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Schwarzen-Massaker von Charleston Hinterbliebene vergeben dem Angeklagten

Es war eigentlich ein Routinetermin: Dylann R., der mutmaßliche Todesschütze von Charleston, wurde dem Haftrichter vorgeführt. Doch die Anhörung wurde zu einem emotionalen Moment der Vergebung.

Zwei Polizisten führen Dylann R. in den fensterlosen Raum. Der 21-Jährige hat die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Er trägt einen gestreiften Sträflingsanzug, in dessen Brusttasche jemand ein Dokument gesteckt hat, grob gefaltet. Sein Pagenkopf ist ungekämmt. Mit bewegungsloser Miene blickt er in die Videokamera über ihm.

Nicht mal 48 Stunden nach dem Massaker in der Emanuel AME Church, der ältesten Schwarzen-Kirche in Charleston, South Carolina, erscheint der mutmaßliche Todesschütze erstmals vor dem Haftrichter. Aus Sicherheitsgründen ist R. per Video aus dem Gefängnis zugeschaltet. Es ist eine reine Formalität: Der Richter verliest die Vorwürfe und bestimmt die Kaution. Normalerweise ist so etwas schnell erledigt.

Doch diesmal verläuft die Anhörung anders. Magistratsrichter James Gosnell - der selbst die Emotionen kaum zurückhalten kann - erteilt den Hinterbliebenen der neun Todesopfer das Wort. Einer nach dem anderen tritt vor - die meisten vergeben dem Angeklagten, für den Nikki Haley, die Gouverneurin von South Carolina, die Todesstrafe gefordert hat.

Und so offenbart der kaum 30-minütige Pflichttermin, wie tief die traumatische Bluttat von Mittwochabend diese Südstaaten-Stadt getroffen hat - und wie außergewöhnlich die Leute damit umgehen.

R. wirkt kindlich, schmächtig und abwesend. Nicht cool, nicht feixend wie bei seiner Festnahme am Donnerstag. Eher wie ein Kind, das nicht weiß, was hier geschieht. Einer der beiden Polizisten, die sich in schusssicheren Westen hinter ihm postiert haben, ist kaum älter als er.

Als erstes spricht Richter Gosnell - und schon seine Worte lassen spüren, dass dies kein Routinefall ist. "Charleston ist eine sehr starke Gemeinde", sagt er. "Wir haben große Herzen. Wir sind eine sehr liebevolle Gemeinde. Und wir werden jedem die Hand reichen."

Damit meint Gosnell auch die Familie "dieses jungen Mannes", wie er R. nennt: Man müsse sich "dazu durchringen", auch den Angehörigen des Angeklagten zu helfen. "Niemand hätte sie in diesen Wirbelsturm aus Ereignissen geworfen, in den sie nun geworfen wurden", sagt er.

Doch dann zur Tagesordnung. Neunfacher Mord werde R. vorgeworfen, sagt Gosnell und fragt R. nach seiner Adresse, seinem Alter und seiner Beschäftigung (arbeitslos). R. antwortet einsilbig, ohne den Blick zu heben. Er spricht genau sechs Worte: "Yes, Sir", "No, Sir", "Yes, Sir."

"Der Hass wird nicht siegen"

Schließlich der Moment, der den Gerichtssaal mit immer lauterem Schluchzen erfüllt: Der Richter bittet die Hinterbliebenen zu Wort.

"Ich will, dass jeder weiß… ich vergebe dir", sagt eine der drei Töchter der 70-jährigen Ethel Lance, die R. erschossen haben soll. "Ich werde nie wieder mit ihr reden. Ich werde sie nie wieder umarmen können. Aber ich vergebe dir, und möge Gott Gnade haben mit deiner Seele."

So geht es weiter. "Ich vergebe dir, und meine Familie vergibt dir", sagt Anthony Thompson, Ehemann der getöteten Myra Thompson, 59. Er fügt hinzu: "Bereue… vor dem, der am wichtigsten ist - Christus."

"Wir hießen dich am Mittwoch in unserer Bibelstunde mit offenen Armen willkommen", sagt Felicia Sanders, deren 26-jähriger Sohn Tywanza Sanders das jüngste Opfer war. "Jede Faser meines Körpers tut weh, und ich werde nie wieder die selbe sein. Tywanza war mein Sohn. Tywanza war mein Held. Möge Gott Gnade mit dir haben."

"Ich liebte meinen Großvater", sagt Ava Simmons, Enkelin von Reverend Daniel Simmons, 74, der das Attentat überlebte, nur um auf dem Operationstisch zu sterben. Doch: "Der Hass wird nicht siegen."

Alle seien "so nett" gewesen, geschossen hat er trotzdem

"Der Hass wird nicht siegen", wiederholt auch ein Angehöriger der 49-jährigen DePayne Middleton-Doctor, 49. Er sei wütend, aber: "Wir sind eine Familie, die auf Liebe baut." Und dann, zu R.: "Gott segne dich."

Kurz zuvor haben Justizkreise erschütternde Details seiner ersten Aussagen in Polizeigewahrsam verbreitet. R. hat die Tat demnach sofort gestanden. Er habe einen "Rassenkrieg" anzetteln wollen, aber dann beinahe doch nicht zur Waffe gegriffen, nachdem er fast eine Stunde mit seinen Opfern in der Bibelstunde gesessen habe. Alle seien "so nett" zu ihm gewesen, habe er erzählt. Geschossen hat er trotzdem.

Zum Schluss setzt Richter Gosnell eine Kaution von einer Million Dollar fest - was bedeutet, dass R. wohl bis zum nächsten Gerichtstermin im Oktober in Untersuchungshaft bleibt. Fürs erste sitzt er in einer Zelle des Charleston County Jails. In der Zelle direkt neben ihm sitzt nach Angaben eines Justizsprechers der Ex-Polizist Michael S., der im April den unbewaffneten Schwarzen Walter Scott erschossen hatte.