Gerhard Mauz im Manson-Prozess (1) Der Teufel und die Mädchen

1970 begann in den USA der Prozess gegen Charles Manson und seine Mörderbande. Aus dem Gerichtssaal beschrieb SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz die Bestialität der Taten und den Voyeurismus der Spießergesellschaft.
Charles Manson (Mitte, wird im Dezember 1969 zu einer Gerichtsanhörung geführt)

Charles Manson (Mitte, wird im Dezember 1969 zu einer Gerichtsanhörung geführt)

Foto: AP

DER SPIEGEL 27/1970

Der Strafprozeß, in dem siebenfacher Mord verhandelt werden soll, erweist sich schon beim ersten Augenschein vor Ort als ein Prozeß, in dem es um die Seele der Vereinigten Staaten geht.

Knapp über 1,60 groß, in blauem, geflicktem und verwaschenem Drillich huscht Charles Manson, 35, in den Saal 103 im achten Stock der Hall of Justice zu Los Angeles und nimmt neben seinem Verteidiger Platz. Mansons Auftritt macht kein Aufsehen und findet ohne jeden Aufwand statt.

Nur ein Sheriff hat Manson in den Saal begleitet. Den "Satan" umringen keine Riesen, die ihn argwöhnisch mit dem Finger am Abzug beobachten. Gelassenheit und Souveränität möchte die Justiz ausstrahlen.

Sie möchte den Eindruck vermitteln, daß für sie ein Prozeß wie jeder andere bevorsteht; daß also auch und gerade gegen Manson und seine drei Mitangeklagten der "fair trial" zelebriert werden wird, der faire, umfängliche Rechtsgarantien gewährende und respektierende Strafprozeß, der eine Säule der amerikanischen Verfassung ist.

Für Seine Ehren Richter Charles H. Older, 52, ist Manson "Mr. Manson" und Richter Older sagt "Danke", wenn Manson seiner Bitte entsprochen hat, aufzustehen und sich den Kandidaten für die Jury zu zeigen (was er mit vor der Brust verschränkten Armen getan hat und in strammer Haltung, wie ein Soldat, der leider nicht in Uniform auftreten darf - und einem freundlichen Lächeln dazu).

Nur fern von Los Angeles, in der Bundesrepublik zum Beispiel, kann gemeldet werden, Richter Older habe an der Kleidung der mit Manson angeklagten Leslie van Houten, Patricia Krenwinkel und Susan Atkins Anstoß genommen und eine oder gar alle jungen Frauen des Saals verwiesen. Sie erscheinen immer mal wieder anders und gern in leuchtendem Gelb. Und natürlich fiel es auf und wurde notiert, als Susan Atkins am Dienstag vergangener Woche in einem wehenden, grünen Overall erschien, dessen eines Hosenbein hell-, das andere dunkelgrün flatterte; in einem Gewand also, das prächtig zu dem paßt, was man über Manson und seinen "Harem" weiß, das jedoch keineswegs ein "durchsichtiger Pyjama" war.

Dergleichen löst keinen Ordnungsruf aus und zieht auch keine Vermahnung nach sich. Nur am ersten Tag hat es ein wenig Unruhe gegeben, als die vier Angeklagten mit ausgebreiteten Armen, wie Gekreuzigte, Aufstellung nahmen und es ablehnten, sich zu setzen.

Richter Older ist nicht jener Typ des amerikanischen Richters, der wie eine dräuende Wolke über der Sitzung schwebt. Doch seine Entschiedenheit ist verbindlich. Niemand hält den Atem an, wenn er spricht. Man hört ihm zu, weil es unhöflich wäre, einem Mann seiner Art nicht zuzuhören. Einem Mann wie Richter Older haben Leslie, Patricia und Susan es denn auch bislang nicht zugemutet, wie fälschlich gemeldet worden ist, auf erkennbare Weise ohne Büstenhalter zu erscheinen.

Richter Older wäre schon der rechte Mann, den Glauben an den "fair trial" zu bewahren. Doch Richter Older kämpft mit einer Wüste dort vor Augen, wo vor dem Tate-Bianca-Fall der "fair trial" als ein nicht immer erreichtes, aber immer noch als unbestrittenes und glaubhaftes Ziel stand. Gegen Manson und seine Mitangeklagten kann vor Geschworenen nur eine Justiz verhandeln, die sich zum Büttel machen läßt; die nicht frei entscheidet, sondern abräumt, was die Öffentlichkeit fortgeschafft haben will.

Am 8. August vergangenen Jahres wurden in der von dem polnischen Filmregisseur Polanski gemieteten Villa in Beverly Hills fünf Menschen ermordet, unter ihnen Polanskis Frau, die Schauspielerin Sharon Tate.

Roman Polanski und seine Frau Sharon Tate (1968)

Roman Polanski und seine Frau Sharon Tate (1968)

Foto: AFP

Zwei Tage später fand man in der Nähe das Ehepaar La Bianca ermordet vor.

Die grausame Ausführung der Taten, vor allem die Tötung der hochschwangeren Sharon Tate, löste in den Vereinigten Staaten Entsetzen aus.

