Bushido als Zeuge vor Gericht "Wenn Arafat was gesagt hat, dann wurde das gemacht. Punkt"

50.000 Euro hier, 140.000 Euro da - und eine Vollmacht vorm Weihnachtsurlaub auf den Malediven: Vor Gericht beschreibt Bushido, wie hilflos er sich angeblich dem Clanchef Abou-Chaker immer weiter auslieferte.
Von Wiebke Ramm
Bushido als Zeuge vor Gericht (Archiv): Ein Rapper packt aus

Bushido als Zeuge vor Gericht (Archiv): Ein Rapper packt aus

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STR / AFP

Bushido redet und redet. Arafat Abou-Chaker hört dem Rapper aufmerksam zu. Hin und wieder schreibt er mit und spricht zu seinem Verteidiger. Anfangs sitzt der Chef eines Berliner Clans noch ganz ruhig auf der Anklagebank. Doch mit jeder Stunde, die Bushido am Mittwoch vor dem Landgericht Berlin als Zeuge spricht, wirkt der Angeklagte aufgebrachter.

Bushido erzählt, wie der Einfluss Abou-Chakers auf sein Leben nach und nach größer geworden sei. Dass der Clanchef ihn 2004 gezwungen habe, 30 Prozent an sämtlichen Einnahmen abzugeben, hatte Anis Ferchichi, so der bürgerliche Name des Rappers, schon am vorherigen Verhandlungstag berichtet. Nun sagt er, wie viel Geld Arafat Abou-Chaker über die Jahre angeblich an ihm verdiente: "Neun Millionen offiziell". Wie viel es inoffiziell gewesen sein sollen, sagt er nicht. 

Bushido springt zwischen den Jahren und den Protagonisten hin und her. Nicht immer lässt sich ihm dabei auf Anhieb folgen. Am nächsten Verhandlungstag wollen die Richter, die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung den Musiker zu all den Details und Andeutungen befragen, die er bisher geliefert hat. Es dürften viele Fragen werden. Und wenn stimmt, was Bushido erzählt, dann drängt sich eine Frage besonders auf: Warum hat er das alles so lange mitgemacht? 

"50.000 Euro für was?"

In Bushidos Darstellung hat er ständig bezahlt. Arafat Abou-Chaker habe ihn noch 2004 dazu "verdonnert", 50.000 Euro an die "Schöneberger Jungs" um "King Ali" zu zahlen. Die jungen Männer hatten Bushido nach eigener Aussage damals aus dem Vertrag mit seinem früheren Label Aggro Berlin helfen sollen. Laut Bushido taten sie es nicht, weswegen er letztlich Abou-Chaker in sein Leben holte, der die Sache dann regelte. 

"Entschuldigung", unterbricht der Richter, "50.000 Euro für was?" Genau, sagt Bushido. Gute Frage. "Sie müssen sich das wie eine Ablösesumme im Fußball vorstellen", erklärt er, "weil man, vereinfacht gesagt, den Verein gewechselt hat." Er habe die Schöneberger bezahlen sollen, damit sie sich künftig von ihm fernhielten. Er sagt, er habe Abou-Chaker die 50.000 Euro in die Hand gedrückt. "Wer wie viel davon bekommen hat, weiß ich nicht." 

2005 hat Bushidos Karriere so richtig begonnen. Die Geschäfte liefen gut. Abou-Chaker habe sich zunächst aus allem rausgehalten. Und Bushido habe ihm in unregelmäßigen Abständen Geld in bar gegeben. Eines Tages habe ihn der Clanchef dennoch zu sich beordert. "Er war todessauer, auf 180", sagt Bushido: "Was ist mit dem Geld? Wann kriege ich mein Geld? Ob er mir mal die Fresse polieren müsse, damit ich merke, wie das hier so läuft." Da habe er gemerkt, wie gut Abou-Chaker über seine Geschäfte informiert gewesen sei. 

Ein Job für den Cousin

Ende 2005 habe er sein eigenes Label gegründet, erzählt Bushido, "Ersguterjunge". 2006 habe Arafat Abou-Chaker beschlossen, dass sein Cousin offiziell Mitarbeiter werden und monatlich Geld bekommen solle. Der Cousin habe fortan monatlich 1200 Euro netto bekommen. 2006 habe sich sein Steuerberater über die Kontobewegungen gewundert, die durch die Zahlungen an Abou-Chaker verursacht worden seien, sagt Bushido. Er habe deshalb im Januar 2007 einen Managementvertrag mit Abou-Chaker abgeschlossen. Im März 2007 sei dieser dann Mitgesellschafter von Ersguterjunge geworden - und sein Einfluss sei immer weiter gewachsen. 

