Ceska-Killer Neun Leichen, eine Pistole, kein Motiv

Es ist die mysteriöseste Mordserie Europas: Seit fast acht Jahren zieht ein Unbekannter durch Deutschland und erschießt ausländische Kleinunternehmer. Ein Auftragskiller? Ein irrer Einzelgänger? Die Mordkommission "Bosporus" hofft, dass ihr der Zufall hilft.

Nürnberg - Der Mann trägt eine gestreifte Anzugshose, ein gestreiftes Hemd, eine gestreifte Krawatte. Sein Sakko hat er über den Stuhl gehängt, er nippt an einer Tasse Tee. Der Schreibtisch vor ihm ist tadellos aufgeräumt, das Zimmer 258 im Polizeipräsidium Mittelfranken nüchtern und kahl. Hinter dem Mann an der Wand hängt eine Postkarte. Darauf steht: "Wer viel redet, erfährt wenig."

Uwe Jornitz, 46, rundes Gesicht, Brille, ist einer der Beamten, die das wahrscheinlich rätselhafteste und unheimlichste Verbrechen Europas aufklären sollen. Der Kriminaloberrat leitet die Nürnberger Mordkommission "Bosporus" - sechs Ermittler, aufgeteilt in zwei Teams und die sogenannte Zentrale Sachbearbeitung . "Der Fall verfolgt mich bis in den Schlaf", sagt Jornitz.

Seit fast acht Jahren zieht ein unbekannter Mörder, vielleicht sind es auch mehrere Täter, Jornitz weiß es nicht, eine blutige Spur durch Deutschland. Neun Männer, meist Inhaber kleiner Läden, wurden regelrecht exekutiert - immer nach demselben Muster, durch Schüsse in den Kopf, am helllichten Tag, an belebten Straßen. Acht Deutsch-Türken waren es und ein Grieche, fast alle fleißig, unauffällig und gut integriert, getötet mit einer automatischen Pistole der Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter.

  • Als Erstes traf es den Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
  • Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag der tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
  • Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 28. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen. Den Ermittlern war klar: Die Morde haben System, die Waffe ist das verbindende Element. Nur: Wo ist ein Motiv, das zum Killer führen könnte?
  • Ende August waren der oder die Mörder zurück in Bayern: Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländischen Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
  • Zweieinhalb Jahre herrschte Ruhe, doch am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
  • Am 9. Juni 2005 kehrte der Täter nach Nürnberg zurück. Mit gezielten Schüssen tötete er Ismail Y., 50, in dessen Dönerstand an der Scharrerstraße, kurz bevor Kinder aus der benachbarten Schule in der Pause bei "Onkel Y." Snacks kaufen konnten. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Täter? Das Duo wurde nie gefunden.
  • Sechs Tage später, es war der 15. Juni 2005, erschoss der Unbekannte im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte. Wieder die Ceska, wieder der Kopf. Und: B. hatte viele türkische Freunde.
  • Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
  • Bei seiner vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internet-Café an der Holländischen Straße, obwohl mindestens drei Gäste sich dort aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.

Das sind im Wesentlichen die Fakten, zumindest der Teil, der für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Ermittler Jornitz, vor wenigen Monaten erst hat er die "MK Bosporus" übernommen, möchte sich die Details der Morde, das sogenannte "Täterwissen", für eine mögliche Vernehmung aufsparen. "Ich wünsche mir sehr, dass wir den Fall klären."

Zu sagen, das könne schwierig werden, wäre stark untertrieben.

Es gibt keine DNA- oder Faserspuren, keine Fingerabdrücke, keine brauchbaren Zeugenaussagen. Und vor allem, und das macht diesen Fall so mysteriös, gibt es kein Motiv.

Hunderte Polizeibeamte aus ganz Deutschland sind bislang 3500 Hinweisen nachgegangen, haben 11.000 Personen überprüft, 32 Millionen Daten gespeichert und 1200 Aktenordner gefüllt. Bis heute aber wissen sie nicht, warum die Männer sterben mussten. Sie haben nichts gefunden, was die acht Türken und den Griechen verbindet - die Art, wie sie getötet wurden, ausgenommen.

