Jurist zur Cannabis-Debatte "Die abschreckende Wirkung des Verbots ist gleich null"

Soll Kiffen bald erlaubt sein? Im Bundestag bringen die Grünen nun ihr Cannabis-Gesetz ein. Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes plädiert vehement für eine Legalisierung - gerade weil er die Droge für gefährlich hält.
Hasch-Raucher: Bundestag debattiert über Freigabe

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Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Hamburg - Der Bundestag debattiert heute erstmals über das Vorhaben der Grünen, Cannabis zu legalisieren. Dem Entwurf für das "Cannabiskontrollgesetz" zufolge sollen Erwachsene künftig 30 Gramm für den Eigenbedarf kaufen oder besitzen dürfen. Für Kinder und Jugendliche bleibt die Droge verboten.

Ziel des Gesetzes sei es, "Volljährigen einen rechtmäßigen Zugang zu Cannabis als Genussmittel zu ermöglichen", heißt es im Entwurf. Die bisherige Verbotspolitik sei "vollständig gescheitert". 2,3 Millionen Erwachsene würden in Deutschland die Droge konsumieren. Die Union lehnt den Entwurf ab.

Der renommierte Bochumer Kriminologe Thomas Feltes, 64, hat als einer von 122 Strafrechtsexperten eine Resolution zur Drogenpolitik unterschrieben, auf die sich die Grünen berufen. Im Interview erklärt Feltes, welch verheerende Folgen das bisherige Cannabisverbot hat.

Zur Person
Foto: Marcel Mettelsiefen/ picture alliance / dpa

Der Jurist Thomas Feltes ist ordentlicher Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum. Einen Namen machte sich der Mainzer, 1951 geboren, als streitbarer Berater der Politik. Im Jahr 2013 zählte er zu den Unterzeichnern einer Resolution von 122 Strafrechtlern, die eine Evaluierung der deutschen Drogenpolitik fordern. Die bisherige Verbotspolitik sei gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Feltes, haben Sie schon einmal gekifft?

Feltes: Nein, ich kann mich nicht erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Was finden Sie am Kiffen dann so toll, dass Sie den Genuss von Cannabis allen erlauben wollen?

Feltes: Ich finde Kiffen nicht toll, und ich halte Cannabis nicht für ein Genussmittel. Der Konsum ist problematisch. Viele Menschen rauchen die Droge, weil sie so entweder ihre Perspektivlosigkeit verdrängen oder Stress abbauen können. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Mittlerweile ist die abschreckende Wirkung des Verbots gleich null. Ich behaupte, dass eine geregelte Legalisierung das kleinere Übel ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Feltes: Das Verbot hat zu einem Wildwuchs geführt: Der Anteil des Wirkstoffs THC im Joint ist auf dem Schwarzmarkt stark gestiegen. Heute können die ein oder zwei Dosen, die Gelegenheitskiffer pro Woche zu sich nehmen, abhängig machen. Was noch wichtiger ist: Der illegale Handel mit Cannabis befördert die Organisierte Kriminalität. In Großstädten geht ein erheblicher Anteil von Wohnungseinbrüchen und Diebstählen auf das Konto von Abhängigen. Diesen Markt würde man austrocknen.

SPIEGEL ONLINE: Mit diesem Argument ließe sich auch die Legalisierung von Heroin begründen. Wie weit wollen Sie gehen?

Feltes: Ich sehe ein, dass das eine schwierige Unterscheidung ist. Aber Cannabis kann man konsumieren, ohne größeren gesellschaftlichen Schaden anzurichten. Wer Heroin nimmt, wird sofort abhängig und schwer krank. Das muss verhindert werden, auch mit den Instrumenten des Strafrechts.

SPIEGEL ONLINE: Die ökonomische Logik legt den Schluss nahe, dass der Konsum von Cannabis steigt, wenn die Ware billiger wird und leichter zu haben ist. Wie verantwortlich ist das?

Feltes: Ob tatsächlich ein neuer Markt geschaffen würde, wissen wir nicht. Die Bedenken kann man durchaus haben. Ratsam wäre ein Pilotprojekt, um die Folgen zu untersuchen. Aber ich bin da nicht so pessimistisch. Schauen Sie in die Niederlande: Dort ist nach der Legalisierung auch nicht das ganze Land bekifft.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch verharmlost eine Legalisierung eine Droge, von der auch Sie behaupten, dass sie süchtig machen kann und schädlich ist.

Feltes: Einspruch! Cannabis ist längst in unserer Kultur weit verbreitet. Wenn ich es staatlich kontrolliert abgebe, habe ich aber die Möglichkeit, Menschen Präventionsangebote zu machen. Im Moment müssen manche Konsumenten durch dunkle Ecken schleichen, um ihre Dealer zu treffen. Und die bieten ihnen dann vielleicht mal etwas Härteres an. Dieses Problem hätte man nicht bei legalen Verkaufsstellen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist Cannabis eine Einstiegsdroge, wie vor allem Politiker aus der Union gern behaupten?

Feltes: Politiker sind eigentlich nicht dumm, und doch erzählen Sie manchmal solche Dinge. Natürlich haben Junkies, die Heroin spritzen, irgendwann mal Hasch genommen. Aber sie haben auch mal Zigaretten geraucht und Alkohol getrunken.

SPIEGEL ONLINE: Der Gesetzesvorschlag der Grünen, mit denen Sie eine Legalisierung erreichen wollen, wird heute im Bundestag erstmals diskutiert. Welche Erfolgschancen sehen Sie?

Feltes: Die Chancen sind relativ gering. Ich denke, dass Union und SPD dem kaum folgen werden, weil sie Angst davor haben, Wähler zu verlieren. Mit rationalen Argumenten in der Kriminalpolitik kann man leider nur selten punkten. Dennoch ist es gut, dass die Grünen den Vorstoß machen - damit bleibt das Thema in der Diskussion.

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