs

Und so endet der Vermerk der Kammer für Nasser Abou-Chaker mit einem Satz, auf den wohl auch seine drei Brüder hoffen: »Nach vorläufiger Würdigung wäre der Angeklagte Nasser Abou-Chaker freizusprechen.«

Arafat, Nasser, Yasser und Rommel Abou-Chaker verkneifen sich vor Gericht jede Geste des Triumphs. Bushido ist an diesem Tag nicht im Saal.

Doch das letzte Wort ist ohnehin längst nicht gesprochen. Bis zum nächsten Verhandlungstag am 15. Juni können Verteidigung, Bushidos Anwalt und die Staatsanwaltschaft zu dem Hinweis der Kammer Stellung nehmen. Und damit, dass Oberstaatsanwältin Petra Leister ihre Anklage auch nur in diesen Punkten kampflos aufgibt, ist sicher nicht zu rechnen.

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