Jahrgang 1919 oder 1973? Mann fordert Rente vor Gericht – weil er angeblich 102 Jahre alt ist

Mit Ende vierzig träumen manche schon vom Ruhestand. In Celle zog ein Mann vor Gericht, weil ihm bereits eine Rente zustehe. Seine skurrile Begründung: Er sei in Wahrheit mehr als doppelt so alt.
Aus Celle berichtet Anika Freier
Kläger im Landessozialgericht in Celle: Er will am 2. Mai 1919 in Hannover zur Welt gekommen sein

Kläger im Landessozialgericht in Celle: Er will am 2. Mai 1919 in Hannover zur Welt gekommen sein

Foto: Philipp Schulze / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Er geht Stufe für Stufe hoch, zieht ein Bein nach. Ob er schon rein könne, fragt er undeutlich und leise.

Im Sitzungssaal 129 des Gerichts wird der Mann, der 102 Jahre alt sein will, gleich im Mittelpunkt eines skurrilen Prozesses stehen. Er hat Rente beantragt, die ihm in diesem Alter vermutlich seit sehr Langem zustehen würde. Das Problem allerdings ist: Laut den Daten seines Versicherungskontos ist der Mann im Jahr 1973 geboren und erst 48 Jahre alt.

Die Rentenversicherung hat seinen Antrag abgelehnt. Der Mann aber hat Berufung dagegen eingelegt. Und deshalb kommt es an diesem Freitagmorgen zum Prozess vor dem Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen in Celle.

Seine Haut ist faltig

Der Mann muss persönlich erscheinen, so hat es das Gericht angeordnet, um seine Identität und sein Alter festzustellen. Er ist ein großer Mann mit gebeugtem Rücken. Er trägt schwarze Lederschuhe ohne Schnürsenkel, blaue Jeans, ein weißes T-Shirt und darüber eine graue Strickjacke mit Reißverschluss. Die Haare sind grau, zwischendrin weiß, und gleichmäßig kurz. Seine Haut ist faltig, aber nicht so faltig, wie man sie bei jemandem erwarten würde, der schon mehr als ein Jahrhundert alt ist.

Er sitzt ruhig auf seinem Platz, vor ihm steht in einer Plastikhülle das Schild »Kläger/in«. Mit der rechten Hand hält er den Griff seines blauen Rucksacks, der sein Gesicht verdeckt, mit seiner linken stützt er ihn von unten, er will nicht fotografiert werden. Auf dem Tisch vor ihm liegt sein umgedrehter Personalausweis.

Erst kurz vor Beginn der Verhandlung holt er DIN-A4-Zettel aus dem Rucksack, die gefaltet waren. Jetzt sind sie sein Sichtschutz. Der Platz neben ihm bleibt frei, eine Anwältin hat er nicht.

Ausgebildet als Verwaltungsfachangestellter

Im Vorfeld hatte das Gericht überlegt, ob L. arbeitsfähig ist, deshalb ist der Arbeitgeber vernommen worden, eine Vorgesetzte von L. als Zeugin anwesend. Die Klage scheint absurd: Warum sollte jemand behaupten, 102 Jahre alt zu sein? Der Kläger ist einsichtsfähig, befand das Gericht.

Der Gong läutet, die Richterinnen und Richter betreten den Sitzungssaal. »Wenn sie einverstanden sind, fang ich jetzt einfach mal an«, sagt der Vorsitzende Richter Uwe Dreyer. »Gern«, sagt L.

Er will am 2. Mai 1919 in Hannover zur Welt gekommen sein, so legt es eine selbst erstellte Geburtsbescheinigung nahe – ein Eigenbeleg, wie man ihn aus dem Steuerrecht kennt, unterzeichnet mit dem Namenszusatz Prinz Ernst von Hannover. Er habe von 1992 bis 1995 erfolgreich eine berufliche Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten absolviert, zwischendurch sei er immer wieder arbeitsunfähig gewesen, krankheitsbedingt.

Und dass die Rentenversicherung seinen Geburtstag auf den 12. Juli 1973 terminiert? Da habe er einen schweren Unfall gehabt, sagt der Kläger. Mehr will er dazu nicht sagen.

»Deshalb sitzen wir hier heute«

»Ich habe Ihnen in der Vergangenheit das ein oder andere Mal nahegelegt, ob dieses Verfahren überhaupt fortgeführt werden muss«, sagt Dreyer. »Sie haben mir geantwortet, dass das aus Ihrer Sicht der Fall ist, deshalb sitzen wir hier heute.«

Der Mann will weitermachen, auch heute. Er beantragt ein Altersgutachten der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf und, rückwirkend und für die Zukunft, eine Altersrente, die nach dem Geburtsjahr 1919 berechnet ist.

»Sie müssen damit rechnen, dass sie die Kosten des Verfahrens ganz oder teilweise übernehmen müssen«, sagt Dreyer. Das Risiko gehe er ein, sagt der Kläger. Er wisse ja, dass er 1919 geboren sei.

Dreyer diktiert für das Protokoll, der Kläger wolle weitermachen, »obwohl ihm die Missbräuchlichkeit der Rechtsverfolgung dargelegt wurde und er auf die Möglichkeit der Kostenauferlegung bei Fortführung des Rechtsstreits hingewiesen worden ist«.

Dreyer: »Herr L., noch mal, sollen wir weitermachen?«

L.: »Na klar.«

Verfahren aus Mutwilligkeit

Die Richterinnen und Richter ziehen sich zurück. Während der Kläger ruhig auf seinem Stuhl sitzt und mit niemandem spricht, beraten sie. Der Mann sitzt krumm, hat den Kopf gesenkt. Als die Richter zurückkommen, steht er auf.

Die Berufung werde zurückgewiesen, sagt der Vorsitzende Richter, die Feststellungsklage werde abgewiesen. »Dass wir es hier nicht mit einem 102-jährigen Menschen zu tun haben, ist, glaube ich, offensichtlich.« Das Verfahren sei aus Mutwilligkeit geführt worden, deshalb müsse der Kläger die Kosten tragen: 1000 Euro.

Der Prozess ist beendet. Revision: nicht zugelassen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.