Prozess um Messerstecherei in Chemnitz  Wie war es wirklich?

Im Prozess um die tödliche Messerattacke vom August 2018 hat der wichtigste Zeuge Erinnerungslücken. Das könnte für die Justiz zu einem Problem werden.
Alaa S. am Chemnitzer Landgericht (Archivfoto vom 18. März)

Alaa S. am Chemnitzer Landgericht (Archivfoto vom 18. März)

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL/ AFP

Für den Zeugen ist es ein schwerer Gang, es ist seine Aussage, auf die seit Beginn des Prozesses alle warten. Bislang hat noch kein anderer Zeuge im Verfahren um den tödlichen Messerangriff von Chemnitz in Alaa S. einen der Täter erkannt. Der Hauptbeschuldigte, Farhad A., hat sich wohl ins Ausland abgesetzt, nach ihm fahndet die Polizei. Nur einer hat den Friseur aus Syrien bei der Polizei belastet, Younis Al N. Auf seine Angaben stützt sich die Anklage im Prozess um die tödliche Messerattacke von Chemnitz.

Nur Younis Al N. selbst, 30 Jahre alt, aus dem Libanon und Koch im Alanya-Döner in Chemnitz, würde am liebsten gar nichts mehr sagen, nach drei Vernehmungen bei der Polizei und beim Ermittlungsrichter, in denen er jedes Mal anders beschrieb, was er beobachtet haben wollte, in der Nacht vom 25. August, in der Daniel Hillig starb, getroffen von fünf Messerstichen. Aus dem Fenster des Döner-Imbisses will er gesehen haben, was sich in mehr als 40 Meter Entfernung kurz nach drei Uhr morgens auf der Straße abspielte.

Es ist für Younis Al N. der zweite Auftritt vor diesem Gericht. Vor zwei Wochen saß er auf dem gleichen Stuhl im Hochsicherheitssaal des Dresdner Oberlandesgerichts. Da riet ihm sein Zeugenbeistand, nicht auszusagen: So widersprüchlich seien seine bisherigen Aussagen bei der Polizei und beim Untersuchungsrichter gewesen, dass der als Zeuge vor Gericht Gefahr laufe, sich strafbar zu machen durch eine Falschbeschuldigung.

"Das heißt, Sie müssen hier aussagen"

Doch das Oberlandesgericht, erläutert die Vorsitzende Richterin Simone Herberger dem Zeugen an diesem Nachmittag, habe entschieden, dass er kein Recht habe, die Auskunft zu verweigern: "Das heißt, Sie müssen hier aussagen."

Al N., ein rundlicher Mann mit Stupsnase, sinkt über der Tischplatte in sich zusammen, wie soll er all die Widersprüche erklären? Einmal wollte er inmitten des Handgemenges, bei dem Daniel Hillig zu Tode kam, den Angeklagten Alaa S. und den flüchtigen Hauptverdächtigen Farhad A. erkannt haben. Er schilderte einen detaillierten Tatablauf, bei dem beide ihr Opfer traktierten. Ein anderes Mal sagte er, er habe nur ein "Knäuel" gesehen, aber nicht, wer was tat. In einer Vernehmung fiel ihm ein, Alaa S. und Farhad A. seien auf ihrer Flucht vor der Polizei mit "blutverschmierten Händen" an ihm vorbeigerannt. In einer Vernehmung soll der Koch von Stichbewegungen gesprochen haben, aber das hat er später korrigiert, ein Übersetzungsfehler. Die Dolmetscher beharren darauf, er habe Stichbewegung gesagt.

Wie war es nun wirklich?

Younis Al N. räuspert sich, dann übersetzt die Dolmetscherin: Am 26. August 2018 hätten drei Leute bei ihm Döner bestellt, ein Mann namens Said, ein Libyer und der Juan - das ist der Spitzname des Angeklagten Alaa S.. Dann habe es draußen eine Schreierei gegeben, die "Jungs" seien rausgegangen, wo Farhad am Boden gelegen habe, dann seien sie zu viert auf die anderen zugegangen. "Dann kam eine Auseinandersetzung. Das war's."

"Können Sie die Auseinandersetzung beschreiben?", fragt die Vorsitzende. Aber der wichtigste Zeuge der Anklage kann sich auf einmal nicht mehr erinnern. "Ich weiß es nicht, wer wen geschlagen hat", sagt er. "Es gab viele Leute draußen."

"War der Juan beteiligt?" - "Ich habe es nicht genau gesehen." Die Vorsitzende wirkt konsterniert: Wie er dann darauf gekommen sei, ihn vor der Polizei zu beschuldigen? "Die Jungs waren bei mir im Döner, dann sind sie rausgelaufen. Ich habe es vermutet, dass sie es waren."