Es schien sich in diesen Verbrechen etwas Unheimliches auszudrücken, ein Blick in den Abgrund aufzutun. Man war alarmiert. Da war etwas geschehen, das zu mehr aufrief, als zur Jagd nach den Tätern. Da war einmal mehr etwas durchgebrochen, herausgequollen, explodiert.

Fragen ohne Ende drängten sich auf: Fragen, die sich ein Land zu stellen hatte, in dem derartiges geschehen kann. Man hörte den Alarm - doch der Alarm löste nichts anderes aus als das System, mit dem sich die Vereinigten Staaten schon lange der Erschütterungen zu entledigen pflegen. Dieses System erreichte über der Anstrengung, den Tate-Bianca-Fall zu verdrängen, den Höhepunkt seiner Perfektion.

Heute ist das Verfahren komplett und geeignet zur Überwindung jeden Schocks, My Lal eingeschlossen. Heute gibt es tatsächlich ein Schema des Verdrängungsablaufs. Es beginnt, was die der "Manson-Gruppe" zur Last gelegten Morde in Kalifornien angeht, mit der Meldung vom Ereignis, von der die Tatsachen in aller Grausamkeit vermittelt werden. Dem folgen Berichte, in denen Kombinationen angestellt und erste Ermittlungsergehnisse so ungehemmt geschildert und interpretiert werden, daß die Ermittlungen nur zu rasch nicht mehr den Berichten vorangehen, sondern in den Sog der Berichte geraten.

Rauschgift, besagen die Spekulationen, kann im Spiel gewesen sein, und sofort werden diese Spekulationen so gewichtig, daß ihnen Rechnung getragen werden muß, auch wenn man sich damit allzufrüh in möglicherweise falscher Richtung festlegt. Im Tate-Bianca-Fall trieben hetzende, jagende Vermutungen bis zur These von Geheimbünden, okkulten Riten, Femeaktionen und Orgien.

Die Feststellung von Spuren und ihre Sicherung wurde gestört, nicht zuletzt weil journalistische Recherchen mit einer Energie stattfanden, als gäbe es keine Staatsanwaltschaft. Die Aufdeckung der Tatsache, daß eine um einen seltsamen Mann herum in der Wüste vegetierende Gruppe junger Leute mit den Morden in Zusammenhang stand, brachte die Verdrängungsmaschinerie endgültig auf höchste Touren.

Enthüllende Serien - "Ich war in Mansons Harem" - schossen aus dem Boden. Psychiater, Psychologen und Soziologen ließen sich dazu verleiten, Deutungen zu produzieren, die das Gefühl vermittelten, man wisse nun, wie alles gekommen und was durch wen geschehen sei. Höhepunkt der unbewußten, jedoch vollständig gegen jede nur mögliche Beunruhigung absichernden Verdrängungsaktion: die Veröffentlichung von "Dokumenten".

Das "Geständnis der Susan Atkins", dieses Papier, das um die ganze Welt lief - ist die Leistung von zwei Ghostwritern, die aus Fragen offenlassenden, Zweifel und Unruhe nährenden Unterlagen ein "Dokument" machten, das "absolute Gewißheit" über Motive, Hergang und Rollenverteilung in der "Manson-Bande" brachte.

Ein Mann namens Schiller, weder naiv noch sentimentalischen Wesens, war es, unter dessen Namen das Taschenbuch "The Killing of Sharon Tate" erschien, die "exklusive Story von Susan Atkins".

Daß Rundfunk, Fernsehen und Film das ihre taten, versteht sich. Es wurde kein Millimeter Bandbreite auf allen Mitteilungsbahnen ausgelassen: und immer und überall verkaufte man als erwiesene Tatsachen, was erst eine Gerichtsverhandlung als Tatsachen hätte feststellen können. Der Umstand, daß im amerikanischen Strafprozeß nicht nur die Verteidigung, sondern auch die Anklage als Partei operiert, führte zu den üblichen Bemühungen beider Parteien, die Öffentlichkeit vor der Verhandlung für sich einzunehmen. Im Tate-Bianca-Fall allerdings übertrafen auch diese Bemühungen jede Erfahrung.

Noch in der vergangenen Woche konnte eine Zeitschrift in Kalifornien ein Interview mit einem der beiden Anklagevertreter im Manson-Prozeß drucken, unter durchsichtiger Tarnung seines Namens, in dem dieser Ankläger massiv und kaltblütig seine Thesen als Tatbestände verkauft, an denen nicht zu rütteln ist.

Der Tate-Bianca-Fall ist heute für die amerikanische Öffentlichkeit etikettiert als der Fall "Manson-Bande" und unter dieser Überschrift eine erledigte, erläuterte Angelegenheit, zu welcher der Prozeß allenfalls ein paar prickelnde Details nachtragen kann.

So spähen denn auch Berichterstatter, ob Leslie, Patricia und Susan einen Büstenhalter tragen. Die Justiz, dahin geht die Erwartung der Öffentlichkeit, soll die "Manson-Bande" fortschaffen. Sie soll dabei selbstverständlich das Gesicht des "fair trial" wahren, denn der gehört zum Fundament des amerikanischen Selbstverständnisses. Das Gericht soll den Angeklagten "jede Chance einräumen", die von der Verfassung garantiert wird - obwohl diese Garantien in Sachen Manson bereits so total ruiniert worden sind, daß nichts mehr zu garantieren ist.

