Internetkriminalität Das Ende von Chemical Revolution

Es war der größte Online-Drogenshop Deutschlands, die Fahnder jagten die Verdächtigen über ein Jahr. Nach Informationen von SPIEGEL und NDR zeigen die Ermittlungsakten: Erst durch einen Verräter gelang dem BKA der Zugriff.
Vom Zoll sichergestellte Ecstasy-Tabletten (Symbolbild)

Vom Zoll sichergestellte Ecstasy-Tabletten (Symbolbild)

Foto: Oliver Berg/ dpa

Bei den Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA) gegen Deutschlands größten Drogen-Onlineshop Chemical Revolution paktierte einer der gefassten Tatverdächtigen mit den Fahndern. Das geht aus der Ermittlungsakte hervor, die dem SPIEGEL und dem NDR vorliegt. Der 29-jährige gebürtige Pole, nach eigener Aussage die Nummer zwei in der Hierarchie der Bande, lockte demnach einen seiner früheren Komplizen in eine Falle der Polizei.

Bei einer fingierten Übergabe von mehr als zwölf Kilogramm Rauschgift im Februar 2019 in Hamburg traten zwei verdeckte BKA-Ermittler als Kaufinteressenten auf; so konnte der mutmaßliche Drogenlieferant von Chemical Revolution festgenommen werden. Der Kollaborateur brachte die Ermittler auch auf die Spur des mutmaßlichen Bandenchefs. In einer Vernehmung identifizierte er einen damals 26-jährigen gebürtigen Münchner "zu hundert Prozent" als den Kopf der Cyberdealer. Danach begann die Observierung des Hauptbeschuldigten, der auf Mallorca lebte. Nach seiner Einreise nach Deutschland wurde der Mann Ende Mai 2019 im bayerischen Aschheim verhaftet.

"Neue psychoaktive Stoffe"

Laut der Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main sollen elf Angeschuldigte von September 2017 bis Februar 2019 "in unterschiedlicher Beteiligung" jedenfalls in 320 Fällen über den Cybermarktplatz Drogen gehandelt haben: mehr als 130 Kilogramm Amphetamin, 42 Kilogramm Cannabis, 17 Kilogramm kristallines MDMA, 6 Kilogramm Kokain, 1 Kilogramm Heroin sowie "neue psychoaktive Stoffe".

Laut der Anklage sollen die Beschuldigten mit ihren Drogendeals im Internet umgerechnet mehr als eine Million Euro erlangt haben. Ein Prozesstermin steht noch aus. Auch die Frage des Gerichtsortes ist bislang nicht geklärt. Ein Vorsitzender Richter am Landgericht Gießen verwies Ende Februar darauf, dass dort selbst der größte Sitzungssaal für den Prozess "aus Kapazitätsgründen" ungeeignet sei. Die Anklage benennt 47 Zeugen und 6 Sachverständige.

"Es ist definitiv feststellbar, dass der Rauschgifthandel im Internet in den letzten Jahren stetig zugenommen und sich aktuell auf hohem Niveau eingependelt hat", erklärte das BKA auf Anfrage von SPIEGEL und NDR. Der digitale Drogenversand könne neue Käufergruppen anwerben, heißt es aus dem BKA, zudem würden aktuelle Polizeistatistiken darauf hindeuten, dass ländliche Regionen "etwas stärker betroffen sein könnten als städtische".

Generell biete das Internet den Käufern einen "relativ einfachen und vermeintlich sicheren Zugang zu Betäubungsmitteln". So werden nach Einschätzung der Ermittler womöglich auch Kunden angesprochen, "die durch den konventionellen Zugang zu Betäubungsmitteln", etwa über den Drogenverkäufer am Bahnhof, bislang eher abgeschreckt worden seien.

Bei den Dealern im Internet handelt es sich nach Einschätzung des BKA oftmals um "junge, männliche, computeraffine Personen". Häufig seien diese Täter "noch relativ neu im Geschäft" und nicht so stark in bestehende Netzwerke eingebunden wie "klassische Täter". Dies scheint auch auf die meisten Beschuldigten von Chemical Revolution zuzutreffen. Alle elf Tatverdächtigen sind männlich, nur einer von ihnen ist älter als 40 Jahre.

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