Campbell vor Kriegsverbrechertribunal "Ich möchte mit all dem nichts zu tun haben"

Hat Naomi Campbell von Ex-Diktator Charles Taylor Diamanten geschenkt bekommen? Diese Frage beschäftigt das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Das Model gibt sich reichlich naiv - und trägt durch kleine Häppchen Wahrheit wenig zur Aufklärung bei.

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Den Haag - Es war eine Luxusfahrt, im angeblich komfortabelsten Zug der Welt. 1600 Kilometer maß die Strecke, die Nelson Mandela mit ausgewählten Gästen quer durch Südafrika fuhr. Jazzmusiker Quincy Jones saß in einem der insgesamt 18 Waggons, Schauspielerin Mia Farrow, der pakistanische Politiker Imran Khan. Die PR-Leute hatten eine illustre Runde einfliegen lassen, es ging um schöne Bilder des schönen Zuges, 380 Meter lang schlängelte er sich wie ein Lindwurm durch Südafrika.

Rund 2000 Menschen warteten beim Zwischenstopp am Bahnhof von Kimberley, der Diamantenmetropole, die mit dem Slogan "glitzernde Stadt" um Besucher wirbt. Minenvertreter schenkten Mandela einen funkelnden Anhänger als Erinnerung, der Präsident war guter Stimmung, er scherzte, unter dem Regiment seiner Lebensgefährtin habe er weniger Freiheiten als während seiner Haftzeit.

Dann präsentierte er der wartenden Menge Naomi Campbell. Sie passte in dieses Ambiente, schön und strahlend.

Die Britin posierte für viele Fotos an jenen Tagen im September 1997. Bei einem Dinner stand sie in einem weißen Sommerkleid neben Mandela und Charles Taylor, damals Präsident von Liberia. Man lächelte gemeinsam in die Kameras. Beim Essen saß die Runde zusammen an einem überschaubar großen Tisch, Campbell zwischen Mandela und Jones, Taylor stellte sich ihnen vor.

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Blutdiamanten: Ein Geschenk für Naomi?

Die genauen Ereignisse des glamourösen Abends wurden nun rekonstruiert - vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Denn nach dem feierlichen Essen klopfte es nachts an der Zimmertür des Topmodels. Zwei schwarze Männer hätten dort gestanden, erinnerte sich Campbell nun vor Gericht. "Sie gaben mir eine Art Beutel und sagten, es sei ein Geschenk." Wer die Männer gewesen seien, das habe sie damals nicht gewusst - und wisse es auch heute nicht. In ein Leinentuch gehüllt habe sie am nächsten Morgen Steine gefunden.

"Sie sahen aus wie schmutzige Kieselsteine. Ich bin es gewöhnt, Diamanten funkelnd und in einer Schmuckschatulle zu sehen. Das ist die Art von Edelsteinen, die ich kenne", sagte sie.

Charles Taylor? Nie gehört!

Campbell nahm die Steine entgegen, angeblich ohne zu fragen, von wem sie stammen. Sie sei "müde" gewesen, nachdem die Reise aus New York nach Südafrika 48 Stunden gedauert habe, sagte sie.

Der vergleichsweise harmlose Termin in Südafrika ist mittlerweile von großer politischer Brisanz. Und Campbell, damals Charity-Gast, gilt nun als Hauptzeugin im Prozess gegen ihren Gesprächspartner, Charles Taylor.

Denn der damalige Staatschef von Liberia soll 1989 als Anführer einer Räuberbande und später als Präsident Liberias Tod und Terror über seine westafrikanische Heimat gebracht haben. Während seiner Präsidentschaft griff die Welle der Gewalt mit Wucht auf den Nachbarstaat Sierra Leone über. Terrortrupps plünderten die dortigen Diamantenfelder, die Steine dienten als Treibstoff für den immer weiter ausufernden Krieg, als Zahlungsmittel für Waffen, von denen die meisten aus alten Ostblock-Beständen stammten. Taylor soll die sierra-leonische Rebellengruppe Revolutionary United Front (RUF) im Tausch gegen Edelsteine mit Waffen versorgt haben.

Taylor floh schließlich aus der brennenden Hauptstadt Monrovia, mit Koffern voller Dollarscheine. Ihm werden Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Massenmord, sexuelle Versklavung, Einsatz von Kindersoldaten, Brandschatzung und Plünderung zur Last gelegt. In den Konflikten in Sierra Leone und Liberia wurden zwischen 1989 und 2003 etwa 400.000 Menschen getötet.

Und die Ankläger in Den Haag haben die schwierige Aufgabe, die Befehlsketten der Terrortruppen bis zum Chef zu rekonstruieren.

Liberia? Nie gehört!

Doch das ist nahezu unmöglich. Denn der Ex-Diktator selbst bestreitet, jemals Diamanten - außer seinen eigenen - besessen zu haben. Auch die übrigen Anklagepunkte streitet er ab, stets gut gekleidet, stets eloquent. "Ich soll so ein Drecksack gewesen sein, dass Menschen mir Diamanten in Mayonnaisegläsern bringen?", sagte er einst zynisch. Schlimmer könne man ihn nicht verteufeln. "Auch Jesus Christus wurde seinerzeit angeklagt, ein Mörder zu sein."

