Prozess gegen Arafat Abou-Chaker Geschrei, Gepolter, Schmatzgeräusche

Eine Audiodatei gibt viel vom Streit zwischen Bushido und den Abou-Chakers wieder – aber nichts, was die konkreten Vorwürfe des Rappers belegt. Der hält den Mitschnitt für manipuliert.
Arafat Abou-Chaker: Mit seinem Geschäftspartner Bushido überworfen

Arafat Abou-Chaker: Mit seinem Geschäftspartner Bushido überworfen

Foto: IMAGO/Olaf Wagner

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Arafat Abou-Chaker ist gekränkt, enttäuscht, wütend. Bushidos Erklärungen will er nicht hören. Permanent fällt er ihm ins Wort. Mal brüllt er den Rapper an, mal beschimpft er ihn mit unheimlich ruhiger Stimme. Als ein vermeintlicher Nebenbuhler den Raum betritt, rastet Abou-Chaker vollkommen aus. Der Vorsitzende Richter dreht die Lautstärke im Gerichtssaal etwas herunter. Das Gebrüll auf der Tonaufnahme wird leiser.

Am Montag hat die 38. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin eine Audioaufnahme vorgespielt, die ein Treffen zwischen Arafat Abou-Chaker und dem Rapper Bushido vom 18. Januar 2018 dokumentieren soll. Bushido hatte Abou-Chaker wenige Monate zuvor mitgeteilt, dass er die Zusammenarbeit mit ihm beenden will. Abou-Chaker soll die Trennung nicht akzeptiert haben. Der Rapper behauptet, dass Abou-Chaker ihn an jenem Januarabend eingesperrt, bedroht, beleidigt und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl attackiert habe.

Bushidos Vorwürfe brachten Abou-Chaker eine Anklage unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Beleidigung ein. Seine Brüder Nasser und Yasser sollen laut Staatsanwaltschaft an der Drohkulisse mitgewirkt haben. Seit zwei Jahren müssen sich die drei sowie ein weiterer Bruder vor Gericht verantworten. Bushido ist wichtigster Zeuge der Anklage und Nebenkläger.

Im Februar hatte der »Stern« die Existenz eines Audiomitschnitts bekannt gemacht, der das entscheidende Treffen der Männer dokumentieren soll. Die Aufnahme würde Bushido als Lügner entlarven und Abou-Chaker entlasten, jubelten manche in der Hiphop-Szene, noch bevor sie die Aufnahme kannten.

Toxische Mischung

Was auf dem Tondokument zu hören ist, klingt wie das Ende einer Liebesgeschichte. Bushido hat Schluss gemacht, Abou-Chaker will die Trennung nicht akzeptieren und erträgt es nicht, dass sich Bushido bereits mit anderen Männern trifft. Es klingt nach einem dieser letzten klärenden Gespräche, von denen sich der Verlassene insgeheim erhofft, dass alles wieder so wird wie früher, und die dann doch in Gebrüll enden. Doch es geht nicht bloß um das Ende einer Beziehung, es geht auch um das Ende eines Millionengeschäfts. Eine toxische Mischung, wenn die Trennung – wie in diesem Fall – nicht einvernehmlich ist.

Die Aufnahme dauert fast zwei Stunden. So laut und deutlich wie an diesem Tag war die Stimme von Arafat Abou-Chaker nie zuvor im Prozess zu hören. Der Angeklagte und seine Brüder machen vor Gericht von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch.

Auf der Aufnahme ist nun zu hören, wie Arafat Abou-Chaker zu Bushido sagt, ihm sei zu Ohren gekommen, dass sich der Rapper mit Ashraf Rammo und mit Veysel K. treffe. Ashraf Rammo gehört zu einem anderen Clan, Veysel K. wiederum war damals enger Vertrauter von Abou-Chaker. Der fühlte sich durch Bushidos Treffen mal mit dem einen, mal mit dem anderen offenkundig hintergangen. Er schien zu vermuten, dass die beiden Männer hinter Bushidos plötzlicher Rebellion steckten.

»Du spielst ein Spiel, das sehr, sehr falsch ist«, wirft Abou-Chaker dem Rapper gleich in den ersten Minuten der Aufnahme vor. »Du bist ein Fitna-Mensch.« Aus dem Arabischen übersetzt bedeutet dies: ein Mensch, der Zwietracht sät. Etwa eine halbe Stunde später sagt er zu Bushido: »Du bist der größte, falscheste Hund, den ich je in meinem Leben kennengelernt habe.« Abou-Chaker spricht den Satz ganz langsam aus, jedes einzelne Wort betonend. Er sagt auch, dass er wünschte, Bushido niemals kennengelernt zu haben.

Auf der Anklagebank lauscht Arafat Abou-Chaker hoch konzentriert der Aufnahme. Hin und wieder redet er auf seinen Verteidiger ein. Bushido sitzt ohne Anwalt schräg gegenüber. Manchmal macht er sich Notizen. Der Rapper und der Clanboss vermeiden es konsequent, sich anzusehen.

Warum Arafat Abou-Chaker das Treffen heimlich mitgeschnitten hat oder einen seiner Brüder es mitschneiden ließ, bleibt sein Geheimnis. Dass er nichts von der Aufnahme wusste, ist kaum vorstellbar. Manchmal klingt es, als stecke das Aufnahmegerät – vermutlich ein Handy – in einer Hosen- oder Jackentasche. Es gibt mehrere unverständliche Passagen, Momente, in denen alle durcheinander reden, und Minuten, in denen gar nichts zu hören ist. Manche Sinnzusammenhänge sind erst nach mehrmaligem Anhören zu verstehen, andere gar nicht. Der Mitschnitt lässt Raum für Interpretationen.