Arafat Abou-Chaker sei durchaus präsent im Label gewesen, habe sich allen vorgestellt und gesagt, jeder könne sich bei Bedarf an ihn wenden. Der Richter fragt nach, ob dieses Angebot denn angenommen worden sei. Bushido sagt, er erinnere sich an eine Situation. Zwei Künstler hätten den Vertrag mit Ersguterjunge auflösen wollen, gemeinsam hätten sie dann mit den beiden gesprochen und eine Regelung getroffen. Auch bei einer Vertragsverhandlung mit Universal sei Abou-Chaker dabei gewesen. 

Dann habe der Clanchef ein Immobiliengeschäft vorgeschlagen, ein Haus in Berlin-Lichterfelde stünde für etwa 950.000 Euro zum Kauf. "Ich wollte es gerne kaufen", sagt Bushido. Im Zuge der Abwicklung habe Abou-Chaker angeregt, gemeinsam eine Immobilienfirma zu gründen. Und so geschah es: A & F heißt die Firma, die Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. "Ich war zu keiner Zeit informiert, was A &F gemacht hat", sagt Bushido. Er habe keine Kenntnis von den Geschäften und Bilanzen gehabt. "Ich habe nie nachgefragt." Irgendwann, 2008 oder 2009, soll es Ärger mit dem Finanzamt gegeben haben. Einen angeblich dafür verantwortlichen Mitarbeiter habe Abou-Chaker angeschrien und geschlagen.

Bushido sagt, er habe sich von Abou-Chaker vorschreiben lassen, den Steuerberater zu wechseln. Nun hatten sie denselben. Als es erneut Ärger gegeben habe, habe der Clanchef den nächsten Steuerberater vorgeschlagen. Wieder habe er eingewilligt. "Warum haben Sie nicht mal gesagt: 'Ich will den Steuerberater XY haben?'", fragt der Richter. "Weil das so nicht möglich war", sagt Bushido. "Wenn Arafat was gesagt hat, dann wurde das gemacht. Punkt." 

Erst Vollmacht ausgestellt, dann auf die Malediven

2010 habe Abou-Chaker ihm ein weiteres Immobiliengeschäft angetragen, eine ehemalige russische Kaserne im brandenburgischen Rüdersdorf, der Deal sollte noch Ende 2010 abgewickelt werden. Doch Bushido flog über Weihnachten auf die Malediven. Abou-Chaker habe zuvor noch eine Vollmacht gefordert.

Bushido sagt, er habe noch gefragt, warum eine Generalvollmacht nötig sei und ob nicht eine spezielle Vollmacht reiche. Doch seine Zweifel seien ihm ausgeredet worden. Bushido hebt die Stimme. "Ich habe ihm keine Generalvollmacht ausgestellt, damit er alles machen kann, außer heiraten", sagt er, "sondern nur für dieses spezielle Geschäft." Er habe ihm vertraut. Der Richter will es genauer wissen. "Das war alles auf geschäftlicher Ebene? Oder auch freundschaftlich?" "Das ist ein Mix davon", antwortet Bushido. "Wir waren zu der Zeit sehr eng verwoben. Wir haben seit 2004 eigentlich alles zusammen gemacht."

"Hatten Sie nie die Idee, die Generalvollmacht irgendwann wieder einzuziehen?", fragt Abou-Chakers Verteidiger. Nein, sagt Bushido. Er habe die Vollmacht schlicht vergessen.

Abou-Chaker habe ihn dann am 27. Dezember 2010 auf den Malediven angerufen. Bushido müsse 700.000 Euro überweisen, weil sich die Banken nicht an die Abmachung gehalten hätten. Er habe das Geld überwiesen. Als ihr Steuerberater ihnen für 140.000 Euro einen "Geheimplan" verkaufen wollte, mit dem es möglich sei, dass sie für ihre Rüdersdorfer Immobilie keine Grunderwerbssteuer zahlen bräuchten, habe er auch diese Summe bezahlt. Der Geheimplan habe allerdings nichts getaugt. Die Grunderwerbssteuer mussten sie trotzdem zahlen. Bushido sagt, die 140.000 Euro habe er nie wiedergesehen.

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