Prozess in Berlin Bushidos Probleme mit der mysteriösen Audiodatei

Eine Tonaufnahme soll Arafat Abou-Chaker entlasten und Bushido der Lüge überführen. Als Zeuge führt der Rapper seine Zweifel an dem Mitschnitt aus, nun muss ein Gutachter die Datei prüfen.
Von Wiebke Ramm
Bushido im Landgericht Berlin (am 8. August:) Die Anklage gegen Arafat Abou-Chaker und seine Brüder beruht im Wesentlichen auf den Aussagen des Rappers

Bushido im Landgericht Berlin (am 8. August:) Die Anklage gegen Arafat Abou-Chaker und seine Brüder beruht im Wesentlichen auf den Aussagen des Rappers

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Bushido bleibt dabei. Arafat Abou-Chaker habe ihn am Abend des 18. Januar 2018 eingesperrt, bedroht, beleidigt und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl angegriffen. Der Rapper spricht an diesem Mittwoch vor dem Landgericht Berlin von einem »traumatischen Erlebnis«. Die Oberstaatsanwältin fragt, ob während des Treffens damals tatsächlich jemand Wasser und Cola gebracht habe. So ist es auf einer Audiodatei zu hören, die das Treffen laut Verteidigung dokumentieren soll. Das erinnere er nicht mehr, antwortet Bushido. Im Fokus seiner Aufmerksamkeit habe an jenem Abend Arafat Abou-Chaker gestanden. »Ich hatte wirklich sehr viel Angst vor ihm«, sagt er. »Er war für mich das absolute Böse in dem Moment.«

Am vorherigen Prozesstag hatte die 38. Große Strafkammer eine knapp zweistündige Aufnahme im Gerichtssaal vorgespielt. Auf dem Tonmitschnitt ist zu hören, wie Arafat Abou-Chaker Bushido beschimpft und anbrüllt. Von einem Angriff mit einem Stuhl und einer Flasche ist indes nichts zu hören. Die MP3-Datei wurde im Februar zunächst dem »Stern« zugespielt. Später übergab Arafat Abou-Chakers Verteidiger das Tondokument dem Gericht. Bushido hält die Datei für manipuliert. An diesem Mittwoch begründet er vor Gericht seine Zweifel an der Authentizität der Aufnahme.

Der Rapper gratuliert dem Richter

Vor exakt zwei Jahren hat der Prozess gegen Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder begonnen, bemerkt Bushido zu Beginn seiner erneuten Vernehmung. »Herzlichen Glückwunsch«, sagt er zum Vorsitzenden Richter. »Ich weiß nicht, ob das ein Grund zum Feiern ist«, erwidert der Richter lächelnd.

Arafat Abou-Chaker muss sich unter anderem wegen des Vorwurfs der versuchten schweren räuberischen Erpressung, Freiheitsberaubung und gefährlichen Körperverletzung vor Gericht verantworten. Nachdem Bushido sich im September 2017 von Abou-Chaker losgesagt hatte, soll der Clanchef ihm gedroht, Millionensummen verlangt und Bushido dann im Januar 2018 in einem Raum eingesperrt, beleidigt und angegriffen haben. Drei Brüder von Arafat Abou-Chaker stehen mit ihm vor Gericht. Die Anklage beruht im Wesentlichen auf den Aussagen Bushidos.

Bushido argumentiert an diesem Tag vor allem inhaltlich, warum er die Datei für manipuliert hält. Mehrere Gesprächspassagen ergäben in der zeitlichen Abfolge keinen Sinn, sagt er. Und einige Themen, über die gesprochen wird, passten zu anderen Treffen, etwa am 21. Dezember 2017. Aber sie passten nicht zu dem Gespräch am 18. Januar 2018. Insgesamt ergebe das ganze Gespräch auf der Datei keinen Sinn.

Im Kern behauptet Bushido: Die Audiodatei sei ein Zusammenschnitt verschiedener Gespräche von verschiedenen Tagen, und die verwendeten Aufnahmen stammten zudem von verschiedenen Aufnahmegeräten. Mal sei zu hören, dass Arafat Abou-Chaker mutmaßlich mit seinem Handy ein Gespräch aufgenommen habe, mal sei ein Gespräch offenkundig von seinem Bruder Yasser mitgeschnitten worden. Bushido schlussfolgert das unter anderem aus der Lautstärke der Stimmen. Zudem fehlten, so der Rapper, manche Inhalte des tatsächlichen Gesprächs am 18. Januar 2018 gänzlich.

