Chefarzt vor Gericht "Untersuchungen" mit Sexspielzeug

Hat der Bamberger Chefarzt Heinz W. betäubte Patientinnen und Mitarbeiterinnen sexuell missbraucht? Vor Gericht streitet der 49-Jährige die Vorwürfe ab: Seine Untersuchungen hätten nur der Forschung gedient.

Der Angeklagte (r.) im Bamberger Landgericht: Chefarzt unter Verdacht
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Der Angeklagte (r.) im Bamberger Landgericht: Chefarzt unter Verdacht

Von , Bamberg


Bis zum 20. August des vergangenen Jahres war die Welt von Doktor Heinz W. in Ordnung. Der 49-Jährige, seit neun Jahren Chefarzt am Klinikum in Bamberg, galt bundesweit als Spezialist für Gefäßchirurgie. Mehrfach ausgezeichnet, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, sein Schwerpunkt: Beckenvenenthrombosen. Ein beliebter Vorgesetzter, geschätzter Kollege und besonnener Mensch, Vater zweier Kinder. Einer, der als Hobby angibt: "Sport und Familie."

Der letzte Familienurlaub endete im August mit der Festnahme von Heinz W. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Er soll auf seiner Station zwölf Frauen sexuell missbraucht und sich in einem Hotel an der Patentochter seiner Ehefrau vergangen haben. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft und ein Berufsverbot.

Vor der Strafkammer des Landgerichts Bamberg erscheint ein eloquenter Mann. Heinz W. trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte. Er schaut nicht weg, als sich die Fotografen und Kameraleute auf ihn stürzen. Seine Haltung ist ein Statement: Heinz W. ist sich keiner Schuld bewusst.

Aufmerksam liest er die Anklageschrift mit, als Oberstaatsanwalt Bernhard Lieb die Vorwürfe gegen ihn vorträgt: Demnach soll der renommierte Mediziner zwischen 2008 und 2014 zehn Patientinnen und zwei Mitarbeiterinnen erst narkotisiert, dann missbraucht haben - "zur Befriedigung seiner sexuellen Wünsche und Phantasien". Die Älteste war 28, die Jüngste 17 Jahre alt, alle auffallend schlank.

Ansprechbar, aber willenlos

Die meisten Patientinnen waren an einer Beckenvenenthrombose erkrankt. Heinz W. gaukelte ihnen nach Ansicht der Ermittler vor, er spritze ein Kontrastmittel für notwendige Nachuntersuchungen. Dabei habe es sich in Wahrheit um ein Narkotikum gehandelt, das die Frauen umgehend in einen steuerungsunfähigen, sedierten Zustand versetzt habe, der zwischen 30 und 90 Minuten angedauert habe. In dieser Zeit seien die Frauen zwar ansprechbar, aber willenlos gewesen. An die Handlungen selbst konnten sie sich nicht erinnern. Das Narkotikum löst einen abrupten Gedächtnisverlust aus.

Die Mitarbeiterinnen aus dem Klinikum Bamberg soll W. laut Anklage getäuscht haben, indem er ihnen von einer angeblichen Studie über Venenerkrankungen erzählte. Die Frauen stellten sich als Probandinnen zur Verfügung. Eine von ihnen, eine Medizinstudentin, wurde im Juli 2014 misstrauisch. Sie ließ sich nach dem "Eingriff" Blut abnehmen und konnte so das Narkotikum nachweisen. Ohne sie wäre Heinz W. nicht festgenommen worden.

Die anderen Frauen erfuhren erst durch die Polizei von dem mutmaßlichen Missbrauch: Heinz W. hatte von den "Untersuchungen" Bilder und Videofilme angefertigt - mehr als eine Million Fotos stellten die Ermittler in seinem Büro und in seinem Zuhause sicher. Sie belegen, dass Heinz W. auch mit Sexspielzeug hantierte. "Er wollte sich sexuell erregen", sagt Staatsanwalt Lieb in seinem fast einstündigen Vortrag. "Unter Missbrauch seines Berufs und des ihm entgegengebrachten Vertrauens" habe der Arzt die "arglosen, gutgläubigen Frauen" außerhalb der Sprechstunde in die Falle gelockt.

Heinz W. ist angeklagt wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung, gefährlicher Körperverletzung sowie Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.

"Neue Methoden der Untersuchung"

Der Arzt streitet die Vorwürfe ab, er beharrt darauf: Die Eingriffe waren medizinisch notwendig, ganz im Sinne der Wissenschaft und keinesfalls sexuell motiviert, die Bilder dienten Aus- und Fortbildungszwecken. Sein Verteidiger Klaus Bernsmann spricht von "neuen, ungewöhnlichen, für den Laien unverständlichen Methoden der Untersuchung" - und von einer "Vorverurteilung" seines Mandanten.

"Die Vernichtung von Herrn Doktor W. ist in vollem Gang und nicht mehr aufzuhalten", sagt Anwalt Bernsmann. Das Leben des einstigen Chefarztes habe sich radikal geändert.

Das ist spürbar, als Heinz W. aufsteht, um über sein bisheriges Leben zu sprechen. "Sie können sitzenbleiben", weist ihn der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt freundlich zurecht. Heinz W. setzt sich wieder und erzählt: von seinem Leben als erfolgreicher Arzt, von den vielen Auszeichnungen, Kampagnen, Forschungsprojekten und beruflichen Engagements, die ihn bis nach Hawaii führten.

Von seiner Einzelkämpferausbildung bei der Bundeswehr, den 19 Fallschirmsprüngen und wie er Musik gemacht hat auf Ausflugsdampfern, um sich ein bisschen Geld zu verdienen. Von seiner Zeit als Kinderbetreuer, Tutor und Arzt im Praktikum. Von seiner an Alzheimer erkrankten Mutter, die er jede Woche besuchte, bis er in Haft kam. Und von seiner Tochter und seinem Sohn und seiner Ehefrau, selbst Ärztin und inzwischen Lektorin. "Unsere Ehe ist durch die Vorwürfe belastet, aber keineswegs zerrüttet", sagt Heinz W. Es klingt voller Hoffnung.

Aber was wird seine Ehefrau gesagt haben, als sie vom Verdacht erfuhr, dass Heinz W. im vergangenen Juni auch ihre Patentochter missbraucht haben soll? Laut Staatsanwaltschaft soll er die damals 18-Jährige nach dem Besuch eines Musicals erst an der Bar eines Hotels betrunken gemacht und dann in ein Doppelzimmer geführt haben, in dem er zuvor heimlich eine Kamera installiert hatte.

Im weiteren Prozess wird interessant werden, wie die Verteidigung gerade die in dem Hotel aufgenommenen Bilder rechtfertigen will - und wie die Kammer die angeblich medizinisch notwendigen Fotos und Filme aus der Klinik bewertet.



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