Eine Schlüsselzeugin im Prozess ist daher Naomi Campbell. Lange Zeit versuchten die Ankläger vergeblich, sie zu einer Aussage zu bewegen. Erst die Androhung einer Gefängnisstrafe brachte sie schließlich dazu, vor Gericht zu erscheinen.

Das Model wehrte immer wieder ab, wenn sie auf die Geschehnisse der Nacht angesprochen wurde. Auf der Talkcouch von Oprah Winfrey bestritt sie, ein Geschenk bekommen zu haben. "Ich habe keinen Diamanten bekommen und werde nicht darüber sprechen." Ein Interview mit dem Fernsehsender ABC brach sie erbost ab und schlug auf dem Weg aus dem Studio eine laufende Fernsehkamera zur Seite, als das Thema auf jenen Abend kam.

Keine Steine, keine Schuld, keine Verstrickung.

Und vor allem keine Gefahr - so offenbar die Motivation des Models. Schweigen schützt, zumindest dann, wenn die Alternative ist, sich mit einem der weltweit schlimmsten Despoten anzulegen.

Es ist diese Abwehrhaltung, die Campbells Aussagen an diesem Tag charakterisieren - und hinter der sie sich versteckt. Die 40-Jährige flüchtet sich in Naivität.

Blutdiamanten? Nie gehört!

Es scheint, als wolle sie mit der Erinnerung zugleich auch die Gefahr verdrängen. "Ich wusste damals nichts über Charles Taylor", sagt sie vor Gericht. "Ich hatte noch nie in meinem Leben von Liberia gehört. Ich wusste nicht, was Blutdiamanten sind."

"Ich möchte nichts mit Charles Taylor zu tun haben, weil er jemand ist, über den ich im Internet gelesen habe, dass er Tausende Menschen getötet haben soll und ich meine Familie in keiner Weise gefährden möchte", so die 40-Jährige. "Ich möchte mit all dem nichts zu tun haben" - ein Satz wie ein Credo.

Campbell laviert sich durch die Befragung: Steine? Ja, die hat sie bekommen, nachts, von den beiden ihr unbekannten Männern. Waren es Diamanten? Ja, vermutlich, davon ist auszugehen. Ob das nichts Außergewöhnliches sei? Nein, Geschenke zu erhalten sei für sie völlig normal. Der generöse Schenker, war es Taylor? Nun, das könne sie nicht mit Gewissheit sagen, aber: "Ich bin davon ausgegangen." Und die Steine? Das Paket habe sie erst am nächsten Morgen geöffnet.

Am Frühstückstisch hätten Mia Farrow und ihre damalige Agentin Carole White betont, das Geschenk müsse von Taylor stammen. Er sei der einzige, der in Frage komme. Bedankt habe sie sich nicht, weil sie Taylor nicht gut genug gekannt habe.

Ob es ihr in den Sinn gekommen sei, dass die Steine von jemand anderem hätten stammen können? Man sei beim Frühstück davon ausgegangen, dass nur Taylor ein solches Geschenk machen könne.

Es ist ein schmaler Grat, Campbell sagt unter Eid aus. Es mögen Häppchen der Wahrheit sein - aber ist es die ganze?

Die Wahrheit? Schon möglich!

Sowohl Mia Farrow als auch Carole White haben bestätigt, dass das Model beim Frühstück vom nächtlichen Besuch und den Steinen erzählte. Schließlich war es Farrow, die sich mit der Geschichte an den Sondergerichtshof wandte.

Und es gibt noch einen weiteren Beleg - die Steine selbst. Die will Campbell am Morgen nach der ominösen Übergabe an den damaligen Chef des Kinderhilfswerks von Nelson Mandela gegeben haben, damit er "etwas Gutes mit ihnen tue". Zu ihrem Erstaunen habe Jeremy Ratcliffe ihr vor einem Jahr gesagt, dass er immer noch in ihrem Besitz sei.

Taylors Verteidiger versuchte die Zeuginnen Farrow und White zu diskreditieren, indem er ihnen ein Eigeninteresse unterstellte - immerhin streiten White und Campbell sich vor Gericht wegen eines angeblichen Vertragsbruchs. Doch die Fährte führte nicht weit. Denn dass es die Steine gibt, dass Campbell sie in der Nacht in Empfang nahm, dass sie selbst sogar davon ausging, sie stammten von Taylor, ist unstrittig. Allein: Einen eindeutigen Beweis, dass Taylor das Geschenk machte, gibt es nicht.

Taylors Verteidiger gerierte sich daher nach der Befragung als Sieger.

Staatsanwältin Brenda Hollis fragte Campbell: "Kann es sein, dass ihre Aussagen heute nicht ganz korrekt sind, weil sie sich vor Herrn Taylor fürchten?"

Eine Antwort brauchte es nicht. Die Aussagen Campbells hatten ohnehin für sich gesprochen.

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