Hin und wieder scheint jemand etwas auf einen Glastisch zu knallen

Von einer Attacke mit einem Stuhl und einer Plastikflasche ist auf der Aufnahme nichts zu hören. Präziser: Niemand sagt etwas, was auf derartige Angriffe schließen ließe. Denn: Was für ein Geräusch macht eine Plastikflasche, die ein Gesicht trifft? Zwischendurch ist lautes Poltern zu hören. Hin und wieder scheint jemand etwas auf einen Glastisch zu knallen.

Bushido klingt weit weniger emotional als Abou-Chaker und ist hörbar bemüht, dessen Gefühle nicht weiter zu verletzen. Er sucht nach Worten, die keine falschen Hoffnungen wecken und doch nicht zu hart klingen. Ob Bushido sich derart defensiv verhält, weil er Angst vor Abou-Chaker hat, wie er im Prozess behauptete, lässt sich anhand der Audioaufnahme nicht sagen. Bushidos Körpersprache, Abou-Chakers Mimik und Gestik, die Position seiner Brüder im Raum, die Nähe oder der Abstand aller vier Männer zueinander – all diese Informationen fehlen bei einem Tonmitschnitt.

Nur selten wird auch Bushido richtig laut. Etwa als er zu Abou-Chaker sagt: »Du bist auf 180, du fängst an zu schreien, du brüllst wie ein Panzer. Und dann sagst du auch Sachen, wo ich dann denke: Wow, krass Alter.«

»Ich möchte nicht, dass jemand sich in mein Geschäft einmischt«

Irgendwann ist zu hören, wie Arafat Abou-Chaker den vermeintlichen Nebenbuhler Veysel K. per Handy auffordert, zu ihnen zu kommen. Nach dessen Ankunft macht er ihm ohne Umschweife eine deutliche Ansage: »Ich möchte nicht, dass jemand sich in mein Geschäft einmischt.« Veysel K. weiß gar nicht, wie ihm geschieht. »Was hab ich jetzt damit zu tun, mit dieser ganzen Geschichte hier?« Anders als Bushido lässt Veysel K. das Gebrüll von Abou-Chaker nicht über sich ergehen. Er brüllt zurück. »Bist du verrückt geworden?« Arafat Abou-Chaker könne ihm doch nicht vorschreiben, mit wem er sich treffe und mit wem nicht. Abou-Chaker rastet aus. Die Situation eskaliert vollends. Das Aufnahmegerät entfernt sich von den schreienden Männern.

Bemerkenswert ist, was auf dem Mitschnitt nicht zu hören ist: kein Abschließen einer Tür, keines der von Bushido im Prozess vorgetragenen Zitate. Zum Beispiel: »Ich werde deinen Vater ficken. Dann ficke ich deine Mutter. Dann ficke ich deine Frau. Dann ficke ich deine Kinder. Und wenn ich damit fertig bin, dann ficke ich dich.« Abou-Chaker soll dies angeblich zu Bushido gesagt haben. Der Rapper will die Sätze als ultimative Drohung verstanden haben.

Bushido als Zeuge vor Gericht (Im August 2020): Er hält die Tonaufnahme seines Gesprächs mit den Brüdern Abou-Chaker für manipuliert

Bushido als Zeuge vor Gericht (Im August 2020): Er hält die Tonaufnahme seines Gesprächs mit den Brüdern Abou-Chaker für manipuliert

Foto: Olaf Wagner / imago images

Auch seine Vorwürfe gegen Nasser und Yasser Abou-Chaker bestätigt die Aufnahme nicht. Bushido hatte berichtet, Yasser Abou-Chaker habe ihm gedroht: »Du wirst hier erst lebendig wieder rauskommen, wenn du uns die Wahrheit gesagt hast.« Nichts davon ist zu hören. Vielmehr bemühen sich Yasser und Nasser Abou-Chaker wiederholt, beruhigend auf ihren Bruder Arafat einzuwirken. Sie sind es auch, die Bushido und Arafat Abou-Chaker dazu drängen, sich zu küssen. Schmatzgeräusche sind zu hören. Danach geht die Diskussion lautstark weiter.

Bushidos Erklärung für das Fehlen der behaupteten Worte: Die Audiodatei sei manipuliert. Er spricht vor Gericht von »Auffälligkeiten« und Stellen, die »sehr, sehr komisch« seien. Seiner Ansicht nach handele es sich nicht um einen vollständigen Mitschnitt des Treffens vom 18. Januar 2018. Die Datei sei möglicherweise eine Kombination aus Mitschnitten von zwei verschiedenen Treffen, sagt er am Montag als Zeuge vor Gericht. Er nennt den genauen Zeitstempel jener Stelle der Datei, an der er eine Manipulation gehört haben will. Damit will er offenbar auch erklären, warum die Aufnahme knapp zwei Stunden lang ist, er selbst aber angab, das Treffen habe rund viereinhalb Stunden gedauert. Das Gericht kündigte an, einen Gutachter die Aufnahme prüfen zu lassen. Gegen 16 Uhr beendet der Vorsitzende Richter den Verhandlungstag. Am Mittwoch muss Bushido erneut Rede und Antwort stehen.

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