Der Tate-Bianca-Fall ist für die amerikanische Öffentlichkeit ein "Da-sieht-man-wo-es-hinführt"-Fall geworden und der soll von der Bühne, denn nun weiß man ja, wohin die Aufsässigkeit der Jugend, die sorglose Sexualität, der Protest gegen die Älteren, ihre Lebensart und die Kriege führen, die diese Älteren in Kenntnis der in Wahrheit zu verteidigenden Güter veranstalten.

Die ersten 80 Kandidaten für das Geschworenenamt hat Richter Older bereits verbraucht. Noch hat nur er die Kandidaten im Richterzimmer, in Anwesenheit der Parteien und der Angeklagten, geprüft. Er hat gefragt, ob sie für oder gegen die Todesstrafe sind, in welcher Hinsicht es für sie eine unzumutbare Belastung sein könnte, während einer mehrmonatigen Prozeßdauer in Klausur leben zu müssen; und er hat gefragt, ob sich die Kandidaten bereits eine Meinung über den zu verhandelnden Fall gebildet haben.

Richter Older sucht eine Jury, die es nicht geben kann. Er hat zwölf Männer und Frauen und Ersatzleute zu suchen, die nicht von der alles befriedigend erklärenden Verdrängungskampagne überrollt worden sind. Sollte endlich dennoch eine Jury stehen, die nicht die Jury sein kann, die von der Verfassung garantiert wird, dann wird damit der Gipfel erreicht sein, von dem aus sich das Ausmaß der Katastrophe überblicken läßt. Denn was hat die Anklage in der Hand?

Sie hat die höchst unsichere, ebenfalls angeklagte Kronzeugin Linda Kasabian, die 21jährige Mutter von zwei Kindern, die an die Stelle von Susan Atkins trat, nachdem diese ihr "Geständnis" widerrufen hatte.

Im übrigen kann man im vertraulichen Gespräch in der Hall of Justice in Los Angeles hören, daß Manson nur mit Hilfe einer unbestreitbaren Realität verurteilt werden kann: mit Hilfe jener monströsen Publizität, die der Fall Manson hatte, bevor der Prozeß begann.

Manson wurde von einer 16jährigen Dirne geboren. Sein Vater blieb unbekannt. Manson hat 20 von 35 Lebensjahren in Unfreiheit, in Zwangserziehung oder Haft verbracht. Die Mädchen, die ihm zuliefen und seine "Familie" darstellten, waren Elternhäusern entsprungen, in denen man zwischen Slums, Farbigen-Problem und Vietnam einerseits, andererseits aber der Mondlandung auf jenem Weg dahintrottete, der als "American way of life" ein der Selbstberuhigung dienender Fetisch ist.

Manson bescherte den Mädchen triviale Versionen von großen Gedanken. Er sagte, er sei Gott und Teufel und was man einem anderen tue, tue man auch sich. Manson lehrte die Selbstentdeckung und -vollendung als Aufgabe, bescherte Buddhistisches" Zen und Christentum in letzter Aufweichung - doch trug er all das bestimmt und als eingängige These und unmißverständlichen Auftrag vor. Er setzte Dürftigstes an eine Stelle, an der zuvor nichts gewesen war; nichts als Unruhe und Zweifel, deren Berechtigung oder gar Notwendigkeit von den Eltern und Älteren geleugnet worden war. "Nur ich selbst kann mich verurteilen", rief Manson vorletzte Woche der Presse zu.

Er liefert die Trivialfassungen zur Geschichte des Geistes ohne Zögern: ein kleiner Bursche, dem Knopfaugen im Gesicht stecken, über dessen Auftreten auch die Jesusfrisur keinen Abglanz breitet und von dem nichts ausgeht als die wilde Energie, dem Vegetieren ohne Hoffnung zu entrinnen, in das er geboren wurde.

Sein Instinkt ist der eines Ausgehungerten, seine Phantasie die eines Verdurstenden, und beides macht ihn auf das gefährlichste intuitiv - gefährlich intuitiv, was die Kluft zwischen dem "fair trial" als Deklamation und als Wirklichkeit betrifft. Da sticht er zu, da wird er weiter bohren.

Manson kommt aus dem Abgrund, über dem sich der amerikanische Traum an Wolken klammert. Er ist ein Ergebnis der Verdrängung, die ihn nun in die Verdrängung zurückstoßen möchte.

Leslie, Patricia und Susan tragen das Haar lang und mit Mittelscheitel. Sie machen weite, ernste Augen, wenn sie den Blick auf irgendwen oder irgendwas richten. Auch sie sind Trivialprodukte Mansons; die Trivialversion der jungen Amerikanerinnen, die fragen, zweifeln und protestieren.

Es wird alles, was an Manson gerät und was er anfaßt, trivial: zu einer Erinnerung an etwas also, das endgültig verloren sein, auf das man sich aber auch wieder besinnen kann.

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