Die zwei Theorien der Ermittler

Schließlich haben die Polizisten sich auf zwei Theorien konzentriert: Entweder handelt es sich um einen Einzeltäter, der seine Opfer zufällig auswählt und möglicherweise aus persönlichen Gründen einen Hass gegenüber Ausländern hegt. Oder aber es gibt doch eine kriminelle Organisation, mit der die Getöteten in irgendeiner Beziehung standen und die ihnen einen oder mehrere Auftragskiller auf den Hals hetzte. Leider jedoch "spricht gegen beide Hypothesen so einiges", sagt Jornitz.

Der Auftragkiller

Berufskriminelle etwa, die für ihre Verbrechen bezahlt werden, tun nur das, was sie tun müssen. Sie hätten ihre Opfer wohl kaum am helllichten Tag erschossen, in der Hauptgeschäftszeit, wenn das Risiko, gesehen und gestellt zu werden, am größten ist. Auch waren in Kassel, Nürnberg und Rostock die Getöteten nur zufällig am Tatort. Ein Auftragskiller hätte sie daher zuvor mit großem Aufwand beschatten müssen. Unwahrscheinlich.

Ein irrer Einzelgänger also, ein Ausländerfeind? Auch gegen diese Annahme gibt es gute Argumente. Serienmörder töten, so haben die Fallanalytiker des Bundeskriminalamts herausgefunden, zumeist aus sexuellen Motiven und schlagen fast immer in der Nähe ihres Heimatorts zu. Der Ceska-Killer hingegen war in ganz Deutschland unterwegs. Und im Falle des in Kassel erschossenen Halit Y. sei von außen gar nicht erkennbar gewesen - etwa durch Schilder oder Plakate -, dass der Internet-Laden von einem Türken betrieben worden sei, so Jornitz.

Der Einzelgänger

Der Mörder - wenn man davon ausgeht, dass es sich um einen Einzeltäter handelt - könnte durch seinen Beruf sehr mobil und zeitlich flexibel sein. Da die Serie 2000 in Nürnberg begann und mit drei Morden dort ihren Schwerpunkt hat, vermuten die Ermittler, dass der Täter einen Bezug zu der Stadt hat, beispielsweise durch seine Wohnung oder Arbeitsstätte. Die Tatorte in Nürnberg ließen auch auf eine gewisse Ortskenntnis schließen, die Tatorte in anderen Städten hätten meist an Ausfallstraßen gelegen, sagt Jornitz.

Einmal, im Sommer 2006, gab es diesen Moment, als die Ermittler wie elektrisiert waren, als sie dachten, jetzt haben wir ihn, und es ein bisschen auch fürchteten. Ein hessischer Verfassungsschützer hatte sich, so stellte sich heraus, zur Tatzeit im Internet-Café des Getöteten Halit Y. aufgehalten. Doch bei der Polizei meldete er sich nicht. Die Zurückhaltung des Beamten, das ergaben die Ermittlungen, war indes darauf zurückzuführen, dass er sich im Internet auf Kontaktseiten umgetan hatte. Mit den Morden hatte er nichts zu tun.

Die Waffe

So bleibt den Ermittlern nur die Waffe. Hergestellt in der ehemaligen Tschechoslowakei, beliebt bei Geheimdienstlern des früheren Ostblocks, mit einem Schalldämpfer ausgerüstet etwa 40 Zentimeter lang. Der Killer hat vermutlich bei seinen jüngeren Taten durch eine Tüte gefeuert, um die Geschosshülsen aufzufangen. Ist er ein Profi?

Jedenfalls ist die Pistole nicht registriert, das wissen die Polizisten nun, nachdem sie in monatelanger Kleinarbeit und ohne große Hoffnung, das Rätsel auf diese Weise lösen zu können, sämtliche Ordnungsämter des Landes abgefragt haben. Ein Bundeszentralregister für Schusswaffen gibt es nämlich nicht.

"Manchmal wünsche ich mir", so sagt der Kriminalist Jornitz und will damit ganz deutlich machen, dass er nicht auf den nächsten Mord wartet, "dieser Fall hätte plötzlich ein Ende. Wir halten einen Wagen an, im Kofferraum liegt die Ceska, wir verhören den Mann, er gesteht." Ende, aus, vorbei.

Er ahnt, dass man es ihm so leicht nicht machen wird.

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