Gelächter im Saal. Bushido lacht nicht

Bushido sagt, an jenem Tag im Januar habe er vor seinem Treffen mit Abou-Chaker in seiner damaligen Villa im brandenburgischen Kleinmachnow Journalisten empfangen. Die Villa liegt direkt neben der von Abou-Chaker. Der habe sich furchtbar aufgeregt, dass er Pressevertreter auf ihr gemeinsames Grundstück gelassen habe. Bushido sagt, es sei völlig ausgeschlossen, dass Abou-Chaker dazu am Abend nichts weiter gesagt habe. Auf der Tondatei jedenfalls ist davon nichts zu hören.

Während Bushido spricht, meldet sich plötzlich die Handy-App Siri zu Wort: »Das habe ich nicht ganz verstanden.« Ein Verteidiger bittet um Entschuldigung und schaltet sein Gerät stumm. Gelächter im Saal. Bushido lacht nicht. Er redet weiter.

Gleich zu Beginn des Verhandlungstages hatte er dem Gericht seine WhatsApp-Kommunikation mit Arafat Abou-Chaker übergeben. Es soll ihre vollständige Kommunikation von September 2017 bis März 2018 sein. Bushido will damit untermauern, warum manche Gesprächsinhalte auf der Tondatei nicht von jenem Tag stammen könnten. Er liefert damit jedoch allenfalls Hinweise für etwaige Schlussfolgerungen. Seine Chatnachrichten mit Abou-Chaker werden schwerlich beweisen können, was an jenem Abend tatsächlich geschah.

Die Verteidigung moniert mehrfach, dass Bushido lediglich Wertungen vortrage und keine Erinnerungen wiedergebe, wie es die Aufgabe eines Zeugen sei. Auf inhaltliche Fragen zur Tondatei verzichtet die Verteidigung an diesem Tag. Sie will erst die WhatsApp-Kommunikation prüfen.

Als der Zeuge den Saal verlassen hat, entbrennt eine hitzige Diskussion. Verteidigung und Nebenklagevertreter bezichtigen sich gegenseitig, nicht alle Karten auf den Tisch zu legen. Ein Verteidiger wirft Bushido »Taschenspielertricks« vor.

Warten auf den Gutachter

Bushido sei der Einzige, der behauptet, er sei am 18. Januar 2018 von Arafat Abou-Chaker mit einem Stuhl und einer Flasche attackiert worden, sagt dessen Verteidiger Hansgeorg Birkhoff. Nun sage Bushido, weil davon nichts auf der Tondatei zu hören sei, müsse die Datei manipuliert sein. Verteidiger Birkhoff hat eine Alternativerklärung: Dass die Aufnahme nichts Derartiges enthalte, liege möglicherweise schlicht daran, dass es derartige Attacken nie gegeben habe.

Sollte der vom Gericht beauftragte Gutachter feststellen, dass die Datei echt sei, dann hätte Bushido gelogen, »da gebe ich der Verteidigung recht«, sagt Bushidos Anwalt, Steffen Tzschoppe. Aber bislang existiere ein solches Gutachten nicht.

Das Gericht will dem Gutachter zunächst jene Minuten der Audiodatei nennen, auf denen Bushido technische Merkwürdigkeiten festgestellt haben will, damit der Sachverständige diese Stellen besonders intensiv prüfen kann. Bushido hatte lediglich eine Stelle konkret benannt. Dort will er eine Merkwürdigkeit im Hintergrundrauschen festgestellt haben. Er nannte zudem mehrere Passagen, in denen nur lautes Rascheln und keine Worte zu hören sind. Bushido sagt, derartige Stellen eigneten sich besonders gut, um den Übergang von einer Tonspur zu einer anderen zu vertuschen.

Bushidos Anwalt kritisiert, dass das Gutachten zur Echtheit der Datei noch nicht vorliegt. Das Gutachten hätte seinem Mandanten eine erneute Befragung möglicherweise erspart, sagt er. So aber müsse sich Bushido zu einer Aufnahme äußern, die ein Gespräch wiedergibt, dass es so seiner Ansicht nach nie gegeben habe.

Lügt Bushido? Oder ist die Tondatei manipuliert? Ob das Gutachten wirklich Klarheit bringen wird, bleibt abzuwarten.

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