Stummes Kopfschütteln

"In ihrer richterlichen Vernehmung haben Sie geschildert, wie es zu den Verletzungen kam", setzt Herberger noch mal an: "Wie wurde auf den Daniel eingewirkt?"

Younis Al N. schüttelt nur stumm den Kopf.

Der Koch sagt, die Dolmetscher hätten nicht richtig übersetzt. Er habe das auch der Polizei gesagt. "Aber die sagten nur, es gibt keinen anderen Dolmetscher." Nur in der zweiten Vernehmung habe es mit einem anderen Dolmetscher geklappt.

Es war die Vernehmung, in der er angab, Farhad und Juan seien nach der Attacke an ihm vorbeigerannt. Die Vorsitzende Richterin nimmt das Protokoll: "Da haben Sie gesagt: Ich habe dabei gesehen, dass beide blutverschmierte Händen hatten." - "Das stimmt nicht", sagt der Koch. "Haben Sie das so gesagt?" - "Ich erinnere mich nicht mehr."

Ein Desaster für die Anklage, der Staatsanwalt massiert mit gerötetem Gesicht die Nasenwurzel, Herberger unterbricht die Verhandlung. Steht das Verfahren unversehens vor seinem Ende?

Es reiht sich Widerspruch an Widerspruch

Nach zwanzig Minuten Pause nimmt die Vorsitzende neuen Anlauf. Sie sagt, der Gedächtnisverlust des Zeugen sei für das Gericht "nicht nachvollziehbar": "Sie haben laut Protokoll bei einer Vernehmung demonstriert, wie geschlagen wurde." Danach habe Farhad A. von hinten die Attacke auf Daniel Hillig geführt, während Alaa S. ihn mit dem linken Arm um den Nacken gefasst und mit der rechten Hand die Bewegungen ausgeführt habe, die als Stichbewegungen ins Protokoll gelangten. Eine recht konkrete Tatschilderung.

Der Koch ist erschöpft, er reiht nun Widerspruch an Widerspruch: Nein, so habe er das nicht sehen können, es war ja dunkel. Er habe Boxbewegungen gesehen. Er habe die Jungs gesehen, als sie den Döner-Imbiss verließen, "und da konnte ich mir vorstellen, dass sie das gemacht haben". Alles geht durcheinander: Hörensagen, Vorstellung, selbst Gesehenes. "Es kann sein, dass ich etwas gesagt habe bei der Polizei. Aber ich erinnere mich jetzt nicht mehr."

Nur warum? Die Fragen der Vorsitzenden zielen nun in eine andere Richtung. Younis Al N. ist an diesem Tag nicht allein gekommen, drei Personenschützer sitzen mit im Saal. Der Koch hat bei der Polizei gesagt, er werde bedroht. "Jeden Tag kommen Leute zu mir, Ausländer wie ich." Ein Mann habe ihn nachts aufgefordert mit in eine Shisha-Bar zu kommen. Dort seien sieben oder acht Männer gewesen. Sie hätten gesagt, man werde ihn umbringen und in seine Heimat schicken, wenn er etwas sage. "Ich habe gesagt, dann bringt mich um." Einmal habe ihn jemand vor der Tür seines Ladens mit einem Stuhl geschlagen.

"Haben Sie heute Angst?", fragt die Vorsitzende Richterin?

"Sicher."

"Vor wem?"

"Weiß ich nicht."

Younis Al N. ist am Ende seiner Kraft, aber nach der Richterin ist erst mal der Staatsanwalt dran mit seinen Fragen: "Können Sie sich noch erinnern an die richterliche Vernehmung, wo wir beide gemeinsam den Tathergang simuliert haben?", fragt Stefan Butzkies. Der Koch nickt schwach.

Ob der Zeuge wohl bereit wäre, dies zu wiederholen, an Ort und Stelle: "Mit Erlaubnis des Gerichts könnten wir es gerne noch mal vorführen."

"Ich kann nicht mehr", sagt der Zeuge. "Es geht mir schlecht."

Die Vorsitzende Richterin schickt noch mal alle für zehn Minuten in die Pause, danach fragt der Staatsanwalt erneut: "Haben Sie das damals zutreffend mit mir simuliert?" - "Ja", sagt der Zeuge.

Butzkies lehnt sich zurück: "Keine weiteren Fragen."

Am 20. Mai muss Younis Al N. noch mal vor dem Gericht erscheinen. Die Verteidigung hat angekündigt, sie habe genug Fragen für einen weiteren Tag.

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